Karriere : Bauchfrei geht gar nicht

Beim Bewerbungsgespräch gelten feste Regeln. Die IHK bereitet zukünftige Azubis darauf vor

Ulrike Schattenmann

Anna, 16 Jahre, ist zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Punkt 15 Uhr reißt sie die Tür zur Personalabteilung auf. „Guten Tag, wie ist ihr Name, bitte?“, fragt die Dame hinter dem Schreibtisch. In diesem Moment dröhnt aus Annas Tasche eine Melodie. „T’schuldigung“, Anna setzt sich erst einmal und wühlt nach ihrem Mobil-Telefon.

Situationen wie diese hat Janet Jonas von der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) schon erlebt. Jonas unterstützt kleine und mittelständische Betriebe aus Gastronomie und Handel bei der Azubisuche: „Passgenaue Vermittlung Auszubildender in ausbildungswillige Unternehme“ nennt sich die vom Bund und der EU geförderte Initiative. Wenn etwa ein Restaurant- oder Hotelbesitzer einen Azubi sucht, kann er sich an die IHK-Mitarbeiterin wenden. Die 27-Jährige übernimmt die Vorauswahl unter den geeigneten Kandidaten. Sie lädt sie zu einem Probe-Bewerbungsgespräch ein, gibt Tipps und Hinweise für das richtige Auftreten.

Anna zum Beispiel hat in den ersten fünf Minuten so ziemlich alles falsch gemacht. Wer die üblichen Umgangsformen missachtet, hat schlechte Chancen. Knigge-Nachhilfe von Jonas: „Erst anklopfen und warten, bis man hereingebeten wird. Dann warten, bis der Vorgesetzte die Hand reicht. Auf die Aufforderung, Platz zu nehmen, setzt man sich hin – nicht vorher.“ Völlig tabu ist Alkohol- und Zigarettengenuss, auch wenn der Gesprächspartner den Kandidaten dazu auffordert.

Während des Gesprächs gilt: Niemals ins Wort fallen. Wer zuhört, langsam und deutlich spricht, signalisiert Interesse. Wer im Stuhl fläzt, den Blick im Raum schweifen lässt oder ans Handy geht, hat offensichtlich null Bock – und danach keine Lehrstelle. Ein ganz wichtiger Punkt ist Hygiene. Kandidaten mit fettigen Haaren und Baggypants in XXL haben die Codes der Arbeitswelt noch nicht verstanden. „Gerade bei Berufen mit Kundenkontakt ist ein gepflegtes Aussehen wichtig“ sagt Jonas. Ihr Tipp: „Brillengläser putzen. Metall aus dem Gesicht. Bauchfrei geht gar nicht.“

Doch es gibt neben Auftreten und Erscheinung natürlich auch eine ganze Menge Inhaltliches, auf das angehende Azubis vorbereitet sein müssen. „Warum wollen Sie Koch, Verkäufer oder Hotelfachfrau werden?“ ist so eine Standardfrage. „Weil meine Mutter es so wollte“ kommt hier als Antwort schlecht. „Man sollte schlüssig erklären, warum man der Richtige für den Beruf ist. Wer in seinem Werdegang Praktika oder Schülerjobs vorweisen kann, sollte das unbedingt erwähnen“, rät Jonas.

Auch mit Hobbys können Bewerber punkten: Schach, Fußball oder Schülerband beweisen Einsatzbereitschaft und Idealismus. Für viele Arbeitgeber sind inzwischen die sogenannten weichen Faktoren wie soziale Kompetenz, Team- und Konfliktfähigkeit mit entscheidend. So ist die Frage nach den Stärken und Schwächen mit die kniffligste. „Viele beziehen diese Fragen auf ihren Charakter. Aber als Schwäche kann man guten Gewissens auch angeben, dass man gerne abends Schokolade isst oder überhaupt nicht malen kann“, rät Jonas.

Oft haben sich die Kandidaten erschreckend wenig mit dem Unternehmen beschäftigt, das sie ausbilden soll. Das wird dann deutlich, wenn sie am Ende des Gespräch Gelegenheit haben, selber Fragen zu stellen. „Nicht das abfragen, was man ohne weiteres über das Internet erfahren kann. Sondern: Wo liegt die Berufsschule? Wie viel Azubis gibt es? Welche Arbeitskleidung ist notwendig?“ rät Jonas. Sinnvoll ist es, sich während des Gesprächs Notizen zu machen – dann kann der Azubi am Ende noch mal bei bestimmten Punkten nachhaken.

Der Abschied ist genauso wichtig wie die Begrüßung: „Ich freue mich immer, wenn die Bewerber meinen Namen behalten haben und sich für das Gespräch bedanken“ sagt Jonas. Und wer sich noch erkundigt, wie es jetzt weitergeht nach dem allerersten Treffen, hat schon die Brücke zur nächsten Kontaktaufnahme geschlagen. Ulrike Schattenmann

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