Investor : Der Mann, der Tui umtreibt

Vom Laufburschen zum Milliardär: Der Reeder John Fredriksen, größter Einzelaaktionär beim Tui-Konzern, hat eigene Pläne für die Zukunft des Reiseunternehmens. Der Aufsichtsrat ist über sein Engagement wenig erfreut.

André Anwar

Stockholm - Am nächsten Mittwoch um 10.30 Uhr wird es spannend im Kongresszentrum in Hannover. Dann erreicht der Streit zwischen Tui-Chef Michael Frenzel und Großaktionär John Fredriksen einen neuen Höhepunkt. Auf der Hauptversammlung der Tui wird sich entscheiden, ob der norwegische Reeder seine Macht beim Reise- und Schifffahrtskonzern ausweiten kann. Dabei geht es um die neue Besetzung des Aufsichtsrats und um die künftige Strategie des Konzerns.

Der Milliardär Fredriksen verlangt die Absetzung zweier Aufsichtsratsmitglieder und will zusammen mit seinem Vertrauten Tor Olav Troim selbst in das Gremium einziehen. So könne man die Schifffahrtsexpertise in dem Gremium erhöhen, argumentiert der norwegische Reeder. Auf seinen Druck hin hat Tui-Chef Frenzel die Reederei Hapag-Lloyd zum Verkauf gestellt. Frederiksen ist für die Aufspaltung der Tui, aber seine eigentlichen Ziele sind unklar. Denn er selbst will die Schifffahrtsparte offenbar nicht kaufen. Arbeitnehmervertreter sehen das Ganze kritisch. Sie sagen, es gehe nur um das schnelle Geld, auf Arbeitsplätze werde keine Rücksicht genomen.

11,7 Prozent hält Fredriksen an der Tui und ist damit der größte Einzelaktionär. Ein Platz im Kontrollgremium steht ihm zu. Doch der kämpferische Norweger will mehr – und ist überzeugt, dass es ihm gelingen wird, die Abwahl von Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow zu erreichen. Weil Fredriksen aus Norwegen kommt, wird der in Deutschland bis vor kurzem noch relativ unbekannte Milliardär zuweilen schon als „kaltblütiger Wikinger“ tituliert. In seiner Heimat denkt man anders über ihn. Seinen Landsleuten gilt er zwar als raubeinig, aber auch als gutherzig.

Übel nehmen ihm die Norweger, dass er seinen Pass vor zwei Jahren gegen einen zypriotischen eingetauscht hat, um den norwegischen Steuern zu entkommen. Dennoch sind der 1944 geborene Fredriksen und seine Familie Teil der Identität der erst gut 100 Jahre selbstständigen norwegischen Nation. Seine Frau und seine beiden 25 Jahre alten Zwillingstöchter Kathrine und Cecilie sind im Land fast so bekannt wie die norwegische Königsfamilie. Der Krebstod von Fredriksens Frau Inger Ende 2006 im Alter von 56 Jahren rief große Anteilnahme in Norwegen hervor. Inger hatte sieben Jahre lang mit ihrer Krankheit gekämpft und sich recht persönlich in Medien darüber geäußert. Sie machte damit vielen norwegischen Kranken Mut. Der Krebsforschung spendete sie große Summen.

Fredriksen genießt in der trotz Ölreichtums recht bodenständigen norwegischen Gesellschaft vor allem deswegen viel Respekt, weil er sein Schifffahrts-Imperium selbst aufgebaut hat. Sein Vater war Schweißer, seine Mutter arbeitete in einer Kantine. Im Unterschied zu anderen Wirtschaftsmagnaten hatte er weder eine Großunternehmerfamilie noch eine Ausbildung an einer angesehenen Wirtschaftshochschule im Rücken, lediglich das Gymnasium hat er besuchen dürfen. Mit 16 Jahren verdingte er sich zunächst als Laufbursche in einem Osloer Maklerbüro für Schiffsvermittlungen.

In den 70er Jahren startete er mit selbst gesammelten Kontakten ein Geschäft als Schiffsmakler in New York. Kurz darauf, damals war er in seinen Dreißigern, gründete er seine eigene Reederei. Er kaufte Schiffe, um nicht nur von seinen Vermittlungsprovisionen leben zu müssen. Geld von Ölscheichs aus dem Nahen Osten half dabei.

Mit großer Risikobereitschaft ließ er seine Tanker während des iranisch-irakischen Krieges in den 80er Jahren Öl aus dem Persischen Golf transportieren. Heftig kritisiert wurde er damals, weil er das Leben seiner Schiffsbesatzungen aufs Spiel setzte und aus dem Krieg und damit der Not anderer seinen Profit zog. Ihm war das egal. Die Transporte waren erfolgreich, und der Norweger schwamm danach buchstäblich im Geld, welches er seitdem gekonnt mit internationalen Investitionen vermehrte. Heute ist er mit der Reederei Frontline der größte Schiffstankerunternehmer. Auf der „Forbes“-Liste der reichsten Männer der Welt steht er auf Rang 113. Sein Vermögen wird auf 76 Milliarden US-Dollar geschätzt. Neben der Reederei gehören die Fischzucht, das Inkassogeschäft und Schiffbau-Zulieferer zu seinen wichtigsten Standbeinen. Wenn er sich einmal zur Ruhe setzt, sollen seine Töchter sein Imperium übernehmen. Aber das kann noch dauern. Fredriksen erfreut sich bester Gesundheit und sein Biograf Gunnar Stavrum beschrieb die Fredriksen eigene Zähigkeit einmal so: „Mit ihm ist es wie mit allen Reedern – er gibt das Steuer erst aus der Hand, wenn er im Grab liegt.“ Eine ähnliche Haltung wird ihm auch im Tui-Konflikt nachgesagt. Fredriksen hat bei ähnlich schwer durchsetzbaren, aber gewinnträchtigen Geschäften bisher eine nahezu manische Ausdauer bewiesen.

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