Industrie in Berlin : Zwischen Solardach und Tierversuch

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit besucht drei Betriebe, die für Berlins neue Industrie sehen sollen.

Kevin P. Hoffmann
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Da geht’s lang: Klaus Wowereit auf dem Werksdach bei Mercedes. Foto: ddpddp

Berlin - Eine geläufige Erklärung für Berlins chronisch angespannte Wirtschaftslage lautet: Die Industrie hier ist tot. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die alte Geschichte am Donnerstag noch einmal referiert: 1989 gab es in der noch geteilten Stadt 387 000 industrielle Arbeitsplätze. Dann brachen die Kombinate im Osten zusammen. Und auch die hochsubventionierte Industrie West-Berlins erwies sich plötzlich als nicht wettbewerbsfähig. Heute zählen Experten nur noch 100 000 Industriearbeitsplätze in der Stadt, sagte Wowereit. Aber diese Rechnung halte er für Quatsch.

Welche Jobs sind denn mehr wert – die in der guten alten Industrie oder die im modernen Dienstleistungssektor? „Das ist eine Phantomdiskussion“, sagte er. Um das zu veranschaulichen, stellte Wowereit der Presse drei Unternehmen vor, die für Berlins neue Industrie stehen sollen. Alle drei stecken irgendwo zwischen Kurzarbeit und Kreditklemme, sind aber optimistisch, dass es bald aufwärts geht.

Das Marienfelder Werk der ehemaligen Willy Vogel AG heißt heute SKF Lubrication Systems Germany. In Berlin- Marienfelde fertigen die Mitarbeiter Systeme für Schmierstoffe: Pumpen und Spritzen, klassische Industrie also. Zugleich organisiert SKF Dienstleitungen rund um diese Maschinen. Mit der Krise brachen die Umsätze zuletzt um 30 Prozent ein. Von 500 Berliner Angestellten sind derzeit 345 in Kurzarbeit. Das Instrument zu nutzen sei ein Weg, um aus der Krise zu kommen ohne wertvolle Fachkräfte zu verlieren, sagte Wowereit.

Ein anderer sei die Investition in grüne Technologien: wenige Kilometer weiter beim vor 107 Jahren gegründeten Mercedes-Benz-Werk, auch in Marienfelde. Dort weihte Wowereit mit dem Werksleiter eine 3740 Quadratmeter große Fotovoltaikanlage auf dem Dach ein.

Die letzte Station: Magforce Nanotechnologies AG in Charlottenburg, ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern, das ein einzigartiges Verfahren zur Behandlung von Tumoren entwickelt. Dazu hält es sich auch 300 Ratten und Mäuse im Keller, an denen die Technik erprobt werden soll. Die Geschäftsführer beklagten, dass die Investitionsbank sie zwei Mal habe abblitzen lassen. Vom Standort aber schwärmten sie. „Die enge Vernetzung von Forschung und Industrie ist einmalig“, sagte Geschäftsführer Andreas Jordan. Die Botschaft sollte wohl Wowereits berühmte These belegen: Berlin ist arm, aber sexy. Kevin P. Hoffmann

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