Wirtschaft : Japan: Kaum jemand träumt von der Morgenröte

Veronika Csizi

"Neue Besen kehren gut" oder doch "Alter Wein in neuen Schläuchen"? Schaffen es jene "strukturellen Reformen ohne jede Rücksichtnahme", die Japans frischgekürter Premier Koizumi versprochen hatte, den schwer angeschlagenen Aktienmarkt wieder anzukurbeln? Selten gingen die Meinungen weiter auseinander. Während die einen Analysten glauben, dass der führende Index Nikkei 225 nun schnell wieder auf mindestens 17 000 Punkte klettern wird, schließen Pessimisten ein Absacken auf bis zu 8000 Zähler nicht aus.

Im Moment ist die Stimmung jedenfalls wenig euphorisch: Kurz nach der Wahl Koizumis - übrigens der neunte Ministerpräsident in zehn Jahren - rutschte das japanische Börsenbarometer auf ein 16-Jahres-Tief ab. 11 579 Punkte lautete der Schlussstand am Tag nach den Wahlen - so niedrig wie seit dem 7. Januar 1985 nicht mehr. Eine so lange Baisse hat es in keinem anderen Industrieland im letzten halben Jahrhundert gegeben, lässt man einmal die kurzen Rallyeversuche außer acht. Zur Erinnerung: Anfang Mai stand der Index noch bei rund 14 500 Punkten, im April vergangenen Jahres bei knapp 21 000 Zählern.

Wie aber soll sich ein Privatanleger positionieren? Noch zu Jahresbeginn hatten viele Analysten und Banken Optimismus verbreitet und zum Einstieg in Japan geblasen. Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt. "Ob der Umbau der Japan AG unter Koizumi nun funktionieren wird, weiß keiner", sagt Thomas Meyer zu Drewer, Leiter des Fondsmanagement bei der Activest. Der Markt leide nicht nur an der weltweiten Konjunktur- und Börsenschwäche. Hauptproblem Japans sei das hausgemachte strukturelle Defizite. Nippon sei eine Konsensgesellschaft, in der es niemand wage, Reformen gegen den Widerstand anderer durchzusetzen. Gleichzeitg halte das Land stark an Ritualen fest. Koizumi sei zwar jünger und reformfreudiger als seine Vorgänger, doch sei zu befrüchten, dass im Hintergrund "die Alten die Strippen ziehen".

Der Japan-Experte rät daher eher zu einer abwartenden Haltung. Der Nikkei 225 werde sich in den nächsten drei bis sechs Monaten innerhalb einer engen Handelsspanne zwischen 11 500 und 13 000 Punkten bewegen, glaubt der Activest-Manager. Mehr als zehn Prozent sollte der Japan-Anteil im Depot auf keinen Fall ausmachen. Auch von einem Investment in nur ein, zwei Papieren rät er ab. Zwar sehe er kein Untergangsszenario wie manch anderer Analyst, aber der "Sony-Schock" habe ja gezeigt, wie schnell auch Vorzeigekonzerne ins Trudeln geraten könnten.

Der Elektronikriese musste gerade einen Einbruch seines operativen Geschäfts um nicht weniger als 90 Prozent im ersten Quartal bekannt geben und für das Gesamtjahr eine Gewinnwarnung aussprechen. Die Aktie verlor binnen zweier Börsentage rund 17 Prozent ihres Wertes. Seit vergangenen September hat das Papier damit 60 Prozent eingebüßt - und ist auf diesem Niveau, so meint Salomon Smith Barney, ein Kauf. Das US-Investmenthaus hat das Papier soeben auf "buy" hochgestuft.

Andere High-Tech-Riesen stehen Sony indes nicht nach. Die Schockwellen der US-Hochtechnologie hätten natürlich auch Japan erreicht, sagt Meyer zu Drewer. Computerhersteller und Telekomausrüster NEC rechnet mit einem Gewinnschwund von 85 Prozent im ersten Halbjahr. Chip- und Computerbauer Fujitsu erschütterte den Markt mit der Nachricht, man werde im laufenden Geschäftsjahr rote Zahlen schreiben. Im Vorjahr erwirtschaftete das Unternehmen noch einen stattlichen Gewinn. Und Japans größter Handybauer Matsushita - besser bekannt unter der Marke "Panasonic" - wird erstmals seit seinem Börsengang vor 33 Jahren das erste Geschäftshalbjahr mit einem Minus abschließen.

Finger weg von Hightech

Die Hypovereinsbank rät deshalb von einem Investment im japanischen Hochtechnologiesektor ab. Meyer zu Drewer hält einzig die Halbleiter-Branche, die von einer Konjunkturerholung schnell profitieren werde, für interessant. Erste Anzeichen für eine Erholung der Chipkonzerne gebe es auch aus den Vereinigten Staaten. Attraktiv seien darüber hinaus Aktien aus den Bereichen Automobil, Gesundheit oder Ernährung. Bei Honda Motor beispielsweise liefen die Geschäfte gut. Der Autokonzern steigerte den Umsatz nach jüngsten Zahlen um 13, den Nettoertrag um 40 Prozent. Vorschub erhalten die Autobauer vor allem vom Yen, der gegenüber Dollar wie der Euro seit Monaten schwächelt.

Auch JP Morgan Fleming rät, den Anteil japanischer Papiere im Depot auf neun bis zehn Prozent zu begrenzen. Wer jetzt am Kabutocho investiere, gehe eine Wette auf das Gelingen von Koizumis Reformvorhaben ein. Der Markt sei daher äußerst chancenreich und riskant zugleich. Der frischgewählte Ministerpräsident plant im Herbst ein umfassende Reform des Aktienmarkts, will den überschuldeten Staatshaushalt sanieren und Maßnahmen zur Rettung des Bankensektors ergreifen, der auf faulen Krediten von etwa 720 Milliarden Euro sitzt.

Zwei Billionen Mark für nichts

Allerdings haben japanische Regierungen seit 1992 rund ein Dutzend solcher Konjunkturpakete geschnürt. Insgesamt flossen etwa 2,2 Billionen Mark in die japanische Wirtschaft - ohne Erfolg. Im Gegenteil: Aktuelle Daten, so heißt es bei Activest, "weisen auf eine neuerliche zyklische Rezession hin". Auch die DGZ Deka-Bank ist skeptisch. Die Industrieproduktion sei im Juli erneut geschrumpft, so dass die Konjunkturlage Koizumi nicht gerade in die Hände spiele, heißt es in einer aktuellen Studie. Dagegen halten die Raiffeisen- und Volksbanken "das Schlimmste für überstanden". Nach einer Phase der Seitwärtsbewegung seien gegen Jahresende "kräftige Kurssteigerungen" in Japan denkbar. Das Bankhaus HSBC, das traditionell stark in Asien engagiert ist, erwartet das Gegenteil: Wer glaube, die Lage der japanische Wirtschaft werde sich am Ende des Jahres umkehren, stecke "seinen Kopf in den Sand".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben