Wirtschaft : Initiative Für Beschäftigung: Unternehmensgründung mit Diplom

Sonja Niemann

Das Betriebswirtschaftsstudium als solches ist öde und praxisfern. Immerhin macht ein Diplom den Weg zu einem lukrativen Posten in den einschlägigen Großkonzernen frei. Soweit also das (nicht immer und überall ganz unbegründete) Klischee. Dass es auch anders geht, bezeugen dagegen einige Studenten der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Karlshorst. Erstens: Nicht alle Absolventen streben nach der relativen Sicherheit eines Daseins als Angestellter, sondern wollen lieber ihre eigenen Ideen verwirklichen, ihr eigener Chef sein, auf eigenes Risiko arbeiten. Zweitens: die Hochschule kann durchaus auf so ein Leben vorbereiten.

FHTW, Mitte April, die erste Stunde im Sommersemester des Seminars "Gründung eines Unternehmens". Der Professor erklärt seinen 16 Zuhörern, womit sie sich in den kommenden Wochen beschäftigen werden: Gründungsplanung, Absicherung betrieblicher und privater Risiken, Steuerpflichten des Unternehmers, konkrete Schritte in die Selbstständigkeit. Dazu kommen Abendveranstaltungen, in denen die Studenten mit Mittelständlern über Probleme aus der unternehmerischeren Wirklichkeit diskutieren sollen. Eine Studentin fragt, wann denn die Abschlussklausur stattfindet. Aber es gibt keine: Stattdessen soll in Zweiergruppen ein professioneller Business-Plan geschrieben werden. Der wird am Ende des Semesters vor einer kritischen Jury präsentiert, die Geschäftsidee, Absatzchancen und Finanzierung notorisch in Frage stellen wird. In die Noten der Seminarteilnehmer wird einfließen, wie überzeugend sie ihren Gründungsplan verteidigen.

"Wir wollen schon im Studium unternehmerische Selbstständigkeit als Perspektive aufzeigen" sagt Klaus Semlinger, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der FHTW. Und da eine Existenz als Unternehmer mit Gründung der Firma nicht abgeschlossen ist, sondern diese danach auch geführt werden muss, sind Veranstaltungen wie das Gründerseminar eingegliedert in den Studienschwerpunkt "Mittelstandsmanagement." Darauf können sich die BWL-Studenten nach ihrer Grundausbildung spezialisieren. "Ein echtes Querschnittsstudium" schwärmt Studentin Monika Herschle, 32. Anstatt sich frühzeitig auf eine fachliche Qualifikation wie Rechnungswesen oder Marketing festlegen zu müssen, habe sie im "Mittelstandsmanagement" alles gelernt, was sie später für eine führende Tätigkeit in einem kleinen oder mittleren Unternehmen (kurz: KMU) gebrauchen kann: von strategischer Ausrichtung über Personalentwicklung bis zu Finanzierung. Ob sie sich nach dem Studium wirklich selbstständig machen will, weiß sie allerdings noch nicht: "Mir fehlt die zündende Idee und ein Geschäftspartner, aber reizvoll wäre es schon." Auf jeden Fall aber möchte sie sich nicht irgendwo in der mittleren Hierarchie eines Großunternehmens wiederfinden: "Ich brauche in der Firma ein eher familäres Umfeld und einen direkten Kontakt zur Unternehmensleitung. Man kann dann auch viel mehr bewegen."

Ihr Kommilitone Sascha Bock dagegen wollte "schon immer" sein eigener Chef sein. Er hat noch nicht mal bis zum Ende seines Studiums damit gewartet: Seit zwei Jahren ist er Inhaber einer Beratungsfirma für Informationstechnik mit mittlerweile zehn Angestellten. Als der 24-Jährige ins Hauptstudium kam, hatte er das Schreiben von Businessplänen inklusive der Odyssee durch die Banken mit der Bitte um einen Gründerkredit schon längst hinter sich. Trotzdem findet er, dass ihm das BWL-Studium an der FHTW viel bringt und er immer wieder dazulernt: "Man wird hier zum Generalisten ausgebildet, und das unterscheidet einen Unternehmer beispielsweise von einem Investmentbanker." Er habe an der FHTW - noch wichtiger als Fachwissen - "Methodenkompetenz" gelernt: Wie arbeite ich effizient? Wie gehe ich ein Problem an?

Daniel Koch, 28, hat sich ebenfalls schon während seines Studiums an der FHTW mit einer Ein-Mann-Firma für Außenwerbung selbstständig gemacht. Er schätzt insbesondere den Praxisbezug seines Studiums: "Bei den Abendveranstaltungen mit den Mittelständlern wird über ganz konkrete Probleme gesprochen." So werden in diesem Sommersemester beispielsweise Vorträge gehalten zu Themen wie "Beteiligungskapital - eine Alternative zum Kredit?" oder "Wie viel ist mein Unternehmen wert?" Noch wichtiger aber sei, dass zu diesen Vorträgen die Unternehmer nicht nur als Referenten, sondern auch als Gäste gern gesehen sind. "Man kommt mit den Leuten dann abends bei einem Glas Rotwein gut ins Gespräch", sagt Koch. "Und Kontakte sind schließlich das A und O im Geschäftsleben - für beide Seiten." Professor Semlinger möchte die Kooperation mit den Praktikern noch verstärken: "Wir haben begonnen, ein Kompetenz-Zentrum für Existenzgründung aufzubauen." Das heißt konkret: Start-up-Unternehmer sollen noch viel stärker als Referenten und Gäste in der universitären Ausbildung gewonnen werden, die Abendveranstaltungen sollen als "Mittelstandsforum" dauerhaft ein feste Größe im Betrieb der FHTW werden, außerdem möchte das Zentrum die Zusammenarbeit mit den Initiativen der anderen Berliner Hochschulen intensivieren.

"Natürlich ist trotzdem nicht jeder zum Unternehmer geboren, da nützt dann auch das Studium nichts", sagt Monika Herschle abschließend. Daniel Koch ergänzt: "Aber wenn man Interesse daran hat, wäre es blöd, die Möglichkeiten hier nicht zu nutzen."

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