Wirtschaft : Infomtec-Gründer sollen gestehen „Der Irak ist ein Öllieferant zweiter Klasse“

Richter empfiehlt Vorständen Aussagen im Betrugsprozess Der amerikanische Energieexperte Daniel Yergin über den Ölpreis, die irakischen Reserven und ausländische Investoren

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Augsburg (dpa). Im Betrugsprozess gegen die ExVorstände des Neue-Markt-Unternehmens Infomatec hat der Vorsitzende Richter Rainer Brand die beiden Angeklagten zu einer Aussage ermuntert. Ein Geständnis oder Teilgeständnis könne den Verfahrensverlauf positiv beeinflussen, sagte Brand am Donnerstag nach der Verlesung der Anklageschrift vor dem Augsburger Landgericht. Staatsanwalt Uwe Huchel warf den Angeklagten Gerhard Harlos und Alexander Häfele unter anderem Kapitalanlage- und Kursbetrug sowie verbotenen Insiderhandel in fünf Fällen vor. Durch zahlreiche falsche Ad-hoc-Meldungen habe das Duo den Kurs der Infomatec-Aktie von 27 Euro bis zum Höchststand von mehr als 290 Euro getrieben. Nach einem Aktiensplit im Verhältnis 1:5 und dem allgemeinen Kursrutsch an den Börsen kostet eine Infomatec-Aktie mittlerweile noch vier Cent. Angebliche Großaufträge in Millionenhöhe hätten lediglich als unverbindliche Vorverträge existiert. Die angegebenen Vermarktungsprodukte seien „ohne tatsächliche reale Verwendungsmöglichkeit“ gewesen. Durch Ausnutzung ihres Wissensvorsprungs über bevorstehende schlechte Wirtschaftsdaten hätten sie durch den Verkauf von Infomatec-Aktienpaketen jeweils über 15 Millionen Euro erzielt.

In den vergangenen Wochen haben Experten sehr unterschiedliche Angaben zu den Ölvorkommen im Irak gemacht. Wie viel Öl ist wirklich unter irakischem Boden verborgen?

Jeder sagt, der Irak hat die zweitgrößten Ölreserven in der Welt. Tatsächlich hat Kanada die zweitgrößten. Danach kommt der Irak, dessen Reserven aber ungefähr ebenso hoch sind wie jeweils die von Kuwait, den Vereinten Arabischen Emiraten und dem Iran.

In Washington werden die irakischen Öleinnahmen bereits für den Wiederaufbau, die humanitäre Hilfe und sogar für die Kriegskosten selber verplant. Ist das realistisch?

Der Irak hat derzeit die Kapazität, ungefähr 20 Milliarden Dollar pro Jahr aus Ölexporten zu erzielen. Etwas von dem Geld wird in den Wiederaufbau fließen, etwas zurück in die Industrie, etwas wird für soziale und erzieherische Projekte ausgegeben werden.

Wie lange wird es nach dem Krieg dauern, bis die irakische Ölproduktion wieder die volle Auslastung erreicht hat?

Es wird wahrscheinlich ungefähr zwei Jahre dauern, bis der Irak wieder die Fördermenge von 1990 erreicht hat, nämlich 3,5 Millionen Barrel pro Tag. Das wird etwa fünf Milliarden Dollar an Investitionen kosten.

Mit welchen Einnahmen aus seinen Rohölexporten kann der Irak langfristig rechnen?

Wenn der Irak seine Förderkapazität in den kommenden fünf bis zehn Jahren erhöht, kann das Land in zehn Jahren 40 Milliarden Dollar jährlich verdienen – in heutigen Preisen gerechnet. Aus finanzpolitischem Eigeninteresse wird die neue irakische Regierung ihre existierenden Ölfelder so schnell wie möglich in Stand setzen und die Produktion ausweiten wollen.

Was wird mit dem Ölpreis nach dem Ende des Krieges passieren?

Der Ölpreis ist im Moment nicht nur wegen des Irakkrieges hoch, sondern auch auf Grund der Knappheit in Nigeria und immer noch als Folge der Probleme in Venezuela. Aber wenn der Krieg einmal vorbei ist und keine weiteren Unterbrechungen in der Versorgung entstehen, wird der Ölpreis sinken.

Wie tief?

Unsere Szenarien hängen vom Zustand der Weltwirtschaft und den Entscheidungen der Opec ab. Wir haben zwei Preisspannen für unsere Szenarien – die eine ist 26 bis 28 Dollar pro Barrel in der zweiten Hälfte dieses Jahres und die zweite liegt bei 20 bis 22 Dollar pro Barrel, falls die Weltkonjunktur schwächer sein sollte als angenommen.

Wie wichtig sind die irakischen Ölvorkommen für die Weltwirtschaft?

Ihre Bedeutung wird übertrieben. Seit Jahren ist Irak ein Ölexporteur zweiter Klasse. Er ist weniger wichtig als die Nordsee und etwa so bedeutend wie Nigeria. Es herrscht zwar die Meinung vor, dass es einen gigantischen Ölstrom aus dem Irak geben wird, der das Land über Nacht in ein Saudi-Arabien verwandelt. Aber das wird nicht passieren. Selbst wenn die irakische Förderung wieder ihre volle Kapazität erreicht hat, wird sie weiter auf demselben Niveau liegen wie die zahlreicher anderer Länder.

Was wäre denn der beste Weg, um die irakische Produktion so schnell wie möglich zu maximieren? Sollte man die Ölquellen privatisieren?

Frieden, Stabilität und eine neue, legitime Regierung sind die grundlegenden Zutaten für eine Erholung der irakischen Ölindustrie. Ich weiß nicht, was Privatisierung in diesem Zusammenhang bedeuten soll.

Bisher waren die Ölquellen ja im Besitz der irakischen Regierung.

Wer sollte sie denn sonst besitzen? Es gibt keine funktionierende Zivilgesellschaft im Irak und keine irakische Version der Münchener Rückversicherung oder der Deutschen Bank, die Anteile für Pensionsfonds kaufen könnten. Das funktioniert nicht so wie die Privatisierung eines Unternehmens in einem westlichen Industrieland.

Was wird denn zum Beispiel aus den Verträgen, die französische und russische Ölunternehmen mit der irakischen Regierung abgeschlossen haben?

Diese Verträge wurden wegen der UN-Sanktionen nie umgesetzt. Man weiß nicht, was damit passieren wird. Ein ehemaliger irakischer Ölminister hat angekündigt, dass sie einzeln überprüft werden.

Aber der Irak braucht doch private Investoren.

Nach dem Krieg wird die irakische Regierung Verhandlungen mit Unternehmen aus zahlreichen Ländern führen. Der Irak braucht geschätzt etwa 30 Milliarden Dollar an Investitionen, um seine Ölbranche in den nächsten sieben bis zehn Jahren aufzubauen und auszuweiten. Da die Regierung Geld für so viele andere Dinge wie zum Beispiel den Wiederaufbau benötigt, wird sie dazu neigen, internationale Unternehmen investieren zu lassen. Und so wie es andere Länder auch handhaben, wird die Regierung danach das meiste Geld für sich behalten.

Welche Unternehmen kommen für Verhandlungen mit dem Irak in Frage?

Man wird im Irak Firmen zahlreicher europäischer Staaten sehen, ebenso wie Unternehmen aus China, Malaysia, Japan, Russland, Nordamerika, Lateinamerika und Indien. Sie alle werden aufgefordert werden, Ölfelder zu erforschen und zu entwickeln, so lange sie viel Geld investieren.

Das Gespräch führte Sandra Louven.

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