Wirtschaft : Insolvenz in Sicht

Auf einen Notkredit des Bundes kann Arcandor nicht mehr hoffen / Warenhaus AG wahrscheinlicher

David C. Lerch
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Düsseldorf - Jetzt geht es nicht um Etikette, sondern um Emotionen. Das weiß Karl-Gerhard Eick, als er am Montag vor die Arcandor-Zentrale in Essen tritt. Oder zumindest einer seiner Berater. Jackett und Krawatte lässt der Vorstandschef im Büro. Entschlossen steigt Eick auf eine rote Leiter und wendet sich über Megafon an seine Mitarbeiter. Die Absage aus Berlin müsse nicht die Insolvenz bedeuten, verkündet er und verspricht: „Wir kämpfen bis zur letzten Minute.“

Das könnte ein recht überschaubarer Zeitraum sein, denn eine Pleite des Handels- und Touristikkonzerns rückt immer näher. Zunächst lehnt die Bundesregierung am Montag die von Arcandor beantragte Staatsbürgschaft aus dem Wirtschaftsfonds Deutschland ab. An diese Bürgschaft hatte der Konzern seine gesamte eigenständige Zukunftsplanung geknüpft. Am frühen Abend wurde dann auch der Antrag auf Rettungsbeihilfe in Höhe von 437 Millionen Euro vom Bund und den betroffenen Ländern abgelehnt. Doch eine letzte Hoffnung bleibt: Es bleibe dem Unternehmen unbenommen, „kurzfristig einen neuen, substantiell verbesserten Antrag (insbesondere vorab zu erbringende wesentliche Leistungen der Gesellschafter, der Banken und der Vermieter) einzureichen“, teilte das Bundeswirtschaftsministerium am Abend mit.

Noch am Mittag hatte der Karstadt- Mutterkonzern versichert, bei zwei Absagen am gleichen Tag Insolvenz anmelden zu müssen. Mit der Rettungsbeihilfe hätte Arcandor nach eigener Aussage das operative Geschäft für sechs Monate – so lange wäre der Kredit befristet – am Laufen halten können. Mehr aber auch nicht. Der Konzern benötigt weitere 900 Millionen Euro für seinen Sanierungsplan. Bis Freitag müssen zudem Kreditlinien über 650 Millionen Euro verlängert werden. Das ist nur möglich, wenn es Hilfe vom Staat gibt, wie die Gläubigerbanken zuletzt mehrfach versichert haben.

Möglich ist, dass die staatliche Beihilfe an die Verhandlungen über eine Fusion von Karstadt mit der Metro-Warenhaustochter Kaufhof geknüpft ist. Entsprechende Gespräche zwischen Eick und Metro-Chef Eckhard Cordes wurden am Montag fortgeführt. Für Dienstag ist ein weiteres Treffen angekündigt. Zu Ergebnissen äußerten sich beide Seiten bisher nicht. In der Branche gilt eine Einigung als sicher. „Es läuft im Moment alles auf eine Deutsche Warenhaus AG hinaus“, sagte Herbert Kuhn von der Unternehmensberatung Trade Dimensions. Nach Informationen des „Handelsblatts“ scheiterten die Verhandlungen bisher unter anderem am Kaufpreis und der Frage, welche Standorte erhalten bleiben. Aus Verhandlungskreisen hieß es, die Vorstellungen von Metro und Arcandor unterschieden sich „um einen dreistelligen Millionenbetrag“.

Doch noch kämpft Arcandor und besonders Konzernchef Eick um eine eigenständige Lösung. Wie das „Handelsblatt“ aus Regierungskreisen erfuhr, hatte Eick am Montag zeitweise an den Gesprächen im Wirtschaftsministerium teilgenommen. Dabei habe er ein mehrmonatiges Schuldenmoratorium der beteiligten Banken in Aussicht gestellt, hieß es. Allerdings sind die Institute nur dann zu Zugeständnissen bereit, wenn der Konzern die staatliche Rettungsbeihilfe erhält. Das war der Bundesregierung offenbar zu wenig. Am Abend kündigte Arcandor an, noch in der Nacht mit allen Beteiligten zu verhandeln und am Dienstagvormittag einen neuen Antrag vorzulegen.

Unklar blieb am Montag, warum Arcandor ohne Staatshilfe direkt Insolvenz anmelden muss. Dem Stuttgarter Anwalt Volker Grub zufolge, der selbst in mehreren hundert Fällen und aktuell beim Wäschehersteller Schiesser die Insolvenz verwaltet, ist ein Unternehmen zahlungsunfähig, das zehn Prozent seiner Forderungen nicht mehr bedienen kann. Das sieht Grub bei Arcandor seit dem vergangenen Freitag als gegeben an, seit der Konzern nach eigenen Angaben die Mieten für die Karstadt-Immobilien nicht mehr bezahlen kann. „Ab diesem Zeitpunkt besteht eine gesetzliche Frist von drei Wochen, bis man Insolvenz anmelden muss“, sagte Grub.

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