Wirtschaft : Käthe Kowalski

(Geb. 1908)||Immer wieder wirkte das Wunder der Disziplin.

Kirsten Wenzel

Immer wieder wirkte das Wunder der Disziplin. Wenn man zu ihren Zeiten, und das waren viele Jahrzehnte, die Leibnizstraße Richtung Ku’damm hinunterlief, auf der rechten Straßenseite, da wo heute ein Pelzgeschäft ist, dann klang aus einer großen Erdgeschosswohnung ein Klavier. Schumann, Mozart oder etwas Selbstkomponiertes – Kenner konnten von Repertoire und Anschlagshärte auf die aktuelle Stimmungslage von Frau Kowalski schließen, mal melancholisch, mal heiter, doch eigentlich immer energisch.

Seit 1932 führte sie in der Nummer 55 ein Gymnastikstudio für Frauen und Kinder. Ausdrücklich nicht für Männer, obwohl doch die alten Griechen die rhythmischen Leibesübungen gerade für Jünglinge ersonnen hatten. Das, fand Frau Kowalski, musste jedoch sehr lang zurückliegen, denn die Männer ihrer Zeit waren, so sah sie es, einfach nicht willens, sich richtig zu bewegen. Zu eitel, zu behäbig, und unfähig, die Kritik einer Frau zu ertragen.

Eine Stunde bei Frau Kowalski: Zunächst ließ sie ihre Schülerinnen ein paar Minuten im Kreis laufen, schaute sich die Bewegungen an, äußerte vielleicht ein wenig diplomatisches „Winter, so kannst du doch nicht rumlatschen!“ Dann wählte sie, je nach Bedürftigkeit ihrer Schützlinge, das Thema der Stunde: Haltung, Gelenkigkeit oder Rhythmus. Ihr Programm hatte nichts zu tun mit der wöchentlichen Beackerung der Problemzonen Bauch, Beine, Po. Frau Kowalski war, so sagen ihre Schülerinnen, eine echte Künstlerin, jede Stunde eine Kreation, mit dem Ziel der harmonischen Einheit von Musik und Bewegung. Sie machte eine Übung vor, setzte sich an den Konzertflügel und improvisierte kunstvoll.

Auf die Bühne wollte sie schon als kleines Mädchen. Aufgewachsen als Halbwaise unter der zuweilen anstrengenden Obhut der Tanten, fand sie ihren ersten Freiraum in der Schule, wo sie mit Begeisterung Gedichte vortrug. Die Mitschüler schleppten ihr sogar die Tasche, damit sie auf den Ausflügen ihre Laute mitnahm und etwas Hübsches vorspielte.

Klavierunterricht und Konservatorium, danach Schauspielschule in Berlin: Überall zeigte sie großes Talent. Für ein Engagement hätte sie allerdings in die Provinz gemusst. Und eine der Tanten drohte, sie zu begleiten. Eine alte Lehrerin brachte sie auf die Idee: Du bist so beweglich, werde doch Gymnastiklehrerin!

Welche Bühne der Welt hätte ihr so viel Freiheit und Gestaltungsraum bieten können wie das eigene Studio? Und alles in Berlin.

Ihre beste Freundin, Edith, kam aus einer jüdischen Familie. Im Haus der Goldmanns, Lietzenburger Straße, ging Käthe ein und aus. „Nimm dir ein Beispiel an der Käthe“ musste sich Edith von ihrer Mutter oft sagen lassen. Später arbeitete Edith in Käthes Studio als Pianistin. Bis die Gestapo kam. Edith floh durch die Hinterhöfe der Leibnizstraße, doch zu einer Flucht nach Amerika konnten sich Mutter und Tochter allein nicht durchringen. „Komm mit uns, Käthe!“, bat Frau Goldmann. Doch Käthe wollte nicht alles aufgeben, sie brachte sogar die Tanten vor, um die sie sich doch kümmern müsse.

Die Goldmanns blieben zu lange in Berlin. Sie starben in Theresienstadt. „Warum hab’ ich sie nicht gedrängt, ohne mich zu reisen?“ – Den Vorwurf machte Käthe Kowalski sich ihr Leben lang.

Die Wunde blieb für immer, doch die Gymnastiklehrerin war keine, die an so etwas zerbrach. Immer wieder wirkte das Wunder der Disziplin. Sie stürzte sich in die Arbeit, betäubte sich mit Musik. Besuchte die Philharmonie, schrieb Gedichte für Herbert von Karajan. Und verschlang ein Buch nach dem anderen. Während andere im Luftschutzkeller zitterten, las sie. Ihre Art, der Welt die kalte Schulter zu zeigen.

Nach dem Krieg lief ihr Studio besser denn je. Sie genoss ihre Erfolge, etwa, wenn ihre Kindergruppe in der Kongresshalle auftrat oder wenn man sie als Bewegungsexpertin ins Fernsehen einlud. Nie sagte sie wegen Krankheit oder Unwohlsein eine Stunde ab. Auch wenn ihr Rücken schmerzte, sie zwang sich. Der Wille triumphierte über den Körper, an jedem Tag. Ihre Schülerinnen – einige kamen seit über 40 Jahren – sprach sie oft mit dem Nachnamen und per Du an: „Nicht so hochmütig, Weber!“ Sie blieb immer die Frau Kowalski. Erst spät sagte sie zu einem auserwählten Kreis: „Ihr könnt jetzt Käthe zu mir sagen.“ Das war, kurz bevor sie ihr Studio nach 64 Jahren schloss.

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