Wirtschaft : „In Deutschland wird zu wenig gelobt“

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Herr Frey, was ist wichtiger für ein gutes Wachstum: die Wirtschaftsstruktur oder die Stimmung der Menschen?

Beides ist gleich wichtig. Die Stimmung ist ganz entscheidend dafür, wie innovativ und motiviert die Menschen arbeiten.

Wie wird gute Stimmung geschaffen?

Das Entscheidende ist – wenn man jetzt zum Beispiel die einzelnen Unternehmen betrachtet –, dass sich die Menschen als Akteure begreifen. Sie müssen sich fragen, was ihr eigener Beitrag bei der Arbeit ist, und sich jeweils mit den Besten vergleichen. Aber inwieweit das klappt, hängt von der Art der Führung ab. In Deutschland läuft das nicht gut.

Was müsste verbessert werden?

Auf Führungspositionen sitzen häufig die in ihrem Bereich besten Fachleute, die aber Menschen nicht leiten können. Viele Führungskräfte haben keine Ahnung, wie Menschen funktionieren. Es wird in Deutschland zu wenig gelobt, zu wenig Sinn vermittelt, zu wenig an Entscheidungen beteiligt. Hier ist noch ein großes, ungenutztes Potenzial.

Wie groß ist es?

Die Produktivität könnte um 20 bis 50 Prozent höher liegen – etwa dadurch, dass sich Beschäftigte Gedanken machen, wie ihre Arbeit besser organisiert werden könnte, und ihre Vorschläge dann ernst genommen werden. Die Motivation ist viel wichtiger als die reine Arbeitszeit. Laut Umfragen machen etwa 70 Prozent der Beschäftigten in Deutschland heute Dienst nach Vorschrift.

Sollten da die Arbeitgeber nicht vor allem mehr Druck machen?

Führen durch Druck reduziert Vertrauen und fördert Angst. Druck ist nur kurzfristig leistungssteigernd und erst recht kein Kreativitätsförderer.

Liegt die Bundesregierung dann mit ihren Arbeitsmarktreformen falsch?

Nein, die Reformen sind notwendig, damit der Sozialstaat erhalten bleiben kann. Sie müssten aber besser erklärt werden. Menschen können viel ertragen, wenn sie verstehen warum. Das gilt auch in den Betrieben. Man muss hart beziehungsweise hartnäckig in der Sache sein, aber menschlich im Umgang. Hier muss eine richtige Kultur geschaffen werden, wie mit Fehlern und Konflikten verfahren wird.

Das Interview führte Bernd Hops.

Dieter Frey

ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität München. Er beschäftigt sich mit Führungskultur, Motivation und Bedingungen für mehr Innovation.

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