Jobchancen für Migranten in Berlin : Schon vor dem Bewerbungsgespräch aussortiert

Menschen mit Migrationshintergrund sind bei der Ausbildungsplatzsuche noch immer benachteiligt. Eine Kreuzberger Initiative hilft seit 25 Jahren.

Lisa Splanemann
Schon vor der Bewerbung aussortiert: Anonyme Bewerbungen verstecken nicht den Namen.
Schon vor der Bewerbung aussortiert: Anonyme Bewerbungen verstecken nicht den Namen.Foto: dpa

Cevahir Sadecolak ist Kummer gewohnt. „Mein ausländisch klingender Name hat häufig für eine Absage bei Bewerbungen gesorgt“, sagt der Gastronom. Heute hat er es geschafft. Sadecolak ist Geschäftsführer des Burgerrestaurants Burgeramt in Berlin-Friedrichshain. Vor sieben Jahren hat der Berliner mit seinem Geschäftspartner das Unternehmen gegründet, inzwischen sind die beiden erfolgreiche Gastronomen.

Selbstverständlich ist eine solche Karriere nicht. Migranten tun sich noch immer schwer, einen passenden Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen. Sie haben einen schlechteren Zugang zu Lehrstellen in Unternehmen, in attraktiven Berufen sind sie deutlich unterrepräsentiert. Das sagen die Auszubildenden zumindest selbst. Für den Ausbildungsreport 2015, den der Deutsche Gewerkschaftsbund am Mittwoch vorgestellt hat, haben die Gewerkschafter bundesweit rund 18 600 Auszubildende zu ihren Erfahrungen in der Ausbildung befragen lassen.

Ein inakzeptabler Zustand

27 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, aber nur knapp 14 Prozent der Befragten ergatterten einen der begehrten Ausbildungsplätze als Bankkauffrau oder Bankkaufmann. Dagegen sind Migranten in Berufen, die bei der Bewertung schlechter abschneiden, mit bis zu 50 Prozent überdurchschnittlich stark vertreten, beispielsweise im Friseurgewerbe oder bei der ebenfalls eher unbeliebten Ausbildung zum Zahnmedizinischen Fachangestellten. Knapp ein Viertel der Auszubildenden nicht deutscher Herkunft ist nach eigener Einschätzung aufgrund der Abstammung schon einmal benachteiligt worden. „Das ist ein absolut inakzeptabler Zustand“, sagt DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller.

Auch eine kürzlich durchgeführte Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass es Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt schwer haben. Menschen mit Migrationshintergrund hätten ein höheres Risiko, arbeitslos zu werden und würden häufig einer Beschäftigung nachgehen, die unter ihren Qualifikationen liegt.

Die Probleme beginnen schon bei der Einladung zum Bewerbungsgespräch, heißt es in der „Charta der Vielfalt“ der Bundesregierung. Bei zwei Bewerbern gleicher Qualifikation werde eher derjenige mit deutschem Namen zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Bildungswerk Kreuzberg berät seit 25 Jahren

Das Bildungswerk in Kreuzberg (BWK) versucht, hier gegenzusteuern. Es will Menschen mit Migrationshintergrund den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. „Die beste Integration findet nur über Arbeit statt“, sagt Nihat Sorgec, Geschäftsführer des BWK und stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Migrantenwirtschaft. Durch einen Beruf hätten die Menschen Erfolgserlebnisse und bekämen Anerkennung aus der Gesellschaft. „Mit einem Job sind die Leute nicht mehr hilfsbedürftig und fühlen sich nicht mehr beschämt, weil sie auf Kosten anderer leben müssen“, weiß Sorgec.

Das BWK bietet mehr als 50 Projekte für sozial schwache Menschen oder Bürger mit Migrationshintergrund an, das Angebot richtet sich an Schulabgänger und Berufsquereinsteiger. In der 25-jährigen Geschichte des Bildungswerks in Kreuzberg haben sich nach Angaben des BWK 10.000 Menschen erfolgreich für einen Beruf qualifiziert, 50 Prozent von ihnen sind nicht deutscher Herkunft.

Burgeramt hat seinen Azubi über das BWK gefunden

Eines der Projekte des BWK ist „Kausa“ (Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration), das Jugendliche mit Migrationshintergrund und Unternehmer mit Migrationshintergrund zusammenbringt. Über die Koordinierungsstelle können sich interessierte Ausbildungsbetriebe melden, werden dann fachlich im Vorfeld und auch während der Ausbildung betreut. Zu den Unternehmern, die sich für „Kausa“ gemeldet haben, gehören Cevahir Sadecolak und Tan Erbas vom Friedrichshainer Burgerrestaurant. Sie haben dort ihre Auszubildenden gefunden. Die Lehrlinge können nun sehen, was man auch mit kleinem Budget schaffen kann. Denn zunächst starteten die beiden Quereinsteiger mit übersichtlichen finanziellen Mitteln und einem Imbiss, das Restaurant kam danach. „Wir haben unsere Liebe zur Gastronomie zum Unternehmen gemacht. Auch wenn wir vorher keine Erfahrung hatten, haben wir unsere Leidenschaft in ein Verkaufskonzept verwandelt“, erklärt Sadecolak.

Bildungswerk bietet auch Seminare für Ausbildende an

Sadecolaks und Erbas’ Familien kommen aus der Türkei, die beiden Jungunternehmer sind in Deutschland aufgewachsen. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei vor der Gründung des Burgeramts für ihn nicht einfach gewesen, berichtet Sadecolak. Die beiden Gastronomen wollten deshalb helfen und haben sich ans BWK gewandt. „Wir wollten ausbilden, wussten aber nicht wie.“ Über das BWK haben die Jungunternehmer Ausbilderseminare besucht und wurden dort auch mit Jugendlichen zusammengebracht. Jetzt haben sie drei Azubis.

Was die Unternehmer anderen raten? Junge Menschen – vor allem mit Migrationshintergrund – sollten ihre Zukunftspläne in Ruhe durchdenken, sagt Sadecolak. Und: Für eine gute Beratung könne man sich an das Bildungswerk Kreuzberg wenden, wirbt der Gastronom.

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