Wirtschaft : Intershop: Der Bill Gates des Ostens in Not

Antje Sirleschtov

Das neue Jahr zählte gerade erst 24 Stunden, da war den Leuten im alten Universitäts-Turm in Jena die Lust zum Feiern auch schon vergangen. Mit trockenem Mund starrten die Intershop-Mitarbeiter auf ihre Bildschirme und beobachteten fassungslos, dass ihr Vermögen wie Schnee in der Sonne dahin schmolz: Erst 18 Euro, dann 16. Später 12. Immer schneller schoss die Kurve, die so manchen von ihnen vor ein paar Monaten noch zum Millionär gemacht hatte, nach unten. Bei zehn Euro gab es Tränen. Und noch immer kein Ende. Erst bei sieben Euro 16 Cent war der Boden erreicht. 7,16 Euro. Nicht mal 15 Mark war die Aktie der Jenaer Intershop AG am vergangenen Dienstag noch wert, nachdem eine Gewinnwarnung die Szene geschockt hatte. Es gab Zeiten, da kostete das Hoffnungspapier des Softwareherstellers 140 Euro. "Der Hype", sagt ein Mitarbeiter trocken, "ist erst einmal vorbei".

Warum traf es ausgerechnet Intershop? Die kleine Gruppe Männer und Frauen um Stephan Schambach, das sind doch keine von diesen durchgeknallten Zockern, die nichts anderes im Sinn haben, als an den boomenden Börsen fettes Geld abzugrasen. Das sind bodenständige Programmierer, fleißig und ohne Flausen im Kopf. Sie haben Programme geschrieben für Unternehmen der Old Economy, die Lastwagen und Jeanshosen im Internet verkaufen. Jahr für Jahr verdoppelte sich der Umsatz, zuletzt auf 46,1 Millionen Euro. Hunderte gut bezahlter Jobs für Softwarespezialisten, Verkäufer, Sekretärinnen und Buchhalter entstanden. In ganz Europa, Asien und Amerika. Intershop, raunten sich nicht nur Insider begeistert zu, "das ist die SAP von morgen, Bill Gates aus Ostdeutschland". Auch nach dem Kursrutsch der Aktie unterstreicht die Bilanz den Erfolg des Unternehmens. 165 Prozent Umsatzsteigerung im abgelaufenen Jahr, namhafte Kunden in der ganzen Welt, mehr als 1000 Mitarbeiter und gut 120 Millionen Euro Bargeld auf den Konten. "Nichts, aber auch gar nichts", beteuert Heiner Schaumann, ein Intershoper der ersten Stunde, "deutete darauf hin, dass unser Unternehmen wie eine Seifenblase zerplatzen wird".

Und doch ließen Kleinaktionäre und Fondsmanager die Jenaer panisch fallen. Die Euphorie der jüngsten Software- und Internetrevolution, dieser unbändige Glauben an ein überwältigendes Wachstum der globalen E-Commerce-Märkte, ist nun auch in Jena dem Realismus gewichen. Am Montag muss Finanzvorstand Wilfried Beek seinen Mitarbeitern in Thüringen Rede und Antwort stehen. Wie in all den Monaten zuvor wird die Unternehmensführung im alten FDGB-Haus, gleich neben dem Büroturm von Intershop in der Jenaer Innenstadt, Rechenschaft über die Unternehmensentwicklung ablegen. 300 bis 400 Intershoper werden kommen, einige hundert kritische Fragen sind schon per e-mail beim Vorstand eingegangen. "Es wird lebhaft werden", vermutet Schaumann. Schließlich stürzte der Kurs nicht aus einer Laune neurotischer Aktionäre, sondern weil amerikanische Kunden in den vergangenen drei Monaten Aufträge im Wert von 16 Millionen Euro auf Eis gelegt hatten, die bei Intershop fest einkalkuliert waren.

Jetzt heißt es rechnen. Fieberhaft wird die Controlling-Mannschaft bis zum Monatsende jeden Stein im Unternehmen umdrehen. Wie sicher sind die Bestellungen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass neu akquirierte Aufträge am Ende auch wirklich unterschrieben werden? Spätestens am 31. Januar, wenn der Vorstand die Prognosen für das kommende Geschäftsjahr bekannt gibt, muss Gewissheit herrschen. Denn eins hat man aus dem Crash der letzten Woche gelernt: "Wenn unsere Blütenträume zu rasch in den Himmel wachsen, dann tun das die Träume der Anleger auch", sagt Firmensprecher Schaumann. Und wenn es dann schief geht, dann werden die Träumer gnadenlos abgestraft.

Nein, schief gehen soll es nun nicht mehr. Sich zermürben lassen, klein beigeben: Dass wollen die Mitarbeiter, im Schnitt knapp dreißig Jahre alt, bestimmt nicht. Zähne zusammenbeißen und zeigen, dass auch die Leute aus der New Economy etwas von Unternehmensführung verstehen. Zuerst an die Kosten ran. Zu viel Geld wurde herausgeworfen für Messen und Ausstellungen, für Marketingaktionen und Kundenwerbung. Vor allem in Amerika. Aber auch in Jena. Selbstkritisch wird nun jeder einzelne Mitarbeiter nachweisen, ob er sein Geld auch wert ist. Wo gespart wird, ob bei der Hardware-Ausstattung der Programmierer, den Reisekosten oder anderswo, dass weiss man heute noch nicht. Doch eines scheint schon sicher: 500 neue Leute in Thüringen bis zum Jahresende, daraus wird wohl nichts. Mit dem Eigentümer des neuen Intershop-Turmes wurde schon mal vereinbart, dass das Haus nur in Etappen saniert und bezogen wird. Warten müssen nun die Makler und Bauträger, deren Prospekte für millionenschwere Eigentumswohnungen und Villen in Thüringen zuhauf in den Bürofluren bei Intershop herumliegen. Seit sich die Mitarbeiter des Unternehmens siegessicher einen Teil ihres Gehaltes in Aktienoptionen auszahlen lassen, die sie berechtigen, paketweise Anteile zum Kurs des Einstellungstages in ihr Depot zu transferieren, schossen die Angebote für teure Autos, Immobilien und Urlaubsreisen aus dem Boden. Vor allem die Intershoper, die von Anfang an dabei sind, konnten sich über fünf-, sechs und manchmal sogar siebenstellige Beträge auf den Konten freuen.

Mit der Aussicht, die Optionen zu ziehen und schnell reich zu werden, ist es seit Dienstag vorbei. Vor allem die Optionen derjenigen, die in den Hochzeiten der Intershop-Aktie vor rund einem Jahr Verträge unterschrieben haben, sind jetzt kaum noch etwas wert. Und dennoch. Die jungen Intershoper haben Hoffnung. Immerhin für fast 50 Kollegen hat der Hype am Dienstag erst richtig begonnen. Sie standen an diesem Tag beim Einstellungsgespräch und sicherten sich Optionen beim Stand von 7 Euro 16.

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