• Karriere im Angebot Wer als Berufsanfänger im Lebensmittelhandel einsteigt, hat gute Aufstiegschancen – wenn er sich für den richtigen Arbeitgeber entscheidet

Wirtschaft : Karriere im Angebot Wer als Berufsanfänger im Lebensmittelhandel einsteigt, hat gute Aufstiegschancen – wenn er sich für den richtigen Arbeitgeber entscheidet

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Gemüse und mehr. Von einer guten Ausbildung im Supermarkt kann man ausgehen, wenn ein Unternehmen dafür eine hauptamtliche Abteilung hat. Foto: Kzenon Fotolia
Gemüse und mehr. Von einer guten Ausbildung im Supermarkt kann man ausgehen, wenn ein Unternehmen dafür eine hauptamtliche...Foto: Kzenon Fotolia

Daran, beruflich groß aufzusteigen, hatte Jan J. gar nicht gedacht, als er im Sommer 2006 eine Initiativbewerbung an einen LPG-Biomarkt in Kreuzberg schickte. Nach einem abgebrochenen Pädagogikstudium und sechs Jahren jobben in einer Videothek wollte er sich neu orientieren. Bio-Produkte sagten ihm als Kunde schon länger zu. Also bewarb er sich ohne nähere Angaben für eine Stelle. Drei Tage später stand er im Backshop der Filiale, am Ende des Jahres war er in einer anderen festangestellt. In Zwei-Jahres-Schritten wurde ihm die Leitung einer kleineren Filiale angeboten, dann die einer größeren. Heute ist der 45-Jährige Koordinator zwischen Geschäftsführung, Marktleitern und Mitarbeitern.

Ob für Azubis, Abiturienten, Uni-Absolventen oder Quereinsteiger: Kaum eine Branche lockt mit so vielen beruflichen Einstiegsmöglichkeiten ohne größere formale Hürden wie der Lebensmitteleinzelhandel. Doch wer auf eine schnelle Karriere vom Einsteiger zum gut bezahlten Filialleiter hofft, sollte genau aufpassen, ob er sich für die Aufgaben schon reif fühlt – und vor allem, wie er von seinem Arbeitgeber auf diese Verantwortung vorbereitet wird. Je nach Unternehmen gibt es große Unterschiede in Qualität und Umfang der Aus- und Weiterbildung. Ohne entsprechende Qualifikation kann frühe Verantwortung aber schnell überlasten und unerfahrene Mitarbeiter ausgenutzt werden.

Alle großen Supermarktketten vom Biomarkt bis zum Discounter bieten zahlreiche Programme für den beruflichen Einstieg an: Der frühestmögliche Einstieg ist die zweijährige Ausbildung zum Verkäufer oder die dreijährige Ausbildung zum Kaufmann, an die eine Weiterbildung zum Fachwirt angeschlossen werden kann. Ein Duales Studium etwa in Warenwirtschaft und Handel bei Rewe verspricht in drei Jahren einen Aufstieg in eine Führungsposition, etwa zum Bezirksleiter. Netto Marken-Discount bietet für Uni-Absolventen und handelserfahrene Mitarbeiter ohne akademischen Abschluss Trainee-Programme für Führungsfunktionen an. Bei Aldi-Nord übernehmen Absolventen in einem Management-Nachwuchsprogramm nach einer Einarbeitungszeit von rund zwölf Monaten die Verantwortung für einen Bezirk mit rund fünf bis sieben Filialen und bis zu 70 Mitarbeitern.

Stefan Najda arbeitet bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Fachbereich Jugend im Handel. Er hat selbst eine Ausbildung im Einzelhandel hinter sich und rät Berufseinsteigern zur Lebensmittelbranche. „Es gibt keine Branche, die mehr ausbildet“, sagt er. Interessierte sollten aber bei der Qualität der Programme genau hinsehen. Wer und wie viele Mitarbeiter haben tatsächlich Aufstiegschancen? Und zu welchem Preis? Als Azubi allein an der Kasse zu sitzen, während der Pfandautomat piept, Kunden brüllen und kein weiterer Ansprechpartner in der Filiale ist – das bedeute nicht frühe Verantwortung, sondern Ausbeutung. Er habe mit 21-Jährigen gesprochen, die durch ihre Arbeit im Supermarkt unter Burnout litten. Man solle sich deswegen genau über den Arbeitgeber informieren, am besten auch direkt mit dem Marktleiter sprechen, um die „Ausbilder mit Herzblut“ zu finden. Denn auch von Filiale zu Filiale gebe es große Unterschiede.

Regina Lüsch, die Aus- und Weiterbildungsberaterin der IHK Berlin, bestätigt das. Es gebe große Unterschiede zwischen den Arbeitgebern was die Ausbildung und auch was die Maßnahmen betreffe, Mitarbeiter weiterzubilden und an ihr Unternehmen zu binden. Ein Kriterium für die Auswahl eines Arbeitgebers sei, ob ein Unternehmen eine eigene hauptamtliche Ausbildungsabteilung habe oder nur der jeweilige Filialleiter zusätzlich für die berufliche Entwicklung der Mitarbeiter zuständig sei.

Von seiner Tätigkeit im Backshop zur Leitung einer Filiale zu wechseln, war auch für Jan J. ein „Sprung ins kalte Wasser“. Er konnte aber zuvor drei Monate in einer anderen Filiale „mitlaufen“ und wurde in betriebsinternen Seminaren in Mitarbeiterführung geschult. Auch weil er auf einige Lebens- und Joberfahrung zurückgreifen konnte, fühlte er sich der Aufgabe gewachsen.

Bei Rewe ist man stolz, dass 50 Prozent der Teilnehmer des Abiturienten-Programms nach einem Jahr eine Assistentenfunktion übernehmen und man – fachliche und persönliche Reife vorausgesetzt – nach drei Jahren im Betrieb Marktmanager sein kann.

Doch man habe auch die Erfahrung gemacht, dass Nachwuchsmitarbeiter teilweise zu früh in Führungspositionen gebracht wurden, sagt Manuela Kohlar, die die Personalentwicklung für die östlichen Bundesländer leitet. Darunter litten entweder die Mitarbeiter der Filiale, von denen zu viel verlangt wurde. Oder der junge Filialleiter selbst, weil er oder sie Aufgaben nicht entsprechend abgeben konnte und sich selbst überforderte.

Seit zwei Jahren gäbe es nun jährliche Gespräche zwischen Personalentwicklern und Marktleitern, um Personalentscheidungen besser zu besprechen und die Eignung von Nachwuchskräften zu prüfen. Um früh Führungserfahrung zu sammeln, können Azubis in ein- bis zweiwöchigen Projektwochen selbstständig eine Filiale leiten. Sie bestellen Gemüse, sind für Kunden verantwortlich und achten darauf, dass im Laden keine Pappe herumliegt. Der eigentliche Filialleiter ist währenddessen im Urlaub. Diese Projektwochen seien aber lange vorbereitet, so Kohlar, ein Bezirksmanager stehe bei Problemen als Ansprechpartner zur Seite.

Die Hamburger Karriereberaterin Svenja Hofert rät Berufseinsteigern, im Lebensmittelhandel besonders auf die Entwicklung ihrer Kompetenzen zu achten. Hofert berät gerade Klienten, die sich in Supermärkten in Führungspositionen hoch gearbeitet haben, aber seit drei Jahren und länger vergeblich versuchen, in eine andere Branche zu wechseln. Eine Lehre im Lebensmittelhandel sei nicht so „anschlussfähig“ wie etwa die Ausbildung zum Industrie- oder Bürokaufmann.

Sie rät deshalb zum Dualen Studium, wenn es der Schulabschluss erlaubt. Wichtig sei es, sich EDV-Kenntnisse anzueignen, die in anderen Berufen Voraussetzung sind. Auch Vertriebswissen sei übertragbar auf andere Branchen. Gut mache sich auch internationale Erfahrung, zum Beispiel beim Aufbau einer Filiale in einem anderen Land. Interessierte sollten auch darauf achten, wie zukunftsträchtig ein Unternehmen ist. Wer zum Beispiel Erfahrungen im E-Commerce sammelt, wird diese später auch bei einem anderen Arbeitgeber verwenden können.

Einen nächsten Karriereschritt hat Jan J. noch gar nicht im Sinn. Er ist gerade dabei, seine neuen Aufgaben als Koordinator voll auszuloten, sagt er. Demnächst wird übrigens eine neue Filiale in Steglitz eröffnet. Mitarbeiter werden noch gesucht.

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