Karriere : Eintrittskarte in den Job

Wer seine Abschlussarbeit in einem Konzern schreibt, hat gute Chancen, übernommen zu werden. Doch nicht immer klappt die Zusammenarbeit. Um Probleme zu vermeiden, sollten Studenten Details im Vertrag festhalten lassen

Sara Kammler

Autos findet Jasmin Reising seit jeher spannend, und Schuld daran ist ihr Vater. Der frühere Gokart-Fahrer war so schnell unterwegs, dass er in die Formel 3 hätte wechseln können. Das wirkte ansteckend. Also bewarb sich die Tochter bei Daimler um einen Ausbildungsplatz zur Industriekauffrau. Eine Anstellung bekam sie nicht. Doch nach ihrer Lehre beim Keramik-Hersteller Ceramtec fing sie ihr Studiums des Internationalen Personalmanagements und der Organisation an und stellte sich wieder in Stuttgart vor. Diesmal als Praktikantin, und diesmal mit Erfolg.

Gut zwei Jahre ist das her. Inzwischen schreibt die 26-Jährige ihre Diplomarbeit beim schwäbischen Autobauer. Reising hatte sich an ihre Betreuerin aus Praktikumszeiten gewandt, die sie wiederum weitervermittelte. Jetzt lernt sie den Konzern noch besser kennen, kann sich ein Netzwerk aufbauen und ihre Abschlussarbeit unter idealen Bedingungen schreiben. Darüber hinaus zahlt Daimler ihr 750 Euro im Monat.

Diese Vorteile nutzen viele Studenten. Die praxisbezogene Arbeit lockt sie – aber auch die Hoffnung darauf, nach der Diplomarbeit ein festes Arbeitsverhältnis mit dem Unternehmen einzugehen. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht. Bei der Deutschen Bahn schreiben zum Beispiel rund 100 Studenten pro Jahr ihre Diplomarbeit. In einigen Bereichen „übernehmen wir 40 bis 50 Prozent in eine feste Stellung“, sagt Volker Westedt, Leiter des Hochschulmarketings bei der Deutschen Bahn. Bei der Deutschen Lufthansa finden rund 20 Prozent der jährlich 30 bis 50 Diplomanden im Anschluss einen Job. Jan Lübke gehört zu diesem Kreis. „Die Diplomarbeit war meine Eintrittskarte in das Unternehmen“, sagt der 28-Jährige. Heute betreut Lübke bei der Lufthansa ausländische Beteiligungen.

Die Konzerne profitieren stark von den Arbeiten der Studenten. Häufig schreiben sie Themen auf ihrer Homepage aus, um sicherzustellen, dass für sie relevante Themen bearbeitet werden. Viele Konzerne unterhalten Kooperationen mit Lehrstühlen von Hochschulen. Auch aus laufenden Forschungen heraus entstehen regelmäßig Abschlussarbeiten. Häufig kennen sich Unternehmen und Studenten bereits aus Praktika, so wie im Fall von Reising und Daimler. „Es ist immer das Ziel, Ergebnisse aus den Abschlussarbeiten in konkrete Projekte umzusetzen“, sagt Dirk Jakobs, der bei Daimler die Nachwuchsgewinnung und -entwicklung für das hauseigene Talentprogramm verantwortet.

Der Blick von außen, den die Unternehmen durch die Studenten bekommen, ist besonders wichtig. So auch bei der Arbeit von Reising, die Marketingtools zur effektiveren Rekrutierung von Nachwuchskräften entwickelt und sich ferner Gedanken über die Vermarktung des Nachwuchsförderungsprogramms des Hauses macht. „Bei so einem Thema kann man sich schnell im Kreis drehen“, sagt Dirk Jakobs, „da hilft es, wenn jemand neue Ideen hat.“ Auch Master- und Bachelorarbeiten können Studenten bei den Unternehmen schreiben. Allerdings bemängeln einige Personaler deren kurze Dauer. „Der Praxisbezug darf für die Studenten nicht verloren gehen“, sagt Westedt. „Dies ist bei maximal zwei Monaten Zeit für die Arbeit allerdings nicht immer so gewährleistet, wie wir uns das wünschen.“ Und für Doris Krüger, Leiterin des Personalmarketings bei der Deutschen Lufthansa, nimmt die kürzere Dauer einer Bachelor- oder Masterarbeit den Studenten auch die Möglichkeit, einen „umfassenden Einblick in das Unternehmen zu gewinnen“.

Diese Probleme hat Jasmin Reising derzeit nicht. „Ich habe große Freiräume bei meiner Arbeit.“ Wann immer sie es für nötig hält, kann sie in die Uni-Bibliothek gehen, die Kollegen versorgen sie zudem mit allen relevanten Zahlen. Und: „Ich bekomme auch noch viel vom Tagesgeschäft mit.“ In Jakobs hat sie einen eigenen Betreuer, mit dem sie das Vorgehen und die Fortschritte ihrer Arbeit bespricht. Zusätzlich steht sie in engem Kontakt mit ihrem Professor von der Fachhochschule. Doch nicht immer sind die Erfahrungen der Studenten so positiv.

BWL-Studentin Melanie Siegler (Name geändert) bewarb sich initiativ beim Bauunternehmen Hochtief, um ihre Diplomarbeit im Controlling zu schreiben. Die Zusage bekam sie, doch danach lief so gut wie alles schief. Aus firmeninternen Gründen konnte sie ihre Arbeit erst zwei Monate später als verabredet beginnen, danach bekam sie keinen eigenen Betreuer. Und die Zusammenarbeit sei schwierig gewesen. „Keiner hat auf meine Bitten nach Informationen reagiert“, sagt Siegler. Als sie zwischenzeitlich zwei Tage an der Uni recherchierte, „kam das nicht gut an“.

Rückblickend, sagt die 26-Jährige, habe sie einige Fehler gemacht. Vor allem hätte sie sich nicht auf die mündliche Zusage verlassen sollen, sondern mit dem damaligen Gesprächspartner einen Arbeitsplan ausarbeiten und diesen in den Vertrag aufnehmen sollen. Einen Vertrag bekam Siegler bei Hochtief zwar. Allerdings nur einen Praktikantenvertrag, in dem lediglich festgehalten war, dass sie Informationen für ihre Diplomarbeit sammeln würde. Nach Abschluss der Arbeit schickte sie eine Kopie an das Unternehmen – eine Antwort hat sie nie bekommen.

Um solchen Erfahrungen vorzubeugen, ist es wichtig, die Betreuung vorab so konkret wie möglich abzuklären. Dazu gehört auch, in einem Protokoll oder in einem Vertrag festzuhalten, was passiert, wenn die Ergebnisse der Arbeit nicht wie erhofft ausfallen. Den Studenten sollte zudem bewusst sein, dass sich die Unternehmen in den meisten Fällen die Rechte an den Ergebnissen vertraglich sichern. Immerhin gewähren sie den Studenten Zugang zu internen Daten.

Wer plant, seine Abschlussarbeit in einem Unternehmen zu schreiben, sollte sich vorher auch Gedanken über seine Erwartungen machen. Einerseits ist es verlockend, den klingenden Namen eines internationalen Unternehmens in seinen Lebenslauf einzutragen. Andererseits bleibt die Frage, ob die Abschlussarbeit dem Absolventen auch tatsächlich die Tür ins Unternehmen öffnet. „Das Diplom ist nur ein Schein, wenn es keine Netzwerke erweitert oder Türen geöffnet hat“, sagt der Karriere-Coach Hermann Refisch.

Jasmin Reising hat kein Angebot von Daimler bekommen. Wie alle Absolventen muss sie sich über das Online-Tool des Konzerns bewerben. Immerhin weiß sie jetzt: „Meine Zukunft kann ich mir sehr gut bei Daimler vorstellen und glaube, dass meine Diplomarbeit eine gute Basis dafür ist. Ich werde mich bewerben und hoffe, dass es klappt.“ Schlecht stehen ihre Chancen jedenfalls nicht. Beitrag aus „Junge Karriere“

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