Wirtschaft : Immobilienfonds in Schieflage

Britische Gesellschaft Aberdeen löst Fonds mit 1,4 Milliarden Euro auf – 90 000 Anleger sind betroffen

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Einstürzende Neubauten. Der Verkauf einer Immobilie im Pariser Büroviertel La Défense im September 2010 half dem Degi-Eigentümer Aberdeen nicht aus der Bredouille. Foto: AFP Foto: AFP
Einstürzende Neubauten. Der Verkauf einer Immobilie im Pariser Büroviertel La Défense im September 2010 half dem Degi-Eigentümer...Foto: AFP

Berlin - Viele Jahrzehnte galten sie als sichere Anlage, nun geraten immer mehr offene Immobilienfonds in die Schieflage. Am Freitag teilte die Fondsgesellschaft Aberdeen mit, dass der Fondsklassiker „Degi Europa“ aufgelöst wird. Betroffen sind etwa 90 000 Anleger, die rund 1,35 Milliarden Euro angelegt haben. Erst kürzlich war der „Kan-Am US Grundinvest“ liquidiert worden.

Bis 2013 soll nun das verbliebene Fondsvermögen des Degi Europa, der schon seit 1972 auf dem Markt ist, in mehreren halbjährlichen Schritten ausbezahlt werden. Details und Höhe der Rückzahlungen hängen davon ab, wie und zu welchem Preis die Fondsgesellschaft Aberdeen die Immobilien verkaufen kann, beziehungsweise welche Kosten für Kredite und deren vorzeitige Tilgung vom Fondsvermögen abzuziehen sind. Die Aberdeen-Gruppe verwaltete Mitte des Jahres weltweit ein Vermögen von rund 200 Milliarden Euro.

Die Krise der Offenen Immobilienfonds hat damit einen neuen Höhepunkt erreicht. Aberdeen hatte die Degi-Fonds 2007 von der Dresdner Bank übernommen. Das Geldinstitut, das damals zum Allianz-Konzern gehörte, hatte zugesichert, weiterhin Anleger für die Fonds zu werben. Nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank lenkte der Vertrieb neue Gelder aber zunehmend in Commerzbank-Produkte. Die Folge: Die Degi-Fonds mussten im Oktober 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, die Rücknahme von Anteilen einstellen – wie ein Dutzend anderer Wettbewerber auch. Dies ist gesetzlich für maximal zwei Jahre erlaubt. Zu viele Anleger hatten gleichzeitig ihre Fondsanteile verkaufen wollen.

Wie Aberdeen am Freitag mitteilte, verfügt der Degi Europa zwar über 30 Prozent liquides Kapital. Dies werde jedoch nicht ausreichen, um alle absehbaren Verkaufswünsche zu befriedigen. Denn Aberdeen musste das Degi-Europa-Portfolio, das hauptsächlich in Immobilien in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden investiert ist, im vergangenen Jahr um fast 24 Prozent abwerten. Seit der Schließung fiel der Anteilspreis deshalb von knapp 65 auf gut 48 Euro. An der Börse Hamburg notierte das Papier zuletzt gar nur noch bei rund 28 Euro. Zu diesem Preis können sich Anleger weiter schnell von dem Fonds trennen.

Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) richtete eine Plattform für betroffene Anleger ein (www.sdk.de) und forderte eine „transparente und schonende Liquidation“ des Fonds, bei der institutionelle und private Anleger gleich behandelt würden. Ferner will die SdK prüfen, ob „Vermögensberater ihre Kunden dahingehend falsch informiert haben, dass sie trotz der Möglichkeit einer Schließung behauptet haben, das mündelsicher angelegte Geld sei stets verfügbar“.

Derzeit sind nach Angaben des Fondsverbandes BVI neben dem Degi Europa weitere neun Fonds geschlossen. Erst im August verlängerte die SEB die Sperrung ihres „Immoinvest“ um bis zu neun Monate. „Zum Schutz der Anleger“, wie es hieß. Auch bei der Commerzbank drohte nach enormen Mittelabflüssen eine Schließung, die jedoch durch eine Fusion der beiden Hausinvest-Fonds verhindert werden konnte. Anfang November müssten nun sowohl der Degi International als auch der Morgan Stanley P2 Value wieder öffnen. Morgan-Stanley hatte sein Immobilien-Portfolio in den letzten zwei Jahren um fast 50 Prozent abwerten müssen.

Laut BVI waren Ende August rund ein Dutzend offene Immobilienfonds in Deutschland eingefroren, die zusammen knapp 25 Milliarden Euro vor allem für Privatanleger verwalten. Insgesamt waren laut Übersicht rund 88 Milliarden Euro in offenen Immobilienfonds angelegt.

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