Wirtschaft : Jura aus dem Internet

Berliner Fachverlag Walter de Gruyter setzt auf Digitalisierung – und erwartet kräftige Umsatzsteigerung

Sabine Hölper

Berlin - Walter de Gruyter, der größte Berliner geisteswissenschaftliche Verlag Kontinentaleuropas, erwartet 2007 einen Umsatzschub. Im laufenden Jahr werde die Walter de Gruyter GmbH & Co. KG sowohl die Erlöse als auch das Betriebsergebnis erheblich steigern, sagte Geschäftsführer Klaus G. Saur dem Tagesspiegel. Der Umsatz soll um 35 Prozent auf rund 43 Millionen Euro zulegen.

Der Großteil des Wachstums resultiere aus den im August 2006 getätigten Zukäufen der Verlage K. G. Saur und Max Niemeyer. Schon im vergangenen Jahr hatten die Zukäufe den Umsatz um 39 Prozent angehoben. Hinzu komme in diesem Jahr drei bis vier Prozent organisches Wachstum. „Das gab es seit 1980 nicht mehr“, sagte Saur. De Gruyter will vor allem vom Ausbau des internationalen Geschäftes profitieren. Insbesondere in China, Südkorea, USA und Japan verkaufe der Verlag mehr Publikationen. Synergieeffekte mit den zugekauften Verlagen, die „Zug um Zug“ wirksam werden, sollen das Ergebnis verbessern.

Weitere Kostensenkungen ergäben sich durch die im vergangenen Jahr eingeleiteten Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität, sagte Saur. „Durch Änderungen in der Auslieferung reduzieren sich die Kosten für das Unternehmen von bisher zwölf auf etwas mehr als sechs Prozent des gesamten Umsatzes“, sagte der Verlagschef. Durch Effizienzsteigerungen in der Produktion seien zudem die Herstellungskosten gesunken. So habe die Druckindustrie ein Verfahren entwickelt, das den Druck kleiner Auflagen zu günstigeren Konditionen ermögliche.

In Saurs Zukunftsplänen ist aber weniger von Kosteneinsparungen als von Wachstum die Rede. „Wir verstärken unsere Präsenz auf allen vorhandenen Märkten und bauen sie weiter aus“, sagte er. Gemeint ist damit die Erweiterung des Bereichs Zeitschriften noch in diesem Jahr und – langfristig – die Internationalisierungsstrategie, insbesondere in den Programmsegmenten Naturwissenschaften, Linguistik, Library Sciences, Theologie/Rechtswissenschaften und zunehmend auch in den Altertumswissenschaften.

Ein weiteres Zukunftsprojekt ist die Digitalisierung. „Unsere Zeitschriften sind schon jetzt online verfügbar, ab Mitte 2008 wird fast das komplette Verlagsprogramm in elektronischer Form zu haben sein“, kündigte Saur an. Damit reagiert der Berliner Verlag auf das veränderte Verhalten der Leser. Gegen deren Vorliebe, sich kostenlos Informationen aus dem Internet zu beschaffen, sei die Digitalisierung aber auch kein Patentrezept. „Bei Nachschlagewerken müssen wir zum Teil Absatzverluste hinnehmen, weil die Menschen sich die Inhalte aus dem Internet herunterladen“, sagte Saur. Und das ist nicht die einzige Bedrohung aus dem Netz. Das Internet macht auch die Reproduktion und Verbreitung von Werken einfacher. Je mehr Bücher der Verlag online anbietet, desto mehr wird der wirtschaftliche Erfolg davon abhängen, ob es gelingt, die Verwertungsrechte am Buch zu sichern. „Es ist wichtig für uns, das Copyright zu behalten“, betonte der Verlagschef.

Das Ende des Buches sieht der 65-Jährige noch lange nicht. Selbst in 20 Jahren werde es gebundene Werke geben. Saur: „Einen Nietzsche oder einen Schleiermacher will man doch in gedruckter Form lesen.“ Sabine Hölper

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