Wirtschaft : Joachim König

Geb. 1943

H.P. Daniels

Professor für Mathematik hätte er werden können. Aber was macht er? Als Joachim geboren wurde, war seine Schwester Renate schon zehn. 1943 war das, mitten in Berlin, in Schöneberg, mitten im Krieg. Kein gutes Jahr, kein guter Ort für Kinder. Aber wenigstens musste der Vater nicht an die Front. Er arbeitete als Ingenieur bei den Askania-Werken, Herstellung von Präzisionsinstrumenten, „kriegsnotwendige Produktion“, „unabkömmlich an der Heimatfront“.

Als Joachim auf die Welt gekommen war, schickte der Vater die Familie aufs Land, ins Brandenburgische. Dort fielen keine Bomben. Er selbst blieb in Berlin. Als die Sowjetarmee näher kam, hat man ihn gewarnt: Mensch, hau ab, das wird gefährlich! Doch er blieb, er habe doch nichts zu befürchten, sagte er, habe sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Er war gehobener Angestellter in der Rüstungsindustrie. Er war NSDAP-Mitglied. Es gibt ein letztes Foto: der Vater im schicken, hellen Anzug. Der ist allerdings ganz verdreckt, verschmiert, verölt. Die Sowjets hatten ihn zwangsverpflichtet: Demontage von Askania. Dann haben sie ihn abtransportiert, ins „Sowjetische Speziallager Nr.2“, ehemals Konzentrationslager Buchenwald.

Die Kinder sahen ihren Vater nie wieder. Wenigstens hatte das Haus in der Schöneberger Hauptstraße, neben der Post, die Bombenangriffe überstanden. Sie konnten zurück in die alte Wohnung. Mutter ging arbeiten, Renate passte auf Joachim auf. Jahrelang musste sie das. Ärztin wollte sie werden, und dann hieß es, es sei nur Geld für einen da, für Joachim, schließlich sei der ein Junge. Mädchen brauchen kein Abitur!

Joachim war ein guter Schüler. Robert-Blum-Gymnasium, Sophie-Scholl- Gymnasium. Die Mathematik wurde seine größte Leidenschaft. Kühle Logik. Also studierte er Mathematik an der Freien Universität. Nebenher, fürs Geld zapfte er Bier im „Leuchtturm“, Crellestraße.

In den nächsten 30 Jahren war der „Leuchtturm“ Joachims zweites Wohnzimmer. Hier saßen auch die alten Freunde, die ihn „King“ nannten, seit der Schulzeit, der Zeit von Elvis, dem anderen King. – Ja, auch für Musik hatte er etwas übrig. Spielte Gitarre und Banjo in verschiedenen Bands. Auf dem „La-Paloma- Sektor“ war er unterwegs, wie er sagte. Auf Laubenpieperfesten spielte King Jazz und Schlager und auf Hochzeiten auch.

Aber selbst heiraten? Niemals! Das war nichts für King. Warum heiraten? Mit Angelika konnte er auch so zusammenleben. Erst bei Muttern in der Hauptstraße, mit Angelika im alten Kinderzimmer. Und die Katzen wohnten da auch. King liebte Katzen seit seiner Kindheit, hatte immer Katzen, sein Leben lang. Sie zogen dann in die Bülowstraße, schließlich in die Kolonnenstraße. Immer im Kiez, immer schön in Schöneberg. Immer nah am „Leuchtturm“.

„Wünschen die Herrschaften vielleicht, sich den Abend noch mit einer weiteren geistigen Erfrischung zu versüßen?“ Typisch King, in seiner leicht geschraubten Ausdrucksweise und seinem Berliner Singsang. Dann bestellte er die nächste Runde Bier oder Calvados, Kings Lieblingsschnaps. Auch beim Fußball: Calvados. Bei wichtigen Spielen im Fernsehen, Länderspielen, Europameisterschaft, Weltmeisterschaft, bei jedem Tor eine Runde Calvados. Und wenn kein Tor fiel, gab’s auch eine Runde: Auf dass endlich ein Tor fiele.

Nie wurde King laut. Wahrte immer die vornehme Zurückhaltung. Ohne jedoch mit seiner Meinung hinterm Berg zu halten, wenn ihm etwas missfiel. Einmal, nachts in einem verlotterten Imbiss, als ein Furcht erregend tätowierter Schlägertyp von mächtiger Statur zu randalieren begann und die Gäste belästigte, sagte der schmächtige King ganz ruhig, aber gut vernehmbar: „Ich glaube, der Herr hat noch nicht begriffen, dass ich hier einfach nur in Ruhe mein Bier zu trinken gedachte!“ Woraufhin der Angesprochene, statt King eine zu verpassen, kopfschüttelnd das Etablissement verließ.

Im Leuchtturm ging’s gesitteter zu. Dort saß King am Stammtisch – nach der Taxischicht. Er fuhr Taxe, damals der ideale Studentenjob. Am Stammtisch haben sie – na was wohl? – Skat gespielt. Und King immer auf Nummer sicher. Besonnen war er, immer vorsichtig. Paffte dazu Gauloises, bis er zu später Stunde „den Frieden der Nacht“ wünschte und den Heimweg antrat, „unter Ausnutzung der gesamten Bürgersteigbreite“.

Nach Hause zu Muttern, ins alte Kinderzimmer wankte er wieder, seit Angelika sich von ihm getrennt hatte. Zehn Jahre waren sie zusammen gewesen. Dass er unter der Trennung litt, behielt der King für sich. Er war keiner, der seine Gefühle an die große Glocke hängte. Und schließlich war er es selbst gewesen, der keine Kinder wollte, Kinder gingen ihm auf die Nerven, fand er nur blöd, schon die Vorstellung – nein, wollte er nicht, auf keinen Fall! Für Angelika war es ein Trennungsgrund.

Schade eigentlich. Was hatten sie nicht alles zusammen erlebt, Angelika und King. Die Stadterkundungsspaziergänge. „Kutte kennt sich aus“, die Sendereihe über Berliner Stadtgeschichte, hörte King regelmäßig im Rias. Oder „Damals war’s – Geschichten aus dem alten Berlin“. Das interessierte ihn. Und sie verreisten zusammen, nach Italien und Frankreich. Auf Korsika saß einmal Peter Scholl-Latour am Nachbartisch. Und Angelika machte einen Wind deswegen: „Das ist doch der Schollatur, der Schollatur ist das doch!“ Der hat es mitbekommen, sich umgedreht und genickt. Und King wäre am liebsten im Boden versunken.

Er hatte lieber seine Ruhe: morgens eine Stunde in der Badewanne. Das Ritual, jeden Tag. Mit einem Krimi oder mit Donald Duck, Asterix, Lucky Luke. Und eine Tasse Brühe gehörte auch dazu. Unbedingt, musste sein. Angelika hatte extra einen kleinen Tauchsieder für die Wannenbrühe gekauft.

Ruhig war es auch im Botanischen Garten, für den hatte King hatte eine Dauerkarte. In den Pausen zwischen den Matheseminaren genoss er da die Stille.

Für seine Diplomarbeit bekam er die beste Note. Fehlte nur noch die mündliche Prüfung. Die hat er vor sich hergeschoben, immer weiter, hat gelernt, zu Hause, in der Taxe. Dass er endlich gut genug sei für die Prüfung – das Gefühl hat sich jedoch nie eingestellt. Also hat sich King nicht prüfen lassen.

Und Schwester Renate, die seinetwegen aufs Medizinstudium verzichtet hatte, ärgerte sich ein weiteres Mal. Mathematikprofessor hätte er werden können. Aber was macht er? Fährt Droschke.

Angelika lieh ihm Geld für einen Peugeot 504. Im Taxi sollte er sein eigener Herr sein. Aber Spaß machte ihm die Fahrerei schon lange nicht mehr. Das dumme Gerede der Fahrgäste, die Besoffenen, ständig diese blöden Sprüche. Spaß hatte er mit seinen Mathematikbüchern. Spaß hatte er im Leuchtturm. Und natürlich bei seinen Auftritten mit der Oldie-Rockband „Back To The Future“. Größtes Vergnügen bereitete ihm seine Gibson-Les-Paul-Gitarre. Wie lange hatte er überlegt, ob er sie kaufen sollte? Ein amerikanischer Freund hatte ihm eine angeboten, so günstig, fast geschenkt eigentlich. Aber King traf nie überstürzte Entscheidungen. Wägte ab, hin und her, mit Bedacht. Und dann war er so stolz auf die schöne Gitarre. „Mein Gibb“ nannte er sie liebevoll.

So hätte es Jahre weitergehen können: Schöneberg, zwischen Taxe, Mathebüchern, Leuchtturm und Gitarre. Wohnen im Kinderzimmer bei Muttern. Aber dann ändert sich doch noch alles. Erst der neue Job in der Firma eines Bandkollegen. Buchhalter – besser eigentlich als Taxifahren. Dafür lernt er sogar noch, mit Computern umzugehen, für die er vorher nie etwas übrig hatte. Und auf einer Party trifft er Gabi. Sie ist Mathematikerin.

Plötzlich hat King eine neue Brille und eine neue Lederjacke.

Er zieht zu Gabi. In den Wedding.

Und plötzlich haben sie eine Tochter, Laura. Da ist der King schon 50 und wird vom Kinderhasser zum liebevollen Vater. In den Leuchtturm kommt er nur noch selten. Doch nach Schöneberg noch regelmäßig, drei Mal täglich. Morgens, vor der Arbeit, fährt er in die alte Wohnung in der Hauptstraße, wäscht die Mutter, macht ihr Frühstück, wünscht ihr einen schönen Tag. In der Mittagspause schaut er nach ihr, macht ihr das Essen. Nach der Arbeit fährt er wieder hin, bringt die Mutter nach dem Abendbrot ins Bett. „Meine Mutter gebe ich in kein Heim! Niemals!“ Der King pflegt seine Mutter bis zu ihrem Tod.

Viel Zeit bleibt ihm da selbst nicht mehr. Laura ist zehn, als ihr Vater an Krebs stirbt.

Beerdigt ist Joachim König in Schöneberg. Nicht weit von der Hauptstraße. Nicht weit vom Leuchtturm.

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