Wirtschaft : In Asiens Tigerstaaten hat die Reflexion eingesetzt

DANIEL KESTENHOLZ[BANGKOK]

Nachdenken über die Ursachen der Krise / Das Übel muß an der Wurzel, bei Bildung und Armutsbekämpfung gepackt werdenVON DANIEL KESTENHOLZ, BANGKOK

Bis Mitte 1997 erregte Asiens Wirtschaftswunder den Neid der Welt.Ob in Indonesien, Thailand, Malaysia oder Südkorea, Baukräne drehten sich in den Megastädten im Gleichtakt, Reisebüros feierten Hochkonjuktur mit Reisen nach London, Paris, New York, und die Regierungen stellten sich blind gegenüber Rechtswillkür und Fehlentwicklungen, obwohl Asiens Wunder nicht zuletzt auf dem Raubbau an der Natur, der Ausbeutung der armen Massen, Korruption und einem Geldwesen ohne jede Transparenz beruhte.Die Seifenblase ist geplatzt.Aus den Städten ragen Bauruinen, Urlaub wird, wenn, zuhause gemacht.Die zahllosen Publikationen, die just noch das Pazifische Millennium heraufbeschwörten, lagern heute beim Altpapier.Den Modellfall Asien gibt es nicht. Südkorea, Thailand und Indonesien haben soviel, oder eben sowenig gemeinsam wie Deutschland, Norwegen und Spanien.Die Quelle des Wirtschaftswunders liegt nicht in der asiatischen Kultur.Tugenden wie Disziplin und Gehorsam gegenüber Älteren und Vorgesetzten sind hilfreich, aber offenbar nicht genug.Die vielgerühmten "asian values", die Werte Asiens, die doch kein Politiker genau zu beschreiben vermag, entblössen sich als eitles Wunschkonstrukt, das angeblich die Gemeinschaft über das Individuum setzt, in Wahrheit aber Kritik scheut. 1997 wird als das Jahr der kolossalen Bürgschaften in die Geschichte eingehen.Thailand, Indonesien und Südkorea haben von der Weltgemeinschaft unter Federführung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank über 100 Mrd.US-Dollar an Notkrediten erhalten.Zündfunke für den monetären Flächenbrand, der Währungen und Börsenmärkte in Mitleidenschaft zog, war die Kapitulation der thailändischen Zentralbank, den Baht nicht länger mit Milliarden an Währungsreserven zu stützen.Eine Kettenreaktion von Kuala Lumpur über Jakarta, Manila bis Seoul folgte.Anleger verloren das Vertrauen, zogen ihre Aktien aus den Tigerstaaten ab.Lediglich Hongkong erlitt nur leichte Verbrennungen, doch die Rettung von Hongkongs Dollar war entsprechend teuer.Die Währung bleibt auch als einzige an den US-Dollar gekoppelt.Mit einer Loslösung des Hongkong-Dollars aus seinem starren Korsett würden der überhitzte Immobilienmarkt des Territoriums und die Börse zusammenbrechen.Ein Prestigeverlust, der für das "Mutterland" China einer Todschande gleichkäme.Längerfristig wird aber auch Hongkong nicht um ein "floating" seiner Währung herumkommen.Südkorea, Asiens Wirtschaftsmotor neben Japan, schüttete Milliarden in die Stützung des Won.Ohne Erfolg.Heute kostet der Won knapp einen Drittel seines Wertes im Vorjahr. Wer in Asiens Krise überlebt, geht gestärkt daraus hervor, sind sich Ökonomen einig.Anpassungen an die neuen Marktrealitäten werden aber nicht nur durch Kapitalmangel und das geschwundene Vertrauen von Investoren behindert, sondern auch durch Pariastaaten wie Birma und Kambodscha.Bis Jahresmitte waren westliche Nationen, die eine verstärkte Demokratisierung Birmas oder Kambodschas forderten, als Neokolonisten verschrien, und Malaysias Premier Mahathir beschuldigte den Westen einer Verschwörung, Asiens Boomwunder mutwillig zu zerstören.Heute gesteht Mahathir ein, daß die Asian values nicht zwingend universell sein müssen.Jüngere Asiaten kennen die Lehren des Konfuzius oft nur vom Hörensagen.Sie lesen Hesse und Hemingway, haben eine Vorliebe für Produkte des Westens ­ doch nicht um verwestlicht, sondern um modern zu werden ­, und das bislang stumm geduldete Diktat des Familienältesten schwindet.Offenbar liefern die Asian values immer weniger befriedigende Antworten auf drängende Fragen. Immerhin zwingt Asiens Krise die politischen Führer zur Selbstreflektion.Mit dem unter Asiaten gefürchteten Gesichtsverlust, der auf die Währungs- und Börseneinbrüche folgte, sind die großen Verfechter der Asien values, allen voran Malaysias Premier Mahathir und Singapurs "elder statesman" Lee Kuan Yew, auffallend still geworden.Die magische Aura über der Region ist erloschen, ehrgeizige Mammutprojekte wie überdimensionierte Kraftwerke, Flughäfen und Megastädte vom Reißbrett sind eingefroren worden.Für Nicht-Asiaten ist es schwierig sich auszumalen, was es die prestigesüchtigen Asiaten an Überwindung gekostet haben muß, die Weltgemeinschaft um Notkredite zu bitten. Über die Auswirkungen der Krise auf den Weltmarkt muß weiter spekuliert werden.Asiens Krise wird das globale Wachstum 1998 von 4,3 auf 3,5 Prozent abschwächen, prognostiziert der IWF.Die Wachstumsraten der Tigerstaaten brechen teils auf Nullraten ein.Doch ihre Wirtschaften sind klein, die Verknüpfungen mit dem globalen Markt bescheiden.Die übrigen sogenannten "Drachenstaaten" ­ Taiwan, Hongkong und Singapur ­ sind zumindest verwundet, blühen aber, nach westlichen Standards, noch immer.Die Krisenopfer Japan und Südkorea indes gehören zu den weltgrößten Importeuren und Investoren.Wenn die Bürger dort den Gürtel enger schnallen, der Konsum zurückgeht und Investitionen schwinden, werden Entlassungen und Bankrotte zunehmen.Und Beobachter warnen schon jetzt vor sozialen Unruhen. Wird sich Asien den Ruf als Rettungsanker einer stagnierenden Weltwirtschaft längerfristig wieder sichern? Immerhin ist die Zahl der Schüler an der deutschsprachigen Schule in Bangkok innert eines Jahres um knapp einen Viertel gesunken.Ihre Väter wurden nach Europa zurückversetzt.Doch die Asiaten haben sich als wendige, aggressive Mitspieler auf dem Weltmarkt erwiesen.Überdies begünstigen die veränderten Währungsrelationen neue Expansionspläne internationaler Großkonzerne.Nachholbedarf ist sicher da: Noch setzen deutsche Firmen beispielsweise mehr Geld mit Italien um als mit allen Ländern Asiens zusammen.Noch sind die Infrastrukturen in den meisten Ländern kläglich, über die kommenden Jahrzehnte werden in Asien mehr Straßen, Kraftwerke und Flughäfen gebaut als irgendwo sonst.Asiens Wirtschaftskrise ist vorerst eine Wertberichtigung.Doch ob Wunder oder Krise, für Asiens Bedürftige, das größte Armenheer der Welt, sah die Zukunft auch während der Boomzeit düster aus.Packen Asiens Führer die Übel nicht an der Wurzel, sprich: beim Bildungswesen und einem Minimum an Sozialstaat, ist jeder Aufschwung nur eine weitere Seifenblase.

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