Wirtschaft : "Kapital will Kalkulierbarkeit"

Wer ein Haus baut, altert um fünf Jahre.Hintergrund des geflügelten Wortes: Keine Baustelle bleibt ohne Mängel, und wo ein Schaden ist, da entfacht sich der Streit über dessen Verursacher.Dabei schlagen Baumängel an Großbaustellen mit Millionen zu Buche.Versicherer machen daraus ein Geschäft.Die Funk-Gruppe zählt zu den größten auf Bauprojekte spezialiserten Versicherungsmaklern in der Hauptstadt.Mit dem Leiter des 80 Mitarbeiter zählenden Berliner Büros, Wolfram Nieradzik, sprach Ralf Schönball.

TAGESSPIEGEL: Sie versichern einige der größten Baustellen in Berlin.Wer zählt zu Ihren Kunden und mit welchen Schäden müssen die leben?

NIERADZIK: Die drei Quartiere in der Friedrichstadt, der Reichstag und das Sony-Projekt am Potsdamer Platz zählen zu den prominentesten Großbauten.Für diese Großbauten haben wir eine kombinierte Bauleistungs- und Haftpflichtversicherung erarbeitet nach dem Vorbild der in den USA erfolgreich erprobten All-risk-Deckung.Darin sind alle am Bau beteiligten Gewerke und Planer versichert.Das ist auch erforderlich, denn die Liste möglicher Schäden ist lang.Das fängt bei den Rissen in Wänden von Nachbarbauten an, wenn die Baugrube ausgehoben wird und sich das Erdreich in der Umgebung verschiebt.Risiken liegen aber auch in Planungsfehlern von Architekten oder fehlerhaften Zeitplanungen der Projektmanager.Zudem gibt es berlinspezifischen Unwägbarkeiten wegen des Grundwassers.Bei Bauten wie dem Reichstag kommen noch die Probleme im Umgang mit der Altbausubstanz hinzu.

TAGESSPIEGEL: Was ist unter dieser kombinierten Bauleistungs- und Haftpflichtversicherung zu verstehen?

NIERADZIK: Kapital sucht immer ein Maximum an Kalkulierbarkeit und damit ein Minimum an Risiko.Ein Problem konventioneller Schadensabsicherung am Bau liegt darin, daß jeder an dem Projekt Beteiligte eine eigene Versicherungspolice hat, aber kein Bauherr genau wissen kann, ob sie im Fall eines Schadens auch dessen Begleichung sicherstellt.Ein Architekt arbeitet an einer Vielzahl von Projekten gleichzeitig und hat bereits eine ganze Reihe von Bauten erstellt.Wer kann da schon voraussagen, wann ein Schaden eintritt, und ob dann die Deckungssumme der Versicherung nicht schon aufgrund anderer Vorfälle überschritten ist.Dies gilt natürlich auch für große und gemeinhin gut versicherte Baukonzerne.Unsere kombinierte Bauleistungs- und Haftpflichtversicherung versichert ein konkretes Bauprojekt und alle daran Beteiligten, unabhängig von deren Individualversicherungen.Auf Grundlage einer Risikokalkulation ermitteln wir die Deckungssumme und vor allem den Deckungsinhalt.Dann schreiben wir das Versicherungsvertragsprodukt auf dem Versicherungsmarkt aus.

TAGESSPIEGEL: Das hat den Nachteil, daß die bestehenden und teuer erkauften Versicherungen der am Bau Beteiligten gar nicht genutzt werden.Außerdem kostet das zusätzlich - wieviel?

NIERADZIK: Durchschnittlich 0,5 Prozent der Baukosten.Das Geld wird erst fällig nach Baufortschritt, so wie Raten ausführender Gewerke und Planer.Außerdem ist diese Versicherungsstrategie mittelstandsfreundlich.Üblicherweise können sich kleine Unternehmen bei großen Bauprojekten selten mit hohen Deêkungssummen und einem weiten Deêkungsschutz versichern, der dem Risiko entspricht.Das käme ihnen zu teuer zu stehen.

TAGESSPIEGEL: Bei den vielen Bauschäden in Berlin dürfte dieses Geschäft für Versicherer aber ohnedies schlecht sein...

NIERADZIK: Der Versicherer der Quartiere in der Friedrichstadt hat sich tatsächlich ein blaues Auge geholt.Bis heute laufen noch einzelne Verfahren wegen der Bauschäden unter anderem an der nahegelegenen U-Bahn-Linie.Allerdings gilt für Versicherungen bekanntlich das Prinzip der großen Zahl.Einige Bauvorhaben verursachen keine oder nur geringe Schäden, andere große.Am Ende muß der Saldo stimmen, damit reguliert werden kann, wo Schäden eintreten.

TAGESSPIEGEL: Wer geht denn bei großen Bauprojekten als Versicherer ins Risiko, und wie versichert sich dieser selbst gegen etwaige Millionenschäden ab?

NIERADZIK: Zumeist bilden wir Konsortien.Dadurch ist das Risiko auf mehreren Schultern verteilt.Das reicht meistens aber nicht, weil auch große Gesellschaften wie Gerling, Allianz oder VHV nicht für den Schadenfall von hier auf jetzt mehrere Millionen mobilisieren können.Deshalb kaufen die Unternehmen auf dem Markt ihrerseits Rückversicherungen ein für Teile des versicherten Gesamtschadens.Damit geben sie aber natürlich auch einen Teil ihrer Prämie weiter.

TAGESSPIEGEL: Streng genommen sind Sie ja selbst nur ein Makler.Ihre Courtage bezahlt außerdem der Versicherungsgeber, obwohl Sie im Auftrag des Versicherungsnehmers tätig werden.Kann dieser denn sicher sein, daß Sie die günstigste Versicherung und nicht die mit der höchsten Courtage für ihn kaufen?

NIERADZIK: Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes sind wir Sachwalter des Versicherungsnehmers.Wir sind sein Treuhänder.Richtig ist allerdings, daß der Versicherungsgeber uns die Courtage für die Vermittlung zahlt.Allerdings schreiben wir das Versicherungsobjekt aus, suchen am Markt damit das wirtschaftlich günstigste Angebot und machen unserem Kunden dieses Verfahren transparent.Außerdem lebt unser Geschäft von langjährigen und vertrauensvollen Beziehungen zu unseren Kunden.Da verbietet sich ein schnelles Geschäft mit hohen Courtagen.

TAGESSPIEGEL: Warum sollte der Kunde nicht an Ihnen vorbei, die Courtage sparen und selbst zur Versicherung gehen?

NIERADZIK: Diese Frage könnte man jeden Dienstleister oder Freiberufler also auch Anwälten und Steuerberatern stellen.Auch bei Versicherungen geht es um Verträge und die genaue Prüfung der darin versicherten Schadenfällen.Als Treuhänder des Versicherungsnehmers stellen wir sicher, daß dessen Versicherungsgeber auch die gewünschten und erforderlichen Leistungen zu günstigen Konditionen abdeckt.

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