Wirtschaft : Ist Silicon Valley über den Berg?

Rita Neubauer

Silicon Valley - ein Tal der Tränen? Gregg Henkens kann darüber nur lachen. Sicher, Zehntausende verloren ihren Job in der Hightech-Industrie in den vergangenen zwölf Monaten. Häuser, die noch vor einem Jahr zwei Millionen wert waren, sind heute für 1,5 Millionen zu haben. Und 28-jährige Multimillionäre werden auch nicht mehr jeden Tag geboren.

Dennoch: "Es gibt hier eine Menge Leute, die von der Rezession so gut wie gar nichts mitbekommen haben," sagt der Autoverkäufer und weiß, dass es weiterhin genügend Interessenten für seinen 70 000 Dollar- teuren BMW gibt. Oder für eine Luxusyacht, wie die jüngste Bootsshow in San Francisco zeigte.

"Wer früher das Geld für eine Yacht hatte, der hat es auch heute noch", meint Laurie Fried, Sprecherin der National Marine Manufacturers Association, die kaum einen Einbruch ihrer Geschäfte notierte. Kein Zweifel, das kalifornische Silicon Valley durchlebt eine der schwersten Rezessionen der vergangenen Jahre.

Der Domino-Effekt der Startup-Zusammenbrüche und die sinkende Nachfrage in der Hightech-Industrie gekoppelt mit der schwächelnden US-Wirtschaft haben der Region, die zu einer der führenden in der Welt gehört, schwer zu gesetzt. Will man jedoch den lokalen Wirtschaftsauguren glauben, so könnte diese düsteren Zeiten bald der Vergangenheit angehören.

Nach einem gerade veröffentlichten Bericht hat das Debakel der New Economy das phänomenale Wirtschaftswachstum der Region zwar abrupt gebremst, wird aber langfristig weniger Dauerschäden anrichten als anfänglich befürchtet.

Der Report, herausgegeben von Joint Venture Silicon Valley, einer privaten Interessensorganisation, schreibt dies primär den Stärken einer Gegend zu, die gerade mal rund 100 Kilometer lang und rund 40 Kilometer breit, zum Epi-Zentrum der New Economy wurde.

Und diese Stärken wie Innovation, eine gehörige Portion Risikobereitschaft, hochspezialisierte Arbeitskräfte und massenhaft Wagniskapital sind auch weiterhin vorhanden. "Die Welt glaubt, dass wir geschlagen am Boden liegen", räsoniert Douglas Henton, dessen Firma Collaborative Economics den Bericht zusammenstellte, "aber die Dotcom-Blase ist zerborsten und bei uns geht es trotzdem weiter."

Unterfüttert wird dieser Optimismus von jüngsten Wirtschaftsdaten. Danach werden zwar weiterhin Leute entlassen, aber weniger als noch vor sechs Monaten. Die Arbeitslosenrate im Santa Clara County, dem Herzen Silicon Valleys, sank von 6,6 Prozent im November auf 6,1 Prozent Ende des Jahres. Auch hat sich die Pleitenwelle der Startup-Unternehmen verlangsamt. Schlossen noch vergangenen Juni 62 Firmen die Tore, waren es im Dezember nur 21.

Die Halbleiterindustrie, das Zugpferd vergangener Jahre, zeigt die ersten Anzeichen von Erholung. Die Börse, an der sich erfahrungsgemäß ein wirtschaftlicher Aufschwung in den nächsten sechs bis neun Monaten ablesen lässt, zeigt wieder Lebenszeichen. Selbst die Wagniskapital-Branche, die zwischen 1998 und 2000 von drei Milliarden Dollar auf 21 Milliarden anwuchs und dann kräftig absackte, sieht ein Licht am Ende des Tunnels.

Der Wiederaufschwung, so warnen jedoch weniger optimistische Geister, wird nicht von heute auf morgen geschehen. Vor allem im Hightech-Sektor sollte niemand eine High-Speed-Erholung erwarten, wie jüngste, ernüchternde Zahlen von Intel, Sun Microsystems oder Microsoft zeigen. Wenn auch einige Tech-Unternehmen die Erwartungen von der Wall Street im vierten Quartal übertrafen, insgesamt, so notiert selbst US-Notenbankchef Alan Greenspan, beinhalte der Wiederaufschwung "beträchtliche Risiken".

Nach Meinung von Analyst Brian Belski müssen die Unternehmen zuvor Inventar abbauen, das sie während der Boomzeiten anhäuften, und weiter die Ausgaben senken. Auch ist ein Anziehen der Nachfrage noch nicht in Sicht. "Bis dieses Gürtel-enger-schnallen Erfolge zeigt, vergeht jedoch eine Weile."

Auch erwarten Beobachter in diesem Jahr eine Zunahme der Fusionen und Aufkäufe von Firmen. Kleinere Unternehmen, deren Aktienpreise in den Keller rauschten, könnten dies als Mittel sehen, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Die Großen, die unter stagnierenden Umsätzen leiden, könnten mit dieser Strategie billig neue Produkte und Technologien in ihr Angebot aufnehmen.

Große Hoffnungen werden langfristig auch auf neue Trends gesetzt wie den Switch von PCs zu handtellergrossen Taschencomputern, effizientere Siliconscheiben und größere Investitionen in Sicherheitssysteme. Alles in allem, sind sich Beobachter einig, dass es mit der Wirtschaft in Silicon Valley in diesem Jahr wieder langsam aufwärts gehen wird. Ob die Talsohle jedoch schon durchschritten ist, wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wenn weitere Unternehmen ihre Quartalszahlen präsentieren.

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