Interview : "Lebensmittel sind zu billig“

Der Ritter-Sport-Chef und Öko-Unternehmer Alfred Ritter spricht mit dem Tagesspiegel über gute Schokolade, Bio-Produkte und die Zukunft der Solarwirtschaft.

Herr Ritter, haben Sie schon mal eine Schokoladensorte selbst zusammengerührt?

Selbst noch nie, dazu reichen meine Kenntnisse leider nicht aus. Aber ich probiere jede neue Sorte und sage, ob sie mir schmeckt.

Und welche schmeckt Ihnen am besten?

Ich bin meinem Favoriten, der dunklen Vollmilch, untreu geworden. Unsere neue Bio-Vollmilch ist die beste Vollmilch, die wir je hatten. Das ist natürlich Geschmackssache. Sie sollten mal probieren: zuerst die süße Alpenmilch, dann die kakaobetonte Vollmilch, anschließend die dunkle Vollmilch, dann die Halbbitter ohne Milch und die knackige Edelbitter und schließlich die Bio-Vollmilch mit 35 Prozent Kakao.

Das schafft man?

Klar. Ich liebe Schokolade.

Sie sind bekannt als umweltbewusster Unternehmer. Warum bringen Sie erst jetzt eine Bio-Schokolade auf den Markt?

Wir sind nach Sarotti der erste große Hersteller, der eine Bio-Schokolade auf den Markt bringt. Der Aufwand ist nicht unbeträchtlich. Die Herstellung musste strikt von der konventionellen Produktion getrennt werden. Und es ist gar nicht so einfach, die Bio-Zutaten in der nötigen Menge zu bekommen.

Die Bio-Tafel ist kleiner und teurer als die normale Ritter-Schokolade. Verdienen Sie mehr an einem Bio-Produkt?

Wir erwarten keine hohen Extraprofite. Der Biomarkt steckt voller Tücken, weil es noch so wenig Anbaugebiete gibt. Bei Kakao ist es am kritischsten, den gibt es fast ausschließlich in Süd- und Mittelamerika. Für Cashewkerne muss man sich bis ins hinterste Tansania bewegen. Aber auch von der Bio-Milch und dem BioZucker, die wir ausschließlich in Deutschland einkaufen, gibt es zu wenig.

Ist es nicht absurd, Nüsse und Kakao um den halben Globus zu transportieren, um in Waldenbuch bei Stuttgart eine Bio-Schokolade daraus zu produzieren?

Es ist schon richtig, die Transportwege bei der Schokoladenherstellung sind lang. Aber die Rohstoffe brauchen nun mal bestimmte klimatische Bedingungen, die es in Deutschland nicht gibt.

Dafür müssen die Verbraucher, die ohnehin über steigende Lebensmittelpreise klagen, seit Januar 20 Prozent mehr für Ritter-Schokolade bezahlen. Musste es gleich ein so großer Sprung sein?

Das hat zwei Gründe. Die Rohstoffpreise für Haselnüsse, Milch oder Kakao sind massiv gestiegen. Außerdem haben wir neue Qualitätsstandards eingeführt, die wir uns etwas kosten lassen. Was wir zum Beispiel mit den Haselnüssen anstellen, tut sonst niemand in der Branche.

Was tun Sie denn?

Unsere Nüsse sind handverlesen und das ganze Jahr über frisch, weil sie unter außergewöhnlichen Bedingungen gelagert werden. Sie müssen alle eine bestimmte Größe haben. Und bei uns finden Sie keine faule Nuss. Ähnlich hohe Standards bauen wir für Kakao auf. Das alles kostet. Ritter Sport kauft auch immer weniger an den Rohstoffbörsen ein, sondern direkt bei unseren Lieferanten, denen wir dadurch bessere Erträge garantieren. Das wird alles nicht billiger, aber qualitativ deutlich besser.

Und die Käufer der Bio-Ware honorieren es, weil sie das Gefühl haben, die Welt ein bisschen zu retten?

Bio-Konsumenten wollen zuerst sich selbst retten und einfach etwas Gutes essen. Das steht im Vordergrund. Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, denen ihre Ernährung wichtig ist und die etwas mehr für Lebensmittel ausgeben, wenn sie wissen, dass bei der Herstellung Qualitätsnormen eingehalten wurden. Die Verbraucher haben unsere Argumente verstanden. Die Nachfrage ist nicht zurückgegangen.

Sie sprechen für die, die es sich leisten können…

Das sind mehr als man denkt. In den 50er Jahren haben die Menschen mehr als 50 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Heute sind es rund zwölf Prozent. Lebensmittel sind relativ zu den Einkommen zu billig. Dieses Missverhältnis, das durch die Industrialisierung der Agrarwirtschaft entstanden ist, kann auf Dauer nicht bestehen bleiben.

Das Kartellamt verdächtigt Ritter Sport und andere Süßwarenhersteller, die kräftigen Preiserhöhungen vorher abgesprochen zu haben. Stimmt das?

Dieser Verdacht wurde nicht erhoben. Es geht um den Verdacht, sich gegenseitig wettbewerblich sensible Informationen erzählt zu haben. Das Verfahren läuft, und deshalb darf ich dazu nichts sagen.

Wird Schokolade dieses Jahr noch teurer?

Im laufenden Jahr ist nicht mehr damit zu rechnen. Die Rohstoffpreise haben sich leicht entspannt, zumindest ist der Anstieg nicht mehr so steil.

Ritter Sport hat Marktanteile verloren, die Ertragslage ist nicht zufriedenstellend, wie Sie selber sagen. Machen Sie 2008 wieder Gewinn?

Ich gehe davon aus. Es ist noch ein bisschen zu früh, um sicher zu sein, aber auf Dauer kann man nicht vom Verlust leben. Wir haben die schlechten Jahre hinter uns. Als Familienunternehmen haben wir eher Vorteile. Ich wäre sehr unglücklich gewesen in den letzten Jahren, wenn ich einen Aufsichtsrat gehabt hätte, der mir gesagt hätte: So geht das nicht. Als Familie ist man da leidensfähiger. Meine Berufserfahrung sagt mir: Geld ist nicht das Problem. Es ist das Management.

Obwohl Ritter Sport jedes Jahr eine Milliarde Tafeln Schokolade produziert, sind Sie ein Mittelständler geblieben. Müssen Sie nicht wachsen, um gegen die Großen bestehen zu können?

In Deutschland ist Wachstum nur durch Verdrängung anderer möglich. Die Märkte im übrigen Europa, in den USA und Russland, sind gesättigt. In Osteuropa ist der Spielraum begrenzt. Indien, China und Südostasien wachsen zwar noch. Aber der Schokoladenmarkt in Indien ist klein, obwohl so viel Menschen dort leben. Wachstum ist also möglich – im Rahmen unserer Möglichkeiten. Heute machen wir 35 Prozent des Umsatzes im Ausland. Mittelfristig sollen es 65 Prozent sein. Das wäre gesünder.

Auch, damit Sie sich die besondere Unternehmenskultur leisten können, die Sie im deutschen Werk pflegen?

Ich gehe gerne durch Waldenbuch, ohne dass mich die Leute böse anschauen, deshalb habe ich die rund 700 Mitarbeiter am Ertrag des Unternehmens beteiligt und deshalb zahle ich übertarifliche Leistungen. Es ist für beide Seiten ertragreicher, wenn die Mitarbeiter motiviert sind.

Bekommen die Beschäftigten noch eine Tüte Schokolade am Freitagabend?

Das Putzgüggle, ja, das bekommen alle. Früher durften Mitarbeiter, die am Freitag die Maschinen geputzt haben, Schokoladenreste mit nach Hause nehmen. Irgendwann haben sich die Leute aus dem Büro beschwert, weil sie leer ausgingen. Seitdem bekommen alle etwas.

Trotz Verlusten haben Sie immer auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Lässt sich das durchhalten?

Wenn die Mitarbeiter in guten Zeiten freiwillig Sonderschichten auch am Wochenende fahren, dann kann ich ihnen in schlechten Zeiten nicht sagen, jetzt will ich Euch nicht mehr. Das wäre unfair. Deshalb haben wir niemandem gekündigt, aber auch keine Leute eingestellt.

Sie scheinen es sich leisten zu können. Gilt das auch für Ihr Engagement als Unternehmer im Bereich der erneuerbaren Energien?

Da muss man klar unterscheiden: Eine Gesellschaft kann nur das konsumieren, was sie vorher produziert hat. Soziale Standards setzen deshalb Produktivität voraus. Wie der Reichtum dann verteilt wird, ist eine andere Frage. Ökologie ist – ganz banal – eine Überlebensfrage. Man kann es sich nicht leisten, nichts für die Umwelt zu tun. Sonst geht es irgendwann schief.

Sie führen nebenbei nicht nur Paradigma, ein Unternehmen, das ökologische Heiztechnik verkauft, sondern sind auch Mitgründer und Aufsichtsratschef der Freiburger Solar-Fabrik AG. Welche Folgen hätte eine drastische Senkung der Solarförderung, über die gerade diskutiert wird?

Ein wichtiger Teil des deutschen Solarmarktes würde wegbrechen. Vielen Handwerkern, die sich auf die Montage von Solarsystemen spezialisiert haben, droht die Pleite. Das muss die Bundesregierung wissen, wenn sie die Solarförderung reduziert. Die großen Hersteller werden es überstehen, weil sie ihre Märkte in anderen Ländern finden werden. Das Wachstum wird sich in Deutschland verlangsamen, aber der Weltmarkt springt gerade an. In Singapur entstehen Solarzellenfabriken mit Gigawattleistung. Davon macht man sich in Deutschland gar keine richtige Vorstellung. Das boomt jetzt los, es ist unglaublich.

Können Sie sich vorstellen, die Schokoladenfabrik irgendwann zu verkaufen, um sich als Unternehmer nur noch dem Thema regenerative Energien zu widmen?

Warum sollte ich? Ich liebe Schokolade.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

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