Interview mit Ralf Gerbershagen : „Wir ziehen jetzt ins Wohnzimmer“

Der Geschäftsführer von Motorola über digitales Fernsehen, das Ende der Handyproduktion in Deutschland und den besonders erfolgreichen Standort Berlin.

Corinna Visser

Herr Gerbershagen, gerade ist das Inventar von BenQ versteigert worden. Wann kommt das Aus für die Handyproduktion von Motorola in Flensburg?

Die beiden Fälle können Sie nicht vergleichen. BenQ war ein Bankrott und davon sind wir weit entfernt. Ein Grund dafür ist, dass wir unsere Firma nach den Marktgegebenheiten neu ausrichten und zwar so, dass wir stärker daraus hervorgehen und auf dem deutschen Markt weiter wachsen können.

Was bedeutet das?

Wir müssen dahin gehen, wo die Märkte wachsen. Zwar legt der deutsche Markt noch zu, nämlich mit etwa elf bis 14 Prozent im Jahr. Aber die großen Wachstumsmärkte liegen in China, in Südostasien und in Indien. Wir haben 2003 bereits 90 Prozent der Produktion nach China verlagert. Was wir in Flensburg noch gehalten haben, war unsere UMTS-Fertigung. Damals war sie noch viel komplizierter als die der Standardgeräte. Aber das hat sich geändert. Der Markt ist nicht mehr bereit, für ein UMTS-Gerät mehr zu bezahlen. Daher haben wir uns entschieden, auch den letzten Teil der Produktion nach China zu verlagern.

Es ist also nicht möglich, Handys profitabel in Deutschland zu produzieren?

Das kommt darauf an: Wenn wir vom unteren Preissegment sprechen, das etwa 50 Prozent des deutschen Marktes ausmacht, dann ist die Antwort nein. Da sind keine Margen mehr zu erwirtschaften. Reden wir über Geräte im mittleren oder hohen Preissegment, dann ist da natürlich ein bisschen mehr zu verdienen. Diese Geräte kann man auch in Deutschland noch produzieren.

Haben Sie diesen Trend verschlafen?

Nein. Unser Werk war im Wettbewerb immer vorne dran. Aber im Zuge der globalen Konsolidierung macht es für den Konzern Sinn, dass wir die Fertigungen weiter zusammenlegen. Der Standort Flensburg bleibt ja weiterhin erhalten.

Was bleibt denn?

Wir werden weiter Rohware liefern und sie wird dort auf die Kundenwünsche hin angepasst und dann ausgeliefert.

Aber Sie suchen dafür einen Käufer.

Wir suchen jemand, der uns die Logistik- leistung am Standort teilweise abnimmt. Im Prinzip reden wir also über Outsourcing.

Wie weit sind Sie mit der Partnersuche?

Wir sind schon relativ weit, wir rechnen damit, dass die Entscheidung in den nächsten Wochen fällt. Wir haben Vorverträge mit zwei Firmen gemacht und sind mitten in den Verhandlungen.

Eine der beiden Firmen ist die Post-Tochter DHL...

Das haben Sie gesagt. Dazu will ich mich nicht äußern.

Und wann ist tatsächlich Schluss mit der Handyproduktion?

Zum Herbst hin verlagern wir die Produktion nach Asien.

Wie geht es für die 230 Mitarbeiter weiter?

Wir haben einen Sozialplan vereinbart und eine Auffanggesellschaft gegründet. Wir bemühen uns jetzt darum, dass wir die Menschen in neue Jobs bringen.

Werden Sie die Forschung in Deutschland halten?

Wir werden an den Standorten Taunusstein, Flensburg, München und Berlin festhalten, dies beinhaltet auch Aufgaben in der Forschung. Wir sind also in Deutschland sehr gut aufgestellt.

Wie groß wird die Belegschaft insgesamt sein?

Das hängt von den Verhandlungen ab.

Welche Zukunft hat der Standort Berlin, wo Sie keine Handys, sondern digitale Funknetze für Firmen und Behörden bauen?

In Berlin beschäftigen wir etwa 400 Mitarbeiter. Immer wenn ein Digitalfunksystem bei Motorola bestellt wird, dann produzieren wir die Geräte in einem unserer Werke irgendwo auf der Welt und bringen sie dann nach Berlin, um das gesamte System hier zu testen. Auch die Kunden reisen aus der ganzen Welt an, um die Systeme hier abzunehmen.

Damit haben die 400 Leute genug zu tun?

Das Geschäft brummt, im Moment ist der Standort bis unter die Decke ausgelastet. Unser Werk in Berlin steht auch nicht zur Diskussion. Die Kunden lieben es, nach Berlin zu kommen.

Aber den Milliardenauftrag für den Aufbau des digitalen Polizeifunks in Deutschland hat Ihr Konkurrent EADS bekommen. Was macht es da für einen Sinn in Berlin zu bleiben?

Sicher haben wir damit gerechnet, dass wir dieses System in Deutschland auch aufbauen können. Das ist jetzt nicht der Fall. Das große Projekt ist zwar weg, aber wir gewinnen im Moment im Industriebereich alle wichtigen Projekte, die es gibt: Wir liefern Digitalfunk für Energieversorger und haben auch die Flughäfen in München und Leipzig ausgerüstet...

... was ist mit dem Flughafen Berlin Brandenburg International?

Wenn die erst einmal so weit sind, werden wir uns bewerben. Und ich sehe keinen Grund, warum wir den Auftrag nicht auch bekommen sollten.

Sehen Sie noch eine Möglichkeit, sich am Aufbau des digitalen Polizeifunks in Deutschland zu beteiligen?

Wir halten nach wir vor alle Kontakte und haben bewiesen, dass unsere Systeme funktionieren. Zuletzt haben wir für den G-8-Gipfel in Heiligendamm ein Netz aufgebaut.

Sie könnten die Geräte liefern...

Im zweiten Schritt kommen die Ausschreibungen der Bundesländer für die Digitalfunkgeräte. Da werden wir uns beteiligen. Ich bin mir hundert Prozent sicher, dass wir einen großen Teil der Ausschreibungen gewinnen werden. Ich rechne damit, dass die ersten Ausschreibungen im vierten Quartal kommen werden.

Bedeutet das neue Jobs für Berlin?

Im Moment sind wir in Berlin gut aufgestellt.

Motorola hat insgesamt ein enttäuschendes erstes Quartal hinter sich. Wie läuft das Geschäft in Deutschland?

Unser Geschäft in Deutschland ist entgegen dem allgemeinen Trend relativ stabil. Bei Handys sind wir auf dem deutschen Markt mit einem Anteil von 18 Prozent weiterhin die Nummer zwei. Das ist das größte Geschäft in Deutschland. Der Digitalfunk läuft wie gesagt hervorragend und jetzt bauen wir ein drittes Geschäftsfeld auf: Connected Home.

Das vernetzte Zuhause?

Ja. Es gibt einen neuen Trend, der heißt: digitales Fernsehen. Die Deutsche Telekom und alle anderen großen Telefongesellschaften steigen gerade in das Geschäft ein. Und Motorola ist Weltmarktführer bei den dafür nötigen Geräten. Das Problem ist nur, dass das hier noch niemand weiß, weil wir dieses Geschäft in den USA sehr stark vorangetrieben haben.

Welche Geräte meinen Sie?

Zum einen die Settop-Boxen, also die Empfangsgeräte, die unter dem Fernseher stehen. Inzwischen haben wir mehr als 50 Millionen Stück ausgeliefert. Dazu kommen alle Geräte, die die Netzbetreiber brauchen, um Digitalfernsehen anbieten zu können. Das bedeutet: Wir ziehen jetzt ins Wohnzimmer ein. Ich denke, dass wir im vierten Quartal mit der Auslieferung in Deutschland beginnen.

Und wie wollen Sie das Handygeschäft wieder voranbringen?

Das neue Razr...

Razr hieß Ihr bisheriger Verkaufsschlager...

Genau. Der Nachfolger kommt Mitte Juli nach Deutschland. Mit dem ersten Razr haben wir ganz neue Maßstäbe in Sachen Design gesetzt. Bei den Kunden ist es sehr gut angekommen. Das treiben wir jetzt weiter. Der neue Razr ist noch flacher, dafür aber etwas breiter. Das ist ähnlich wie bei BMW: Es gibt immer wieder einen neuen 3er, und der neue ist immer etwas schicker als der alte.

Was muss ein Handy heute alles können?

Machbar ist eine ganze Menge, die Frage ist nur, was die Menschen wirklich nutzen. Der letzte große Trend war Musik, jetzt kommen Video und Fernsehen auf das Handy.

Werden Sie sich am Aufbau des digitalen Fernsehens für das Handy beteiligen?

Ja, wir werden uns um den Aufbau der Infrastruktur bewerben. Ich denke, Anfang nächsten Jahres wird es losgehen. Youtube und die anderen Videoplattformen im Internet werden das Thema vorantreiben. Die Menschen werden sich die Videos auch unterwegs anschauen wollen. Da ist ein enormes Marktpotenzial.

Viele Menschen fühlen sich von all den Funktionen überfordert. Sie wollen einfach nur mobil telefonieren.

Das stimmt. Für diese Kunden haben wir das Motofon entwickelt. Es ist sehr flach und hat zwei Antennen für eine besonders gute Sprachqualität. Und es kommt tatsächlich sehr gut an. Wir haben schon gut eine halbe Million Stück verkauft. Auch diese Baureihe werden wir weiter entwickeln.

Das Gespräch führte Corinna Visser

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben