Karriere : Exotik light

An keiner anderen Hochschule Chinas können Deutsche so einfach ein Auslandssemester einschieben wie an der Schanghaier Tongji-Universität. In der behüteten Welt der deutsch-chinesischen Institute lassen sich Studenten ohne großes Risiko auf das Reich der Mitte ein.

Astrid Oldekop

Bierzelte, Maßkrüge und Blasmusik, Chinesen in Dirndl und Lederhose – die Atmosphäre gleicht einer Mischung aus Oktoberfest und Disneyland. Dazwischen ein großer Blonder: Der Nürnberger Mark Forster verbringt seine letzten Tage in China beim größten Bierfestival Asiens im nordchinesischen Qingdao. Dort, wo Deutsche vor über 100 Jahren eine Brauerei gründeten, prostet der Maschinenbaustudent seinen chinesischen Kommilitonen mit dem nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Bier zu.

Nicht nur seine Semesterferien hat der 23-Jährige auf den Spuren der Deutschen in Fernost verbracht, auch die vergangenen sechs Monate hat er intensiv die deutsche Geschichte in China studiert. Denn Forster hat ein Auslandssemester an der Tongji-Universität in Schanghai eingelegt.

Die vor 100 Jahren von einem deutschen Arzt als „deutsche Medizinhochschule“ gegründete Tongji ist heute die Hochschule Chinas, die in Deutschland am deutlichsten wahrgenommen wird. Mit ihr gibt es die meisten Kooperationen, und sie wird großzügig gefördert. Zum 100-jährigen Jubiläum reisten jüngst Bundespräsident Horst Köhler sowie die Tongji-Ehrendoktoren Gerhard Schröder, Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff an.

Mit ihrem Namen hat Gründervater Erich Paulun der Hochschule einen Auftrag erteilt. Tongji bedeutet: „In einem Boot sitzen und einander helfen“. Genau das tun deutsche und chinesische Studenten: An der neuen deutsch-chinesischen Fachhochschule CDHAW der Tongji half Mark Forster seinen Kommilitonen, wenn sie ein deutsches Wort nicht verstanden – zur Not erklärte er es ihnen mit Händen und Füßen.

Denn mitten in China unterrichten chinesische Professoren vor chinesischen Studenten konsequent auf Deutsch. Anfangs fand Mark Forster diesen Unterricht ganz schön komisch: „Die Chinesen tippen während der Vorlesungen die unbekannten Wörter in ihre kleinen Sprachcomputer und warten auf die Übersetzung.“

Manchmal fühlte sich der Nürnberger an der Ende 2003 gegründeten FH noch als Versuchskaninchen, denn der 23-Jährige war einer der ersten Deutschen. Das Niveau sei niedriger als in Deutschland – schon durch die holprigen Deutschkenntnisse der meisten Studenten bedingt. „Man muss sich als Deutscher die Rosinen herauspicken“, resümiert er. „Dafür bekommt man aber viel vom echten China mit.“

Diese interkulturelle Erfahrung machte Forster nicht nur im Unterricht, sondern gerade auch in der Freizeit – wenn er seinen Kommilitonen zum Beispiel beim Schreiben eines deutschen Lebenslaufs half. Auch die Familien seiner neuen Freunde besuchte er. „In Maos Heimatprovinz Hunan haben mir die Eltern einer Mitstudentin eine Suppe aus einer Art Pflanze und Wurm gekocht, die teurer sein soll als Gold.“

In Schanghai mietete Forster ein Zimmer im sechsten Stock eines Hotels auf dem Campus, zur CDHAW brauchte er 15 Minuten zu Fuß. Hinter dem Hotel liegt die alte Transrapid-Teststrecke. Vor seinem Fenster beobachtete er am Morgen die Schattenboxer im kleinen Park, auf dem Sportplatz nebenan spielte er samstags Basketball.

Zweimal pro Woche lernte Forster in einer Sprachschule auf dem Campus Chinesisch. „Das reicht zwar nicht aus, um chinesischen Vorlesungen zu folgen, aber man kann wenigstens im Restaurant bestellen, wo kaum einer Englisch spricht“, sagt er.

Die Tongji-Universität hat vier Standorte in Schanghai. Auf dem Hauptcampus lernen 26 000 Studenten. Forster studierte mit 13 000 weiteren Kommilitonen auf dem modernen grünen „Autocampus“ bei Anting. Dieser liegt 30 Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Dort, in der Nähe des Volkswagen-Werks, entsteht eine Autostadt. Die neue Formel-1-Strecke ist gleich nebenan. Zur fortschrittlichen Ausrichtung des Gebiets gehört auch die Tongji-Universität, an der der deutsche Ehrenprofessor Klaus Töpfer zwei Monate im Jahr Vorlesungen über nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz hält.

Kurz vor dem 100-jährigen Jubiläum wurde Tongji-Präsident Wan Gang zum Forschungsminister Chinas berufen – eine kleine Sensation in der Volksrepublik, da der fließend Deutsch sprechende Wan kein Mitglied der kommunistischen Partei ist. Der Experte für Brennstoffzellen promovierte in Clausthal-Zellerfeld, arbeitete elf Jahre lang in der Forschung und Entwicklung bei Audi und sitzt im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp. Wan ist bereits der zweite Tongji-Präsident in Folge, der solch ein Ministeramt in Peking bekleidet.

Noch ist der Posten des Tongji-Präsidenten vakant, doch nach dem wochenlangen Trubel um die Jubiläumsfeier geht alles wieder den gewohnten Gang. Mark Forster hatte für sein Auslandssemester zwar kein Stipendium, doch da ihm die Studiengebühren in Nürnberg erlassen wurden, konnte er sich sein China-Abenteuer gut leisten. Das Hotel kostete nur 65 Euro pro Monat, zum Leben brauchte er gerade mal 200 Euro, Miete und Mensa-Essen inklusive. Nur die Ausflüge ins Schanghaier Nachtleben rissen ein Loch ins Budget: „Dafür kann man im Monat locker 500 Euro ausgeben“, sagt Forster.

Die 30 Kilometer lange Fahrt vom Autocampus in Anting in die Stadtmitte dauert eine Stunde, ganz gleich, ob man ein Taxi durch den Stau für 16 Euro oder den übervollen Bus und die Metro für einen Euro wählt. Forster zog es an den Wochenenden an den Bund, den kolonialen Prachtboulevard am breiten Huangpu-Fluss mit seinen Bank- und Handelshäusern. Er besuchte argentinische Steakhäuser, Clubs mit futuristischem Design, Gokart-Bahnen, Indoor-Kletterhallen oder Karaoke-Partys. „Es ist faszinierend, wie unterschiedliche Menschen hier aufeinandertreffen“, schwärmt Forster. „Die Stadt verändert sich täglich. Einen Weg, den man gestern noch genommen hat, gibt es morgen schon nicht mehr, weil eine neue Straße gebaut wurde.“

Wer wie Mark Forster ein paar Monate in der behüteten Welt der deutschen Einrichtung an der Tongji verbracht hat, ist kein profunder China-Kenner und hat auch nicht die Mühen eines Lebens in Chinas Provinzen kennengelernt. Er hat aber interkulturelle Erfahrungen gesammelt und weiß, was auf ihn zukommt, wenn ihm eine Stelle in China angeboten wird. Ein Wissen, das die zukünftigen Absolventen für deutsche Arbeitgeber interessant macht. Ein Wissen, das sie aber vertiefen müssen, sollten sie tatsächlich eine China-Karriere anstreben.

Beitrag aus dem Karriere-Magazin

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