Wirtschaft : Jagger um jeden Preis

Für Konzerte der Superstars greifen Fans immer tiefer in die Tasche – gleichzeitig steigen die Ansprüche

Henrik Mortsiefer

Wer wollte nicht einmal im Leben zusammen mit Mick Jagger am Champagner nippen oder Keith Richards die Lachshäppchen reichen? Millionen Fans der Rolling Stones träumen davon. Und geben viel Geld aus, um ihrem Traum ein wenig näher zu kommen. Die „Licks“-Welttournee der Altrocker, die sich vom 4. Juni an neun Mal in Deutschland die Ehre geben, ist nahezu ausverkauft. Allein in Berlin wurden binnen Stunden 60 000 Karten für das Konzert im Olympiastadion am 15. Juni verkauft.

Dass die Stones im Jahr 2003 ihren Fans so wertvoll sind wie nie, zeigen nicht nur reguläre Ticketpreise von mindestens 80 Euro, sondern auch die aktuellen Schwarzmarktkurse beim Internet-Auktionshaus Ebay. Obwohl für die Termine in Hamburg oder München noch Karten im Vorverkauf erhältlich sind, werden bei den Auktionen Mondpreise verlangt: „8 x Rolling Stones, 1a Sitzplatz, Loge München, 1201 Euro“.

„Man hat das Gefühl, als müssten sich die Menschen betäuben“, sagt Klaus Peter Schulenberg, Vorstand der CTS Eventim AG, Deutschlands größtem Tickethändler. „Die Kartenverkäufe für 2003 sind geradezu explodiert.“ Trotz Konjunkturflaute und Arbeitslosigkeit nimmt die Zahlungsbereitschaft der Deutschen bei Rock- und Klassik-Konzerten oder Festivals zu. 1999 gaben sie für Live-Musik mehr als 2,6 Milliarden Euro aus – knapp 86 Euro pro Kopf. Inzwischen dürfte es deutlich mehr sein.

Dabei wachsen mit den Preisen auch die Ansprüche des Publikums. Nicht nur bei den Rolling Stones, deren Shows immer kostspieliger werden. Auch andere Superstars wie Bruce Springsteen, R.E.M. oder Bryan Adams, die 2003 auf deutschen Bühnen zu sehen sind, unterhalten die zahlenden Fans mit perfekten Lichtshows und lupenreinem Sound. „Vier Scheinwerfer links, vier rechts und ein Boxenturm in der Mitte – das ist vorbei“, sagt Peter Schwenkow, Chef der Deutschen Entertainment AG, die die Deutschland-Tournee der Stones veranstaltet. „Und mit einer Bockwurst zwischendurch lässt sich auch kein Konzertbesucher mehr abspeisen.“

Abwechslungsreiches Catering, Bier aus splitterfreien Gläsern, freundliches Sicherheitspersonal und – immer häufiger – ein reservierter Sitzplatz sind inzwischen Standard. Wer mehr will, muss für teure VIP-Karten zahlen. Oder jemanden kennen, der schon bezahlt hat. „Etwa zehn Prozent der Karten werden vorab für die Künstler-Entourage oder Sponsoren und Plattenfirmen reserviert, die ihre Geschäftsfreunde einladen“, sagt Eventim-Chef Schulenberg. Sein Tip für leer ausgegangene Normalzahler: Die geblockten Karten werden oft nicht alle an die geladenen Gäste verteilt und landen später wieder im freien Verkauf. Interessenten, die auf diesen Nachschub hoffen, sollten sich bei den Tickethändlern online registrieren lassen. „Wir teilen dann per E-Mail mit, wenn es wieder Karten gibt“, sagt Schulenberg.

Wer sich frühzeitig selbst zum VIP machen will und das Dreifache des einfachen Ticketpreises – also leicht mehrere hundert Euro – hinblättert, für den legen sich die Veranstalter besonders ins Zeug. „Wer zum so genannten ’Diamond Circle’ gehört, genießt das volle Programm“, sagt Peter Schwenkow. Parkplatz direkt am Veranstaltungsort, Eingang abseits des Massenandrangs, ein Fünf-Sterne-Menü in der VIP-Lounge und in der Pause zum „Meet and Greet“ mit den Künstlern hinter der Bühne – Exklusivgäste müssen auf nichts verzichten.

Bequemlichkeit hat aber ihren Preis. Das gilt auch für die wachsende Zahl von Konzert-Reisenden. Für sie schnüren Touristik- und Konzertveranstalter Pauschalpakete. So können etwa die Fans von Herbert Grönemeyer, der mit seiner „Mensch“-Tour sämtliche Rekorde bricht, die ausverkauften Großstädte meiden und ihrem Star in die Provinz nachreisen, wie mit Karstadt-Reisen nach Aalen. Im Paketpreis von 230 Euro für zwei Personen sind dann nicht nur zwei Eintrittskarten im Waldstadion enthalten, sondern auch eine Übernachtung in der Junior Suite des Vier-Sterne-Hotels „Das Goldene Lamm“ – nebst Frühstücksbuffet und eigenem Föhn auf dem Zimmer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben