Wirtschaft : In der Höhle des Löwen

BRITTA BODE

John Weitz: Hitlers Bankier.Europa Verlag.München 1998.478 Seiten.49,80 DM

Er war in den 20er und 30er Jahren einer der mächtigsten Männer der Welt, wurde als Held im Kampf gegen die Inflation gefeiert und stieg in die obersten Sphären der Macht auf.Er war Hitlers Bankier, wurde später ins Konzentrationslager gebracht und nach seiner Befreiung bei den Nürnberger Prozessen als Hauptkriegsverbrecher angeklagt: Hjalmar Schacht.Eine neue Biographie des Amerikaners John Weitz zeichnet das ungewöhnliche Leben dieses Mannes nach, der in einer Zeit der Herr über Geld und Wirtschaft wurde, als das Land, dem er sich als Patriot verpflichtet fühlte, in eine Katastrophe steuerte.

Weitz schildert den 1877 geborenenVolkswirt und Journalisten Schacht als einen äußerst ehrgeizigen Mann.Seine Karriere begann im Bankgeschäft, für das der Mann, der das geschäftliche Risiko scheute und persönlich niemals Schulden machen wollte, nur auf den ersten Blick nicht sonderlich geeignet war.Der Ruf von seinem Talent, vor allem als Präsident der Nationalbank, die er mit der Darmstädter Bank fusionierte, brachte ihn schnell für andere Aufgaben ins Gespräch.1923 wurde Schacht erst Reichswährungskommissar, dann Reichsbankpräsident.Es war die Zeit der galoppierenden Inflation.Mit seinem Coup, durch den Übergang zum Rentenmarksystem die Währung wieder in den Griff zu kriegen, erwarb sich Schacht internationalen Ruhm.Doch der selbstherbeigeführte Karrierebruch folgte bald.1930 legte Schacht sein Amt nieder, weil er die Konsequenzen des Young-Plans nicht mitzutragen gedachte.Die Vereinbarung über die Reparationszahlungen an die Sieger des Ersten Weltkrieges gingen ihm zu weit.Wirtschaftliche wie politische Überzeugungen bewegten ihn zu diesem Schritt in eine ungewisse Zukunft.Ein Vorgang, der sich noch einmal wiederholen sollte.

Mit einer Frau verheiratet, die schon früh den Nazi-Parolen huldigte und - wie Weitz berichtet - ein großes Hakenkreuz an ihrem Busen trug, näherte sich Schacht zunehmend den kommenden Machthabern an.Schon drei Jahre nach seiner Demission wurde Schacht "Hitlers Bankier" und später auch dessen Wirtschaftsminister.

Von 1934 bis 1938 stieg Schacht zu einer der wichtigsten Figuren des Dritten Reiches auf, die Adolf Hitler die gewaltige Aufrüstung und damit eine populäre, wenn auch auf wackligem Boden stehende Beseitigung der Arbeitslosigkeit ermöglichte.Es war die Zeit der "Mefo-Wechsel", ein aus Schachts Sicht "ingeniöses" System, um die "öffentlichen Aufträge" zu finanzieren.Dabei wurden Wechsel auf eine eigens gegründete Gesellschaft gezogen, die die Reichsbank erst mit einem Vierteljahr Verzögerung rediskontierte.Gleichzeitig ließ Schacht zynischerweise das Ausland die Rüstung mitfinanzieren.Importeure mußten ihre Rechnungen von ausländischen Gläubigern an eine "Konversionskasse" zahlen, aus der die Lieferanten nur einen Teil ausgezahlt bekamen.Der Rest wurde zwangsweise in Mark-Guthaben angelegt, die nur in Deutschland investiert werden durften.

Mit der so eingeleiteten Rüstungsinflation und der Entwicklung des "Neuen Plans" für die Wirtschaft warf Schacht schließlich bis zu seinem Bruch mit Hitler all seine marktwirtschaftlichen Überzeugungen über Bord.Schacht kannte dabei die verheerenden wirtschaftlichen Folgen seines Handelns, legte aber dennoch erst 1938 sein Amt nieder, als die Ausmaße der Rüstungsausgaben immer unverantwortlicher wurden und seine Macht durch die neue Verantwortlichkeit Hermann Görings für den Vier-Jahres-Plan beschnitten wurde.

Eitelkeit und der feste Glaube, daß die Aufrüstung für Deutschland unverzichtbar war, so lautet die sehr verständnisvolle Erklärungslinie von Weitz für die Hilfsdienste Schachts beim Aufbau des Systems.Doch das klingt insgesamt ein wenig zu harmlos.Weitz läßt selbst immer wieder anklingen, wie groß das Ausmaß der Selbstüberschätzung Schachts war, ohne diese jedoch zu analysieren.Die Beweggründe Schachts lassen so vor allem Originalzitate erahnen: "Nein, die Nazis können nicht regieren, aber ich kann durch sie regieren", erklärte er 1931.Und noch nach dem Krieg antwortete er vor Gericht auf die Frage, wie er als "kleiner Löwe nur in die Höhle der großen Löwen" gehen konnte: "Herr Beisitzer, Sie vergessen, daß ich nicht als Löwe, sondern als Dompteur hineingegangen bin".

Nach Schachts Überzeugung konnte nur an seinem Wesen die deutsche Finanzwelt genesen.Doch diese Selbstüberschätzung ließ ihn wohl auch den Mut aufbringen, gegenüber Hitler aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen.Die fortschreitende Diskriminierung und Verfolgung der Juden beunruhigte Schacht zutiefst, ja, er verabscheute sie.Gegen die Reichskristallnacht protestierte er bei Hitler vehement.

Nach seiner Demission blieb Schacht Minister ohne Geschäftsbereich, wurde später zum Mitwisser des Attentats vom 20.Juli, kurz darauf verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht.Trotzdem stand er nach dem Krieg als Hauptkriegsverbrecher vor Gericht, weil er durch seine Tätigkeit die Führung eines Angriffskrieges ermöglicht haben sollte.Schacht wurde in Nürnberg freigesprochen.Bis zu seinem Tod 1970 war er als Wirtschaftsberater tätig.

Mit John Weitz hat sich Schacht ein Mann gewidmet, der selbst eine ungewöhnliche Vita hat.Als Sohn einer jüdischen Familie in Deutschland aufgewachsen, emigrierte er 1940 in die USA, ging zur Spionageabwehr, wurde Modedesigner, Autor von Romanen und einer Biographie über Joachim Ribbentrop und bekam sogar einmal ein Angebot, die Rolle des James Bond zu übernehmen.

Weitz ist kein Wissenschaftler.Das erklärt einige Ungenauigkeiten und auch den bei Biographien nicht selten vorkommenden Widerspruch, daß der Autor seinem zu beschreibenden Subjekt mehr erlegen ist, als es der Leser selbst angesichts des vorliegenden Textes nachvollziehen kann.Wie angenehm mag es jedoch empfunden werden, daß sich da ein Amerikaner, Jude noch dazu, dem Thema mit so viel Verständnis annimmt.Doch gerade, weil die Diskussion über die Rolle von Banken und Unternehmen endlich so große Beachtung erfährt, wie sie zum Verständnis des Dritten Reiches erforderlich ist, sind manche allzu loêkere Formulierungen ärgerlich.So haben jüngste wissenschaftliche Publikationen lapidare Äußerungen, wie die von den gänzlich fehlenden Handlungsspielräumen der Unternehmen im Dritten Reich, zumindest relativiert.Trotz solcher Schwächen ist Weitz eine äußerst lesenswerte Biographie gelungen.

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