Wirtschaft : In der Bibel gibt es keine Oma

Die Politik idealisiert die Großfamilie – doch die hat es eigentlich nie gegeben Von Gert G. Wagner

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Zum Heiligabend gehört für viele Kinder das Zusammensein mit Großeltern. Wer das erlebt hat, erinnert sich ein Leben lang daran. So wird die Mär von der Tradition der Großfamilie in Drei-Generationen-Haushalten gepflegt. Doch gerade in den letzten Jahrzehnten lebten die drei Generationen meist nicht unter einem Dach, sie kamen nur an Weihnachten zusammen. Den damit verbundenen Stress vergisst man gerne.

Gerade Ökonomen beschwören oft die angeblich althergebrachte Altersversorgung im Drei-Generationen-Verbund. Moderne Rentensysteme störten diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt, deshalb würden auch immer weniger Kinder geboren – die Rente ersetze sie ja.

Ein Zurück zur Großfamilie wird es aber nicht geben. Denn die Drei-Generationen-Familie ist ein modernes Phänomen. Historische Erfahrungen mit ihr fehlen. Daher fällt es uns auch so schwer, mit der Alterung umzugehen. Pflegebedürftige Urgroßeltern waren fast in der gesamten Menschheitsgeschichte unbekannt. Selbst Drei-Generationen-Familien gibt es noch nicht lange. In der Bibel geht es zwar um lange Zeiträume, Stammbäume über zig Generationen spielen eine große Rolle, Enkel-Großeltern-Geschichten kommen aber nicht vor.

Die wenigen Alten, die es früher gab, gehörten meist der Oberschicht an und galten als weise. Gebrechlichkeit im Alter wird in der Bibel systematisch ignoriert. Wenn Ur-Alte vorkommen, dann sogar als fruchtbare Greise, die auf wundersame Weise noch Kinder bekommen – wie bei Abraham, der mit 100 Jahren Vater von Isaak wurde.

Intakte Großfamilien sind ein Phänomen des Bürgertums. In landwirtschaftlichen Gesellschaften hingegen wurden die Altbauern aufs wenig idyllische Altenteil geschickt. Arbeiter lebten meist nicht lange und wohnten in beengten Verhältnissen. Nur in großbürgerlichen Familien konnten drei Generationen bequem zusammenleben. Es gab genügend Platz und billiges Hauspersonal, das auch Pflegearbeit übernehmen konnte.

Erst heute stellt sich die Frage nach dem vernünftigen Zusammenleben von drei und sogar vier Generationen. Jede und jeder einzelne und die gesamte Gesellschaft müssen sich daran gewöhnen. Der christliche Glaube hilft nur abstrakt weiter – die Bibel erzählt nichts über den Umgang mit Intensivmedizin und Patientenverfügungen. Wie sich Konflikte von Mehr-Generationen-Familien unter einem Dach lösen lassen, müssen wir uns selbst erarbeiten. Die großbürgerliche Lösung in palastartigen Wohnungen und mit Hausmädchen kann nicht das Standardmodell werden. Wir müssen uns um einander kümmern. Ob Mehr-Generationen-Häuser dazu gehören, wie sie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen will, wird sich weisen. Sie sind einen Versuch wert. Wenn wir gerade an Weihnachten lernen, wie drei und gar vier Generationen gut miteinander auskommen, werden sich die heutigen Kinder und Jugendlichen gerne ein Leben lang daran zurückerinnern.

Professor Gert G. Wagner, TU Berlin, ist Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Vorsitzender der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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