Industrie-Atlas der neuen Bundesländer : "Der Osten holt auf"

Iris Gleicke, Bundesbeauftragte für die neuen Länder, stellt eine Studie über die Entwicklung der Industrie im Osten vor: Eine durchwachsene Bilanz von 23 Jahren „Aufbau Ost“.

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Atlas der Industrialisierung der neuen Bundesländer: Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, stellte ihn am Dienstag in Berlin vor.
Atlas der Industrialisierung der neuen Bundesländer: Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, stellte ihn am Dienstag...Foto: dpa

Gerald Braun ist hart in seinem Urteil. „80 Prozent der Förderpolitik kann man in der Pfeife rauchen“, sagt der Leiter des Hanseatischen Instituts für Unternehmertum und Regionalentwicklung der Universität Rostock. Und er erklärt auch anschaulich, was er meint: „Wenn Sie eine Autobahn in die Wüste bauen, dann haben Sie eine Wüste mit Autobahn – aber noch keine wirtschaftliche Entwicklung.“ Der Professor zeigt sich enttäuscht, dass Wirtschaftspolitik hierzulande „oft ohne hinreichende theoretische Basis“ betrieben werde. Zahlen und Fakten hat er jetzt vorgelegt: Sein Institut erstellte im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums einen „Atlas der Industrialisierung der neuen Bundesländer“, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

"Der Osten holt auf"

„Der Osten holt auf“, lautet das Fazit der Auftraggeberin Iris Gleicke, der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder. Allerdings gebe es immer noch Defizite. Ostdeutschland habe schwierigere Voraussetzungen und andere Herausforderungen als die westdeutschen Bundesländer. „Die ostdeutsche Industrie ist nicht so international wie die westdeutsche“, sagt Gleicke und im Osten fehlten die kapitalkräftigen Großunternehmen mit ihren Zentralen und auch mit ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, in deren Umfeld sich produktionsnahe Dienstleistungen und andere Zulieferer entwickeln könnten. In den neuen Bundesländern sei die Innovationskraft deutlich geringer und das Problem, ausreichend Fachkräfte zu finden, stärker. „Der Atlas zeigt Erfolge und Fortschritte“, sagt Gleiche, „macht aber auch strukturelle Defizite deutlich.“

Ein Ergebnis: Der Industrieanteil an der gesamten Wirtschaftsleistung liegt in Ostdeutschland mittlerweile bei knapp 16 Prozent, in Deutschland insgesamt liegt er bei 23 Prozent. Seit 1995 wuchs die ostdeutsche Industrie jährlich um rund fünf Prozent.

„Wir brauchen eine auf Ostdeutschland ausgerichtete Förderpolitik“

Natürlich ist die Ostbeauftragte nicht mit Professor Brauns Einschätzung der Wirtschaftsförderung einverstanden – auch wenn sie selbst sagt, bei der Treuhand seien Fehler gemacht worden. „Wir brauchen eine auf Ostdeutschland ausgerichtete Förderpolitik“, sagt Gleicke. Zunächst sei vor allem in die Infrastruktur investiert worden – eben auch in Autobahnen. Nun gehe es darum, an den Autobahnauffahrten Betriebe anzusiedeln.

Gleicke will nun Innovationen fördern, Finanzierungsangebote für Wachstumsunternehmen verbessern und Gründer besser unterstützen. Einen Schwerpunkt will sie auf die Förderung von Wachstumskernen legen. Als erfolgreiches Beispiel nennt sie das 2003 entstandene Zukunftscluster Chemie/Kunststoffe Mitteldeutschland, zu dem inzwischen 740 Firmen gehören. „Wir brauchen mehr solche Cluster“, sagt Gleicke. „Die ostdeutsche Industrie ist klein und mittelständisch geprägt. Durch die Zusammenarbeit erreichen sie eine höhere Masse, um schlagkräftiger zu werden.“ Denn im internationalen Wettbewerb hinkt der Osten dem Westen immer noch hinterher.

Toleranz, Talente und Technologie fördern, rät der Forscher

Professor Braun sieht den entscheidenden Hebel allerdings mehr im Unternehmertum als im Aufbau der Infrastruktur, nur so entstünden neue Arbeitsplätze. Sachsen und Thüringen seien einmal (vor 1939) die Zentren der Industrialisierung in Europa gewesen. Nach dem Krieg seien aber viele Unternehmen abgewandert oder zerstört worden. „Die Firmen kommen nicht zurück“, konstatiert Braun. Hinzu komme, dass auch nach der Wende viele Unternehmer, gut ausgebildete Leute und kreative Köpfe aus Ostdeutschland abgewandert seien.

Sie gehen in die Metropolen – vor allem nach Berlin. Oder gleich ins Ausland. Auch Braun rät daher, unternehmerische Initiative und Neugründungen zu unterstützen und das Humankapital zu fördern. „Die Politik wäre gut beraten“, sagt er, „wenn sie ihr Augenmerk auf weiche Standortfaktoren wie Kultur, Kommunikation und Kreativität richten würde.“ Stattdessen würde hier jedoch immer als Erstes gespart. Das aber mache Standorte unattraktiv – gerade für kreative Köpfe. Die würden aber dringend gebraucht für die großen Herausforderungen: Globalisierung, demografischer Wandel und Wissensökonomie. Die Antwort darauf seien Toleranz, Talente und Technologie.

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