Karriere : Betriebsausflug an den Küchenherd

Um die Teamarbeit im Unternehmen zu verbessern, können Mitarbeiter Gemeinschafts-Trainings bei Kochschulen buchen. Wer das langweilig findet, reitet mit seinen Kollegen Bullen in Western-Camps – oder befreit Geiseln mit dem Sturmgewehr

Katja Gartz

Fenchel und Auberginen schneiden, das Huhn würzen, Äpfel schälen und zwischendurch immer das Rezept im Blick behalten – in der Küche der Kochschule Cookeria in Berlin-Charlottenburg haben zwanzig Hände viel zu tun. Dabei sind nicht nur flinke Finger, wache Augen und der Geschmackssinn gefragt: Zehn Köche müssen Aufgaben untereinander verteilen, sich absprechen, gegenseitig helfen und gemeinsam die Tücken der Rezepte bewältigen. Schließlich wollen sie das fertige Menü auch genießen. An den Herdplatten stehen an diesem Nachmittag zehn kaufmännische Mitarbeiter des Elektronikkonzerns Rohde & Schwarz. Ziel ist, die Arbeit im Team zu stärken.

„Beim Kochen klappte es mit der Zusammenarbeit viel besser als im Büro“, sagt Teamleiterin Sylke Hempel. Die Mitarbeiter waren entspannter, die Kommunikation habe gut funktioniert. Drei neue Teammitglieder konnten nach Ansicht von Hempel durch den Kochkurs schneller in die Gruppe integriert werden. Die Auswahl an Trainings war groß: Vom gemeinsamen Klettern bis zur Rucksacktour – Seminaranbieter haben allerhand skurrile Ideen, um die Mitarbeiter zusammen zu bringen. „Kochen war für uns genau das Richtige“, sagt Hempel. Bei dem Training „Teamentwicklung am Herd“ konnte sich keiner drücken. Alle hatten Spaß – und das Ergebnis für die Firma stimmte.

Laut Trainer Henning Zimmermann scheitert die Teamarbeit in Unternehmen meist an mangelnder Kommunikation und Motivation. „Viele fühlen sich für ihre Abteilung nicht verantwortlich, weil unter den Mitarbeitern wenig Absprachen getroffen werden und das Arbeitsklima nicht stimmt“, erklärt der Pädagoge. Gemeinsam mit Anke Meiswinkel, der Geschäftsführerin der Cookeria, betreut er das Teamtraining. Bevor die acht bis zwanzig Teilnehmer Hand an Gemüse und Fleisch legen, werden sie per Losverfahren in kleine Gruppen aufgeteilt. Nach dem Essen bespricht Zimmermann mit den Teilnehmern die Eindrücke und entwickelt mit ihnen Strategien, um die Erfahrungen im Berufsalltag anwenden zu können.

Das Angebot an Trainings und Seminaren zur Teambildung ist unüberschaubar, der Markt wächst – und treibt mitunter fragwürdige Blüten. Im Brandenburgischen Havelland müssen sich Kollegen in Hochseilgärten zwölf Meter über der Erde von Seil zu Seil hangeln, sich beim Klettern gegenseitig festhalten und dabei erfahren, dass sie sich aufeinander verlassen können. In den Workshops des Anbieters Horsedream aus dem Odenwald sollen die Teilnehmer lernen, dass in einem Team jeder bereit sein muss, zeitweise die Führung zu übernehmen – und schwingen sich dafür auf den Pferdesattel. Frei nach dem Repertoire der Erlebnispädagogik lassen andere Anbieter die schulungsbedürftigen Teilnehmer Brücken bauen, Schluchten überqueren, mit dem Kajak wilde Gewässer passieren oder über heiße Kohlen laufen.

Die Erlebnis-Agenturen ziehen mit ihren Trainings durch das ganze Bundesgebiet. Um Berliner Unternehmen an Teamerfahrungen beim Bullenreiten und Hufeisenwerfen mit Life-Country-Musik teilhaben zu lassen, tingelten die Veranstalter des Western-Camps Luckylu kürzlich sogar vom Rheinischen Schiefergebirge in die Hauptstadt. Damit aus Einzelkämpfern erfolgreiche Teamplayer, Lösungsstrategien kreativer und Ergebnisse erfolgreicher werden, veranstaltet der Hamburger Anbieter Eisberg ein Outdoortraining mit besonderem Nervenkitzel: Mitarbeiter ziehen für wenige Stunden in ein SWAT Camp, einem simulierten Lager für Sondereinsatzkommandos. In Anlehnung an die US-amerikanische Spezialeinheit SWAT (Special Weapons und Tactics), beenden die Teilnehmer in ihrem Einsatz beispielsweise ein Geiseldrama. Ihren feinen Zwirn tauschen sie gegen dicke Lederhandschuhe, kugelsichere Westen, Helme und ungeladene Waffen. Zur Seite stehen ihnen ehemalige Polizisten: Sie beraten, wie die martialische Uniform zu tragen ist und wie sich eine Gruppe durch dunkle Gänge alter Fabrikgebäude bewegt, an dessen Ende skrupellose Gewalt lauern könnte. Die Rollen der Geisel und Täter übernehmen Schauspieler. „Wir wollen etwas Neues anbieten – denn für viele Teams ist der Hochseilgarten uninteressant geworden“, sagt Geschäftsführer Frank Kittel. Im SWAT Camp kämen die Teams schneller zusammen. Innerhalb nur einer Stunde muss die Gruppe eine Strategie entwickeln und den Auftrag erledigen. Der künstlich erzeugte Stress ist gewollt.

Bei der Auswahl des Trainings empfiehlt Valentin Nowotny, Vorstandsmitglied des Deutschen Verbandes Coaching und Training, eine gesunde Skepsis. „Es muss nicht immer Seilklettern in schwindelerregender Höhe sein“, sagt der Psychologe. Entscheidend sei, dass die Gruppe Erfahrungen unter fachmännischer Leitung macht und die Eindrücke nach dem Training auswertet. „Die Leute sollen sich ein Stück näher kommen – und zwar ohne innere Panik“, sagt Nowotny. Er rät außerdem, auf die methodische Ausbildung des Trainers zu achten und keinen Autodidakten zu buchen. Anhänger esoterischer Theorien seien ohnehin tabu.

Auch Ingo Kreißelmeyer von Outdoor Unlimited Trainings meint: Das große Abenteuer ist nicht entscheidend für den Trainingserfolg. „Das Zusammenspiel in Abteilungen oder Arbeitsgruppen wird auch bei Schnitzeljagden oder beim Floß bauen gestärkt“, sagt der Trainingskoordinator. Zur Sicherheit werden die Teilnehmer immer von zwei Trainern begleitet. Oftmals dienen die Übungen dem Rollenverständnis der Mitarbeiter. Beispielsweise hat ein kreativer Kopf, der seine Ideen nicht zu Ende denkt, oft Konflikte mit anderen Kollegen. „Beide müssen die Eigenheiten des anderen verstehen und schätzen lernen – für die Teamarbeit können sie sich gut ergänzen“, erklärt Kreißelmeyer.

Laut Jürgen Grieger, Dozent für Personalpolitik an der Freien Universität Berlin, ist letztlich eines entscheidend: Das Programm muss auf die Teilnehmer zugeschnitten sein, nicht anders herum. „Ein Outdoorevent kann aufregend sein“, sagt der Wissenschaftler. Wer sich aber partout nicht dafür interessiere, sollte lieber im Kochstudio bleiben.

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