Infrastruktur für Elektroautos : Dumme Steckdosen, kluge Autos

Das Berliner Unternehmen Ubitricity will die Stromversorgung für Elektromobilität revolutionieren.

Arne Bensiek
Leichter Strom tanken. Ubitricity-Gründer Frank Pawlitschek will die teure Abrechnungstechnik ins Auto verlegen.
Leichter Strom tanken. Ubitricity-Gründer Frank Pawlitschek will die teure Abrechnungstechnik ins Auto verlegen.Foto: Arne Bensiek

Berlin - Eine Million Elektroautos sollen nach dem Willen der Bundesregierung im Jahr 2020 auf Deutschlands Straßen rollen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu diesem ehrgeizigen Ziel könnte eine butterbrotdosengroße, unscheinbare Apparatur sein: eine Systemsteckdose des Berliner Start-up-Unternehmens Ubitricity. Dabei geht es um den Kern der Elektromobilität, nämlich wie Strom getankt und abgerechnet wird. Die Ubitricity-Gründer Knut Hechtfischer (40) und Frank Pawlitschek (37) glauben, eine praxistaugliche und trotzdem preisgünstige Lösung gefunden zu haben.

Bisher können Elektroautos ihre Akkus an Ladesäulen betanken, die zum Beispiel Stromanbieter bereitstellen. Diese Infrastruktur hat allerdings einen hohen Preis: Eine Säule kostet bis zu 5000 Euro, hinzu kommen die Betriebskosten. „Wegen des Preises schrecken viele mögliche Interessenten vor der Investition zurück“, ist Hechtfischer überzeugt. Auch deshalb gebe es heute deutschlandweit noch wenige Ladesäulen. Sei das Stromtanken aber nicht flächendeckend gesichert, bleibe das Elektroauto weiterhin eher eine Liebhaberei und könne sich nicht als Verkehrsmittel bewähren. Allein daran könne das Ziel der Bundesregierung scheitern.

Wenn es deutlich mehr Ladepunkte geben soll, müssen diese möglichst günstig sein, so die Idee der Ubitricity-Gründer. Also sollten die Stationen so simpel wie möglich sein. Die Systemsteckdose, die Ubitricity in Zusammenarbeit mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt entwickelt hat, wird voraussichtlich bei der Markteinführung Ende 2013 weniger als 100 Euro kosten. Der Preis ist möglich, weil die wichtigste Technik – der Stromzähler – statt in der Station im Auto steckt oder wahlweise auch im Ladekabel. „Mobile Metering“ heißt das Prinzip. „Die Steckdose liefert nur den Strom und ist ansonsten dumm“, sagt Pawlitschek.

Wird sie per Ladekabel mit dem Auto verbunden, erkennt das Auto oder das Ladekabel ihre Nummer und bittet per Mobilfunk bei einer Leitstelle um Ladefreigabe. Wenn sich der Fahrer mit einer Pin ausgewiesen hat, beginnt das Auto Sekunden später, Strom zu tanken. Am Monatsende erhält der Kunde eine Rechnung samt Einzelverbindungsnachweis aller Ladevorgänge – wie beim Handy. Der Betreiber der Systemsteckdose bekommt derweil den Preis des an seiner Steckdose getankten Stroms exakt gutgeschrieben.

Bis zur Marktreife will das Ubitricity-Team die Technik weiter verkleinern und testen. Das nötige Geld hat das Berliner Start-up bisher vom Wagniskapitalfonds Early Bird bekommen. 1,8 Millionen Euro flossen 2010 und 2011 auf das Firmenkonto von Ubitricity. „Im Herbst wollen wir eine zweite Finanzierungsrunde starten, bei der wir auf fünf Millionen Euro hoffen“, sagt Pawlitschek. Ubitricity erhält auch Geld vom Bundeswirtschaftsministerium und arbeitet bei der technischen Entwicklung mit renommierten Partnern zusammen: Der Messdatenspezialist ITF Fröschl liest zum Beispiel den Stromverbrauch von Zügen der Deutschen Bahn aus, Voltaris ist Deutschlands führender Leitstellenbetreiber.

„Wir geben allen die Chance mitzuspielen“, betont Pawlitschek. Auch den Stromanbietern. Der Energiekonzern RWE ist zwar an Voltaris beteiligt, dennoch haben die Essener laut Ubitricity Zweifel an der Berliner Technik geäußert. Die Zählertechnik im Auto oder Kabel sei im Sinne des deutschen Eichrechts nicht geeignet. „Wir sind dabei, die Thesen der Energiewirtschaft zu widerlegen“, sagt Pawlitschek. Wiederholen möchte RWE die Kritik auf Nachfrage denn auch nicht. Auch bei Vattenfall möchte niemand etwas zu den Chancen der neuen Technik sagen.

Zwölf Mitarbeiter hat das Start-up, zwei weitere wurden gerade angeworben. Pawlitschek und Hechtfischer sind Juristen, die sich in einer Berliner Anwaltskanzlei kennengelernt und das Unternehmen 2007 gegründet haben. Hechtfischer sagt von sich aber, er sei im Herzen mindestens genauso sehr Ingenieur – Vater und Bruder sind Physiker. Auch Pawlitschek ist technikbegeistert – und als Schüler verbrachte er einige Sommer bei Verwandten im Silicon Valley.

Geht es nach Ubitricity, bekommt der der Käufer zu seinem Elektroauto drei Steckdosen dazu, die ihm an drei Wunschorten montiert werden, zum Beispiel zu Hause, auf dem Firmenparkplatz und am Ferienhaus. Dann muss man nicht mehr tanken fahren, sondern tankt dort, wo das Auto ohnehin steht.

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