Wirtschaft : In der Haftungsfalle

Die US-Börsenaufsicht hat ihre Regeln verschärft. Darunter leiden auch deutsche Konzerne wie Siemens

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - SGL Carbon und Pfeiffer Vacuum waren die ersten. Mitte 1996 ließen der Carbon-Produzent und der Hersteller von Vakuum-Pumpen ihre Aktien an der weltgrößten Börse in New York listen. Mehr Aktionäre, ein verstärkter Handel und eine größere Bekanntheit in den USA waren die Hoffnungen, die mit diesem aufwendigen und teuren Schritt verbunden waren.

Viele Konzerne sind ihrem Beispiel gefolgt. Heute sind die Aktien von 17 deutschen Unternehmen an der Wall Street notiert, darunter Allianz, BASF, Bayer, Telekom und SAP. Die Zweifel wachsen aber, spätestens seit die Börse die Verhaltensregeln im Nachgang der Skandale um den Energiekonzern Enron und die Telekommunikationsgesellschaft Worldcom drastisch verschärft hat. Die Folgen hat auch Siemens zu spüren bekommen: Die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC sind nach Ansicht von Experten mitverantwortlich für den Sturz von Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Vorstandschef Klaus Kleinfeld.

Mit dem Listing in New York, heißt es beim Deutschen Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt, seien auch erhebliche Haftungsrisiken verbunden, sollte es in den Unternehmen zu Unregelmäßigkeiten kommen. Deshalb könnte die Korruptionsaffäre Siemens auch in den USA erhebliche Probleme bereiten. „Ob Herr Kleinfeld derzeit so gerne in die USA fahren würde, weiß ich nicht“, heißt es am Main. Die Amerikaner verlangen seit 2002 von den Firmen die Einrichtung eines internen Finanzkontrollsystems und den Nachweis, dass es auch wirkt. Sollte es Zweifel geben, könnte es nach Angaben des DAI nicht nur zu empfindlichen Sanktionen kommen, sondern auch zu Klagen vermeintlich geschädigter Anleger.

Die ersten Unternehmen haben bereits Konsequenzen gezogen: SGL und das Chemieunternehmen Altana wollen den USA den Rücken kehren, fünf weitere Konzerne erwägen nach Angaben des DAI diesen Schritt. Der Kabelnetzbetreiber Primacom hatte sich bereits vorher verabschiedet.

Ein Schritt mit weitreichenden Folgen. Bislang sei das „Delisting“ von der US-Börse wegen „einseitiger rechtlicher Bestimmungen durch die US-Börsenaufsicht SEC praktisch irreversibel“, sagt DAI-Präsident Max Dietrich Kley. Daher scheuen viele Unternehmen den Rückzieher. Das DAI dringt seit Jahren auf eine Abschwächung dieser Regeln, offenbar mit Erfolg: Noch 2007 sollen sie deutlich abgespeckt werden. Liegt der US-Anteil am täglichen weltweiten Handel mit der jeweiligen Aktie unter fünf Prozent, ist der Rückzug möglich.

Nach Ansicht des DAI hat sich das US-Listing für die wenigsten Firmen gelohnt. „Den jährlichen Kosten von durchschnittlich mindestens sieben Millionen Euro steht bei vielen Emittenten kein entsprechender Nutzen gegenüber“, sagt Kley. Es würden kaum neue Anleger gewonnen, die Liquidität sei nicht größer, der Kursverlauf nicht stabiler. Übernahmen in den USA allerdings könnten durch die Notierung erheblich erleichtert werden, weil die Aktien direkt zur Finanzierung genutzt werden könnten.

Eon, SAP, Deutsche Bank und Allianz wollen ihre Aktien in New York auf jeden Fall gelistet lassen. „Wir sind damit total zufrieden. 20 Prozent unserer Aktien werden in den USA gehandelt“, sagt SAP-Sprecher Frank Hartmann. Für die Deutsche Bank ist die US-Notierung schon deshalb notwendig, weil Tausende von Mitarbeitern in New York auch über Aktienoptions-Programme bezahlt werden. Zurückhaltender äußert sich die BASF. „Wir schauen sehr genau in die USA, zumal seit sich die rechtlichen Bedingungen verschärft haben. Konkrete Überlegungen gibt es aber nicht“, sagt Unternehmenssprecher Michael Grabicki. Generell habe sich der Schritt gelohnt: Der Aktionärskreis sei größer, die BASF in den USA bekannter geworden.

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