Wirtschaft : Kanada hat mehr zu bieten als Wald, Wasser und nette Menschen

Lars von Törne

Kanadas Handelsminister Pierre Pettigrew strahlte wie der Teamchef einer siegreichen Eishockeymannschaft. "Ich bin ekstatisch!" rief er vom Podium in den Saal des edlen Château-Laurier-Hotels im Zentrum der Hauptstadt Ottawa. "Wir sind wieder die Nummer eins." Auch Industrieminister Allan Rock zeigte sich euphorisch: "Kanada ist weltweit die erste Wahl, wenn es um Investitionen geht." Die versammelten Unternehmer und Politiker applaudierten begeistert. Der Grund für die Siegerlaune ist eine 60 Seiten starke Studie der Wirtschaftsberatergesellschaft KPMG, die Ende Januar in Ottawa und New York vorgestellt wurde. Deren Experten haben verglichen, wie teuer repräsentativ ausgewählte Investitionsstandorte in Nordamerika, Westeuropa und Japan sind. 85 Städte wurden nach Faktoren wie Arbeitskosten, Steuern und Infrastruktur analysiert. Wie schon bei der Vorgängerstudie vor zwei Jahren geht Kanada als strahlender Sieger der G 7-Staaten aus der Untersuchung hervor. KPMG zufolge sparen Unternehmen hier 14,5 Prozent an Kosten gegenüber den mit Null Prozent gesetzten USA. Deutschland liegt mit 1,9 Prozent Mehrkosten an vorletzter Stelle, Schlusslicht ist Japan mit 17,8 Prozent Kostennachteil gegenüber den USA. In einer Woche wird die Studie auch in Deutschland vorgestellt.

Für die kanadische Regierung kommt die Schützenhilfe von unabhängiger Seite genau zum richtigen Zeitpunkt. Ende dieser Woche reisen Premierminister Jean Chrétien, die Ministerpräsidenten der kanadischen Bundesländer sowie 300 Unternehmer nach Europa. Sie wollen für den Standort Kanada und seine Produkte zu werben. Stationen des "Team Canada" sind Moskau, München und Berlin. Hier findet am 18. und 19. Februar eine Wirtschaftskonferenz statt, Titel: "Kanada kommt". Das Ziel von Chrétien und seinem Team ist "awareness raising": Kanada soll stärker ins Bewusstsein deutscher Unternehmer und Investoren rücken. "Wir wollen zeigen, dass wir mehr zu bieten haben als Wälder, Wasser und freundliche Menschen", sagt Industrie-Staatssekretär Peter Harder im Gespräch mit dem Tagesspiegel. "Sie denken bei Nafta immer an die USA", klagt Harder über die Deutschen. "Es wird Zeit, dass sie auch an Kanada denken."

Ein deutscher Konzern, der dies schon seit Generationen tut, ist Siemens. "Von hier aus können wir den US-Markt angreifen, ohne die teuren Rahmenbedingungen der USA zu haben", erklärt Siemens-Direktor Villy Kalipolidis. Er leitet in Ottawa die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Konzerns für Telekommunikationselektronik. 6800 Beschäftigte hat Siemens in Kanada und ist damit nach eigenen Angaben fünftgrößter privater Arbeitgeber des Landes. Kalipolidis und seine Kollegen sitzen in einem modernen Bürowürfel am Rande der Hauptstadt, direkt neben einem Dutzend anderer High-Tech-Unternehmen. "Das Silicon Valley des Nordens", schwärmt der junge Ingenieur. "Dieser Standort ist ideal für Forschung und Entwicklung, Marketing und Verkauf." Neben dem vorteilhaften Wechselkurs des kanadischen zum US-Dollar sprechen dafür vor allem großzügige Steueranreize der Regierung. "Zehn bis 35 Prozent unserer Investitionen bekommen wir so wieder rein", sagt Kalipolidis. Auch gebe es für vergleichsweise niedrige Arbeitskosten sehr gut ausgebildete Mitarbeiter. Und angesichts des vorübergehenden Einbruchs im IT-Bereich sei auch das relativ flexible Arbeitsrecht ein Plus für Kanada: "Man kann hier leichter Leute entlassen, als in Deutschland - und hat trotzdem wesentlich bessere Arbeitsergebnisse als in Mexiko oder Osteuropa."

Einer der kleineren Mitspieler im "Team Canada" ist der Unternehmer Hans Odoerfer. Seit 40 Jahren lebt der einst aus Bayern eingewanderte Geschäftsmann in der Nähe von Montreal und hat sich dort eine lukrative Marktlücke erschlossen. Seine Firma MDS Aerospace entwickelt Prüfstände für Gasturbinen - unverzichtbar für Luftfahrtunternehmen und Militärs. "Wir sind weltweit die führende Firma und haben einen größeren Marktanteil als unsere amerikanische Konkurrenz", sagt Odoerfer stolz. MDS hat rund 140 Beschäftigte und macht umgerechnet rund 28 Millionen Euro Umsatz im Jahr. In Deutschland hätte er das nicht geschafft, ist sich Odoerfer sicher. "Die kanadische Regierung ist wesentlich hilfreicher, wenn es um neue Entwicklungen geht."

Zu diesem Schluss kommt auch die deutsch-kanadische Handelskammer in Toronto, die kürzlich eine Studie über deutsche Investitionen in Kanada vorlegte. Vier von fünf Unternehmern beurteilen darin ihre kanadischen Investitionen als erfolgreich oder sehr erfolgreich. Knapp zwei Drittel bezeichnen die kanadische Besteuerung als unternehmensfreundlicher als in Deutschland. Ähnlich gut werden Arbeitsproduktivität und Rentabilität beurteilt.

Im besten Fall hat das wiederum positive Rückwirkungen für den Standort Deutschland: Unternehmer Odoerfer will am Rande des "Team-Canada"-Besuchs kommende Woche einen Vertrag mit Rolls-Royce unterschreiben, um im brandenburgischen Wildau eine Turbinen-Testanlage zu bauen. Der Deutsch-Kanadier hofft, dass die Bundesrepublik für sein Unternehmen dann das wird, was Kanada für Nordamerika ist: "Ein Sprungbrett, von dem aus man den benachbarten Markt erobern kann."

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