Wirtschaft : Jeder Zehnte wird zum Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz

JAN DIRK HERBERMANN

GENF .Frankreich nimmt eine traurige Spitzenposition ein: Jeder zehnte Franzose ist jährlich im Betrieb physischen Angriffen ausgesetzt.Damit führt Frankreich in der größten weltweit durchgeführten Studie über Gewalt am Arbeitsplatz, die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) durchgeführt wurde.Auch bei sexuellen Übergriffen liegt Frankreich vorn: Jede fünfte abhängig beschäftigte Frau wird dort mindestens einmal im Jahr unter Zuhilfenahme von Gewalt zu sexuellen Handlungen gezwungen.

Ähnlich hohe Raten weist von den untersuchten Ländern nur Argentinien auf, wo 17 Prozent aller weiblichen Arbeitskräfte angaben, körperlich attackiert oder vergewaltigt worden zu sein.In Rumänien müssen 11 Prozent der Frauen damit rechnen, sexuell genötigt zu werden, in England und Wales sind es 8,6 Prozent.In Deutschland geben 93 Prozent aller Frauen an, zumindest einmal in ihrem Arbeitsleben sexuell belästigt worden zu sein.Diese Erhebung stammt allerdings aus dem Jahr 1991.

Gefährlich sind die Betriebe in den Vereinigten Staaten.Zwischen New York und San Francisco ist Mord bei Frauen die Hauptursache für den Tod am Arbeitsplatz.Bei Männern ist Mord die zweithäufigste Todesursache.Rund 1000 Personen werden jedes Jahr in den USA am Arbeitsplatz Opfer eines Mörders.Am gefährdetsten ist die Altersgruppe zwischen 25 und 34.Vier von fünf Morden an einem Arbeitsplatz in den USA sind mit einem Raub verbunden, schreiben die Autoren des jüngsten ILO-Reportes.

Der gefährlichste Job ist der des Taxifahrers: So werden allein in den USA rund 40 Chauffeure jedes Jahr umgebracht.Berfusgruppen wie Polizisten, die die Sicherheit anderer gewährleisten sollen, sind besonders häufig das Ziel von Mord und Totschlag: Rund 30 Sicherheitsbeamte werden in den USA jedes Jahr ermordet.

Laut ILO breitet sich auch die psychische Gewalt am Arbeitsplatz immer schneller aus.Als verschärfte Form des Mobbing qualifiziert die ILO das sogenannte Bullying.Dabei werden Mitarbeiter offen, bewußt und in rüder Form angegangen, ohne daß ein triftiger Grund dafür vorliegt.In Großbritannien ist jeder zweite Arbeitnehmer bereits einmal Opfer des Bullying geworden, fast 80 Prozent der Briten gaben an, derartiges Verhalten mehr als einmal beobachtet zu haben.Die Ursachen für die Gewalt am Arbeitsplatz - die ILO zählt Bullying und Mobbing dazu - sind vielschichtig.Zunächst der Einfluß der Familie: Aggressives Verhalten würde zuerst in der Familie gelernt, behaupten die Autoren.Nach dieser ersten Sozialisationsstufe geraten Heranwachsende unter den Einfluß Gleichaltriger, auch hier kann gewalttätiges Verhalten schnell abgeschaut werden.Vor allem aber spielten bei schweren Gewalttaten finanzielle Motive eine Rolle.

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