Interview : "Die Insolvenz wäre eine Katastrophe"

Arcandor-Betriebsratschef Hellmut Patzelt über die Aussicht auf Staatshilfe, die Angst der Mitarbeiter und eine Fusion mit Kaufhof.

280473_3_xio-fcmsimage-20090607203319-006000-4a2c07ef55acf.heprodimagesfotos84120090608patzelt.jpg
Hellmut Patzelt. „Eine Fusion nur als Restrukturierung zu verstehen und Stellen zu streichen ist falsch.“ Foto: dpa

Herr Patzelt, vieles spricht dafür, dass Arcandor im Lauf der Woche Insolvenz anmeldet. Glauben Sie noch an eine Rettung?



Auf jeden Fall. Natürlich habe ich ein Gefühl der Unsicherheit, was passieren wird. Aber ich glaube nach wie vor, dass die Regierung uns unterstützt.

Was macht Ihnen Mut?


Die Gespräche mit der Politik und die Unterstützung aus der Bevölkerung. Ich habe aus den Ministerien viele Signale bekommen, die kein endgültiges Aus für Arcandor sehen. Auf die vertraue ich. Zudem haben wir weit über eine Million Unterschriften für Staatshilfe gesammelt. In Kaufhäusern von Rosenheim bis Flensburg. Das sind Kunden, die nicht wollen, dass wir aus den Innenstädten verschwinden. Aber auch Steuerzahler, über deren Geld die Regierung entscheidet.

Würden Sie eine Ablehnung denn verstehen? Opel, mit halb so vielen Beschäftigten wie Karstadt, hat der Staat geholfen.

Ich sage nicht, wir sind dringender als Opel. Das ist nicht meine Denkstruktur. Ich kenne die Kollegen bei Opel, und die stehen unter dem gleichen Druck wie wir. Ich sage nicht: Warum die und wir nicht? Sondern ich habe mich für Opel gefreut. Wir erwarten aber, dass wir genauso behandelt werden, eine Ablehnung wäre für uns eine Katastrophe.

Wie ist die Stimmung der Beschäftigten?

Eine ungeheure Zahl unserer Mitarbeiter bangt um ihren Arbeitsplatz. Sie glauben gar nicht, was da zum Teil für eine Angst herrscht. Ich muss das täglich auffangen. In der Zuversicht, dass man uns hilft. Aber auch unsere Belegschaft möchte nicht die Fälle Opel und Arcandor gegeneinander ausspielen.

Warum kann Ihr Unternehmen ohne Steuergeld nicht überleben?

Es geht hier im Moment nicht um Steuergeld, sondern um eine Überbrückung in Form einer Bürgschaft, die in der derzeitigen Situation den Steuerzahler nichts kostet, und es geht um Kredite, die zurückgezahlt werden.

Aber die Rückzahlung können Sie nicht garantieren.


Nein, das können wir nicht. Aber wir haben eine nicht-euphorische Unternehmensplanung, die unabhängig überprüft wurde. Und gerade die Mitarbeiter von Karstadt leisten bereits einen massiven Beitrag für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze. Sie haben eine Zukunft verdient.

Wie sieht dieser Beitrag aus?

Arcandor spart seit November 2008 und bis Ende 2011 340 Millionen Euro bei den Personalkosten für Karstadt und Primondo. Für eine Verkäuferin in Vollzeit bedeutet das etwa 100 Euro weniger im Monat. Das ist viel Geld.

Was bekommen die Mitarbeiter dafür?

Wir haben für alle Karstadt-Filialen mit 32 000 Mitarbeitern Standort- und Beschäftigungssicherung vereinbart.

Das würde im Fall einer Insolvenz wohl nicht mehr gelten.

Nein. Das ist klar.

Gibt es für die Sicherung der Jobs nicht auch eine privatwirtschaftliche Lösung, etwa durch eine Fusion mit dem Wettbewerber Kaufhof?

Ich schließe das ausdrücklich nicht aus, solche Überlegungen gibt es ja schon lange. Entscheidend ist: Geht es um eine Übernahme oder um eine Fusion unter Gleichen? Ich sage, wir müssen zunächst unter Arcandor wieder auf die Beine kommen. Dann können wir weitersehen.

Aber auch eine Fusion würde viele Arbeitsplätze kosten. Experten sprechen von mindestens 5000.

Das muss nicht sein. Eine Fusion nur als Restrukturierung zu verstehen und tausende Stellen zu streichen, ist falsch. Dagegen werden wir uns wehren. Das kann nicht das Ziel sein, schon gar nicht mit staatlicher Unterstützung.

Was wäre ein besserer Weg?


Viel interessanter ist es, eine Vision zu entwickeln und über neue Formate nachzudenken. Nehmen wir zum Beispiel die derzeit 36 Doppelstandorte von Karstadt und Kaufhof. Es wäre falsch, einfach einen Standort zuzumachen. Im Handel hat sich immer wieder bewiesen: Wenn einer schließt, hat der andere dessen Umsätze noch lange nicht. Stattdessen muss man überlegen, wie wir einen Doppelstandort in bester Lage entwickeln können. Man könnte etwa ein Fashionhaus machen und eines für Sport. Oder Multimedia und Lebensmittel.

Aber auch dann würden Arbeitsplätze wegfallen, etwa in der Verwaltung.


Das ist zu befürchten.

Ist so eine visionäre Lösung mitten in der Wirtschaftskrise nicht eher unrealistisch?

Im Gegenteil. Ich habe schon 1995 den Zusammenschluss von Hertie und Karstadt begleitet. Deshalb weiß ich, viele Schließungen würden den Steuerzahler richtig viel Geld kosten.

Aber zeigen die Pleite von Hertie und die Lage von Karstadt nicht eher, dass das Konzept Warenhaus keine Zukunft hat?

Das ist eine ewige Diskussion, die auch wohl nie enden wird. Warenhäuser haben eine sehr lange Tradition und sie mussten sich immer verändern, anpassen und neu erfinden.

Was würde eine Insolvenz für Sie persönlich bedeuten?

Das wäre auch für mich persönlich eine Katastrophe, da auch ich eine Familie zu ernähren habe.

Das Gespräch führte David C. Lerch.

GEWERKSCHAFTER Hellmut Patzelt (55) ist Betriebsratsvorsitzender von Arcandor. Seit 1997 ist er als freigestellter Chef der Belegschaftsvertretung tätig, zunächst bei Karstadt, später bei Karstadt-Quelle.

Er kam bereits als 14-Jähriger zu Karstadt und begann dort eine Kaufmannslehre. Patzelt lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in der Nähe von Fulda.

0 Kommentare

Neuester Kommentar