Computer : Der Lehrer für unterwegs

Ob am Schreibtisch oder in der U-Bahn: Lernen mit Laptop und Handy macht unabhängig. Wie wir uns in Zukunft weiterbilden.

Lutz Steinbrück

Wer in Zukunft lernt, braucht nicht unbedingt Flip-Chart oder Schiefertafel. Berufliche Weiterbildung findet immer öfter auf Lernplattformen im Internet oder auf dem Handy statt. Was schon heute möglich ist und wie sich Lerntechniken weiter entwickeln, erfahren kommende Woche die Besucher der Bildungsmesse „Online Educa 2008“ in Berlin. Was die Verbraucher in einer Weiterbildung der Zukunft erwartet – dazu haben wir uns vor dem Start der Messe umgehört.


COMPUTER SPIELEN MACHT SCHLAU

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Alles im Griff. Mit dem Handy kann man Vokabeln lernen – und zwar überall. Foto: ddp

Lernspiele mit 3-D-Animationen könnten in Zukunft immer öfter zum Einsatz kommen. Bereits heute gibt es erste Versuche mit einer Fortbildung in der digitalen Welt „Second Life“. „Es gibt Bankberater, die mit Hilfe dieser Simulation ausgebildet wurden“, erklärt Birgitta Kinscher, Leiterin des E-Learning Competence Centers an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. In Rollenspielen mussten die Berater Kunden betreuen und auf ihre Fragen und Wünsche reagieren. Dafür steuerten sie per Mausklick Spielfiguren durch eine virtuelle Bankfiliale. Über Headsets konnten sie miteinander kommunizieren.

„Auf diese Weise können Lehrgänge in Zukunft unabhängig von Zeit und Ort stattfinden“, erklärt der Unternehmensberater Marcus Hildebrandt, der das Projekt betreut hat. Sein Kunde, eine Schweizer Bankgesellschaft, wollte mit Hilfe der Software ihre Mitarbeiter in Singapur fortbilden, ohne Trainer für viel Geld nach Asien schicken zu müssen. „Es gibt aber auch pädagogische Vorteile“, sagt Hildebrandt. „Die Spielfiguren sind zum Beispiel nicht an Kultur oder Nationalität gebunden.“ Die Teilnehmer könnten so den Umgang mit Kunden aus Japan oder Südafrika trainieren, ohne von Äußerlichkeiten abgelenkt zu werden – wie es in einem echten Rollenspiel der Fall wäre.

Bis sich Verbraucher tatsächlich im „Second Life“ weiterbilden können, wird jedoch noch einige Zeit vergehen. Hildebrandt schätzt, dass die Technik erst in etwa drei bis vier Jahren massentauglich ist.

VOKABELN LERNEN PER HANDY

Etwas weiter verbreitet ist inzwischen das mobile Lernen mittels Handy. Das Spektrum reicht vom Vokabeltrainer des Schulbuchverlags Cornelsen bis zum Führerschein-Test der Webseite Fahrschool.com. So wird das Handy zum Lehrer, der in die Hosentasche passt.

Alle Programme lassen sich – teilweise kostenlos – von den Internetseiten der Anbieter auf das Mobiltelefon überspielen. Häufig ist die Software nach dem Frage-Antwort-Prinzip aufgebaut. Fragen werden im Display angezeigt, die richtigen Antworten kann man sich über die Menütasten anzeigen lassen. Dabei hat das Handy gegenüber dem Computer einen entscheidenden Nachteil: Die Displays sind klein, komplexe Lernszenarien lassen sich meist nicht darstellen.

Für den mobilen Unterricht eigenen sich jedoch auch Podcasts, also kleine Online-Radiosendungen, die sich mittlerweile aus dem Internet auf viele Handys überspielen lassen. Professionelle Lern-Podcasts sind bislang selten. Einige Angebote finden sich in Katalogen wie podcast.de.

Stephanie Merkenich, Englischlehrerin am Berufskolleg, hält jedoch nicht nur das Anhören von Podcasts für sinnvoll, sondern auch das Selbermachen. „Das ist ein großer Reiz für Fremdsprachenschüler, eine Sprache richtig anzuwenden und Sätze oft zu wiederholen.“

WANN E-LEARNING SINNVOLL IST

Ob mittels Computerspiel, Handy oder ganz gewöhnlichen Online-Studienbriefen: Das Lernen am Computer hat Vor- und Nachteile. Die Teilnehmer eines digigitalen Lehrgangs können Zeit, Ort und Tempo selbst bestimmen. Doch nicht jeder Lerner kommt ohne Anleitung durch einen Trainer zurecht, erklärt die Stiftung Warentest in einem „Test Spezial“. E-Learning erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Selbstorganisation. Fachliches Wissen kann man zwar am Computer erlernen. Schwieriger wird es bei praktischen und sozialen Kompetenzen. Dort sind Übungen in der Gruppe von Vorteil. „Das Second Life kann eine solche soziale Komponente zwar vortäuschen, aber nicht ersetzen“, meint auch Morten Hendricks vom Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) an der Technischen Universität.

Das so genannte „Blended Learning“ ist ein Kompromiss aus beiden Lernformen. „Blended Learning bedeutet, zwischen gemeinsamen Workshops, Schulungen und ortsunabhängigen Online-Phasen zu wechseln“, erklärt Jochen Dietz, E-Learning-Berater am Center für Digitale Systeme (CeDiS) an der Freien Universität. Auch hier gibt es eine Lernplattform mit Web 2.0-Tools, reale Treffen gehören jedoch fest ins Programm. Die Erfahrung zeige, dass Blended Learning-Lerner außergewöhnlich gut auf diese Schulungen vorbereitet seien. Dietz führt das vor allem auf die extra Betreuung während der Online-Phasen zurück.

WAS DIE ZUKUNFT BRINGT

„Digitale Lern-Szenarien werden interaktiver“, glaubt Birgitta Kinscher, „und Lernplattformen werden sich stärker an Teamarbeit und Kommunikation als am klassischen Lehrer-Schüler-Verhältnis orientieren.“ IBI-Direktor Wilfried Hendricks nennt als Vorteil, dass Lerner schneller und zielgerichteter auf digitale Bildungsangebote zurückgreifen können. Die Grenzen von E-Learning-Formaten sehen beide darin, dass sie soziale Lernsituationen mit Gesprächspartnern nicht ersetzen können.

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