Chance oder Ausbeutung? : Worauf Leiharbeiter achten sollten

Seit die Konjunktur anzieht, haben auch die Personaldienstleister wieder mehr freie Stellen zu vergeben. Gerade für Berufseinsteiger und Langzeitarbeitslose können sie ein Weg in die Arbeitswelt sein.

Birte Honsa
Aufgestiegen. Nach sieben Monaten Leiharbeit wurde Rebekka Benfer vom Schienenfahrzeugbauer Stadler übernommen.
Aufgestiegen. Nach sieben Monaten Leiharbeit wurde Rebekka Benfer vom Schienenfahrzeugbauer Stadler übernommen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Als auch das 32. Vorstellungsgespräch von Rebekka Benfer ohne den erhofften Arbeitsvertrag endete, begann sie daran zu zweifeln, dass sie irgendwann über eine konventionelle Bewerbung einen Job findet. „Als ich im April 2009 arbeitslos wurde, habe ich Zeitarbeit für mich zunächst ausgeschlossen“, sagt die ehemalige Vorstandsassistentin. Sie hatte Vorbehalte, befürchtete für wenig Geld und unter schlechten Arbeitsbedingungen tätig sein zu müssen.

Als die Diplom- Volkswirtin dann aber einen Anruf aus einer Firma erhielt, zu der sie sporadisch Kontakt hielt, wurde Zeitarbeit plötzlich zur Alternative. „Ich wurde gefragt, ob ich mit vorstellen könnte, für ein zeitlich begrenztes Projekt über eine Zeitarbeitsfirma in der Personalabteilung einzusteigen.“

Nach einer Nacht Bedenkzeit sagte Rebekka Benfer zu. Sie ließ sich von der Zeitarbeitsfirma Jobs in Time unter Vertrag nehmen und an den Schienenfahrzeughersteller Stadler Pankow entleihen. Und sie hatte Glück. Sieben Monate war sie bei dem Personaldienstleister angestellt. Im Mai dann wurde bei Stadler in ihrer Abteilung eine neue Stelle geschaffen – und Rebekka Benfer, zunächst befristet auf zwei Jahre, übernommen.

Die Personalexpertin ist eine von wenigen Leiharbeitern, die die Zeitarbeit als Sprungbrett in die reguläre Arbeitswelt nutzen können. Einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge bleiben nur sieben Prozent der zuvor arbeitslosen Leiharbeiter nach Ende der Zeitarbeit dauerhaft in regulärer Beschäftigung. „Das heißt, für die meisten ist Zeitarbeit eben keine breite Brücke in Beschäftigung außerhalb der Branche“, erklärt Florian Lehmer, der an der Studie mitgearbeitet hat: „Wir haben festgestellt, dass viele Personen, die eine Beschäftigung bei einem Personaldienstleister aufnehmen, dort auch bleiben.“ Aber zumindest könne Leiharbeit ein schmaler Steg sein.

Als Einstieg oder Wiedereinstieg in den Beruf sei Zeitarbeit nicht per se schlecht. Im Vergleich zu Menschen, die in der Arbeitslosigkeit verharrten, hätten Leiharbeiter nach zwei Jahren eine um 20 Prozent höhere Chance, außerhalb der Leiharbeit eine Beschäftigung zu finden. Auch für Berufseinsteiger mit abgeschlossener Ausbildung oder Hochschulabschluss könne es interessant sein, auf diesem Weg in verschiedene Berufsgruppen und Firmen hineinzuschnuppern, sagt der IAB-Forscher.

Gerade jetzt, wo die Konjunktur wieder anzieht, suchen auch Personaldienstleister wieder verstärkt nach Arbeitnehmern. Nach 600 000 Mitarbeitern im ersten Halbjahr 2009 liegt die Zahl der Arbeitnehmer in Zeitarbeit derzeit laut IAB nun wieder bei etwa 750 000. Rund ein Drittel des Zuwachses an offenen Stellen im Juni in Berlin gehen auf das Konto von Zeitarbeitsfirmen. „Wir haben allein in Berlin zurzeit 490 Stellen in den verschiedensten Bereichen zu besetzen“, sagt Petra Timm von Randstad, dem bundesweit größten Personaldienstleister. Gesucht würden vor allem Facharbeiter für den gewerblichen Bereich, also Schlosser, Industriemechaniker oder Elektriker. Gefragt seien aber auch Bilanzbuchhalter oder Einkäufer und wie immer auch Lager- und Versandmitarbeiter.

Ein großer Vorteil der Zeitarbeit bestehe in der Schnelligkeit der Jobvermittlung, meint Isabel Arent, Pressesprecherin des Personaldienstleisters Orizon, dem Mutterunternehmen von Jobs in Time. Gerade größere Firmen hätten ein großes Angebot ähnlicher Stellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine passende darunter ist, sei entsprechend höher als bei direkten Bewerbungen bei einem normalen Arbeitgeber.

Warum viele Arbeitsuchende vor dem Schritt zur Zeitarbeit zurückschreckten, kann sich Petra Timm von Randstad nicht erklären. „Bei uns bekommen die Mitarbeiter einen ganz regulären Arbeitsvertrag, befristet oder unbefristet, mit Urlaubsgeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der einzige Unterschied ist, dass Sie nicht bei uns in der Niederlassung arbeiten, sondern bei unserem Kunden.“ Auch Rebekka Benfer war mit den Konditionen, die ihr ihre Zeitarbeitsfirma bot, zufrieden. Die Gewinnmarge des Unternehmens sei gering gewesen, sagt sie. Doch damit ist ihr Fall eher eine Ausnahme als die Regel.

Nach der IAB-Studie verdienen Zeitarbeiter 20 bis 25 Prozent weniger als regulär Beschäftigte. Laut einer Statistik der Bundesarbeitsagentur aus dem Jahr 2007 ist jeder achte Leiharbeitnehmer auf ergänzende Hartz IV-Leistungen angewiesen. Das Lohnniveau der Tarifverträge für die Zeitarbeitsbranche liegt meist erheblich unter dem der Branchentarifverträge für die regulären Mitarbeiter. Je nach Tarifvertrag erhalten Leiharbeiter in der untersten Entgeltgruppe im Westen um die 7,50 Euro, im Osten um 6,50 Euro. Auf Weihnachts- und Urlaubsgeld oder betriebliche Altersversorge müssen sie oft verzichten.

Wer sich dennoch für die Bewerbung bei einer Zeitarbeitsfirma entscheidet, sollte bei der Auswahl des Personaldienstleisters vorsichtig sein, rät der Berliner Fachanwalt für Arbeitsrecht, Bernhard Steinkühler: „Es gibt viele schwarze Schafe auf dem Markt.“ Nicht selten kündigten Zeitarbeitsfirmen ihren Mitarbeitern in auftragsschwachen Zeiten. Doch das sei nicht erlaubt, so Steinkühler. „Wenn es für den Leiharbeiter keine Arbeit mehr gibt, kann der Verleiher ihn zwar bitten, zunächst seinen Urlaub zu nehmen. Das Gehalt muss aber trotzdem weiter gezahlt werden.“ Als Richtwert gilt: Erst wenn mehr als drei Monate überbrückt werden müssen, darf dem Arbeitnehmer betriebsbedingt gekündigt werden.

Rebekka Benfer jedenfalls hat ihren Einstieg in die Zeitarbeit nicht bereut. Für sie war es tatsächlich eine Brücke in ein festes Arbeitsverhältnis.

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