Wirtschaft : Kaffee: Poliertes Aroma

Flora Wisdorff

Kultgetränk Kaffee? Das schwarze Getränk, das es immer Sonntag nachmittags bei der Oma gibt - ein Trend? Für Tchibo, Jacobs und die anderen Kaffeeröster ist es das schon lange. Sie haben das Image der koffeinhaltigen Flüssigkeit abgestaubt und den Konsum wieder angestoßen. Ob löslicher Kaffee oder cooler Coffee Shop, die Bohne ist verjüngt worden, damit die jungen Leute kräftig Kaffee trinken, heißt es beim Kaffeeverband. Der Imagewechsel war nötig: Während die Deutschen 1992 noch 7,5 Kilogramm Kaffee pro Kopf konsumierten, waren es 2001 nur noch 6,7. Und schuld an der Konsumflaute sind der Kaffeelobby zufolge die Jüngeren: "Die Zubereitungsformen und die Verzehranlässe für Kaffee sind den Jugendlichen zu tradiert", sagt Hans-Georg Müller vom deutschen Kaffeeverband.

Aber Müller schöpft jetzt Hoffnung - der Konsum habe 2001 nur stagniert und sei immerhin nicht zurückgegangen. "Die konservativen Kaffee-Strukturen lösen sich langsam auf." Damit meint er, dass das wachmachende Getränk jetzt oft anders und woanders getrunken wird. Nicht mehr Filterkaffee zu Hause, sondern Cappuccino oder Caffe Latte amerikanisch lässig im Coffee Shop mit Muffins oder italienisch edel in der Espresso-Bar. Neue Vertriebswege und neue Zubereitungsweisen haben sich in den letzten Jahren etabliert - doch ist es noch immer die gleiche kleine, dunkelbraune Bohne, aus der das koffeinhaltige Getränk entsteht. In Deutschland vorzugsweise die Arabica-Sorte.

Die Deutschen trinken Arabica

Und hier hat sich nichts verändert: Die Deutschen importieren ihren Kaffee schon seit eh und je aus Brasilien und Kolumbien - also haben sie sich angewöhnt, ihr Kaffeepulver aus der Arabica-Bohne zu mahlen, die dort angebaut wird. Was überhaupt nicht heißt, dass die Deutschen einen besonders guten Geschmack hätten und Arabica der anderen weit verbreitet getrunkenen Kaffesorte Robusta überlegen wäre. "Arabica schmeckt nur anders, mehr nach Säure", sagt Müller. Robusta dagegen habe einen herberen, schärferen Geschmack. Wo welche Bohne angebaut wird, hat mit Klima und Bodenverhältnissen zu tun. Arabica wächst in Lateinamerika, Zentral- und Ostafrika und in Indien. Robusta wächst vor allem in West- und Zentralafrika und Südostasien. Italiener, Franzosen und Spanier halten sich wegen ihrer ehemaligen Kolonien in Afrika seit jeher an die Robusta-Bohne.

Die Deutschen gehören beim Kaffeekonsum mit ihren 6,7 Kilo pro Kopf zur Mittelklasse. Franzosen, Italiener und Spanier trinken weniger Kaffee, um die 5,4 Kilo. Spitzenreiter sind die Skandinavier. Zwischen zehn und elf Kilo Kaffee verbraucht ein Finne, Schwede oder Norweger pro Jahr. "Die Skandinavier kompensieren mit der Koffeinzufuhr das fehlende Licht in ihren nördlichen Gefilden", sagt Udo Pollmer, Ernährungsexperte vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft. Das Koffein habe nämlich nicht nur eine aktivierende Wirkung, sondern auch eine euphorisierende. "Koffein stimuliert das Hormon Serotonin, welches uns glücklich macht." Außerdem haben die skandinavischen Regierungen den Kaffeekonsum lange aktiv gefördert - als Ersatzdroge gegen den Alkoholismus.

Das Genussmittel Kaffee wird mittlerweile in unterschiedlichsten Varianten ausgeschenkt: Nicht nur der Caffe latte und der Cappuccino stehlen dem klassischen Kännchen mit Kaffeesahne die Show. "Süß und mit Milch ist gefragt", weiß Müller. Aber auch Exotischeres wie Kaffee mit Zimt oder Ahorngeschmack sind im Kommen. Jacobs von Kraft Foods Deutschland, der größte Bohnenröster Deutschlands, ist längst auf den Zug aufgesprungen. Der "Jacobs Icepresso" aus der Dose richtet sich laut Jacobs "speziell an junge Leute, die modern, aktiv und trendy sind". Auch Löskaffeemischungen sind in: "Löskaffee boomt seit vier Jahren, hier verzeichnen wir zweistellige Wachstumsraten", sagt Rolf Sauerbier von Jacobs. Vor allem Cappuccino- Varianten in löslicher Form verkaufen sich gut.

Ein weiterer Trend: Man trinkt den Kaffee zunehmend außer Haus. Laut Kaffeeverband ist der Kaffee-Konsum außerhalb der eigenen vier Wände auf 25 Prozent geklettert, Tendenz weiter steigend. Daran sind die Coffee Shops natürlich nicht unschuldig. Auch die Röster setzen auf die neue Vertriebsform. Jacobs startete "J Cups" testweise in Berlin - mit mäßigem Erfolg.

Die neuen Trends haben die alten Kaffeegewohnheiten jedoch noch lange nicht abgelöst. Espresso macht laut Kaffeeverband nur ein bis zwei Prozent des Gesamtkonsums aus, die lösliche Variante zehn bis zwölf. Der Rest trinkt den ganz normalen Röstkaffee. Und: "Der Löwenanteil wird noch immer mit dem Filter zubereitet", sagt Kaffeeexperte Müller. Der Kaffee ist also noch nicht vollends zum Kultgetränk geworden - aber auch schon ein bisschen Kult hat gereicht, um die gesamte Branche wieder in Schwung zu bringen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben