Firmengründung : Keine Lust auf den Chef

Wie Pflegekräfte ihre eigene Firma gründen

Ulrike Schattenmann

Als Gabi Perplies sich mit einer Kollegin vor drei Jahren mit einem ambulanten Pflegedienst selbstständig machte, waren nicht nur die Tage verplant. Bis spät in die Nacht studierte die damals 50-jährige Arbeitsrecht, Sozialgesetzgebung und das Bürgerliche Gesetzbuch. „Andere sind mit einem Mann ins Bett, ich mit dem Gesetzestext“, so fasst sie ihre Anfangszeit zusammen.

Wer sich als Pfleger oder Schwester selbstständig macht, muss fit sein: Unser Gesundheitswesen ist kompliziert, die kommunalen Bestimmungen unterschiedlich. Perplies musste für ihre Firma „Ämuna“ erst ein komplettes Büro einrichten, eine Pflegedienstleitung engagieren und ein Auto anschaffen, bevor sie mit der Pflegekasse einen Versorgungsvertrag abschließen konnte. „Am Ende hatten wir eine Adresse und Angestellte, aber noch keinen einzigen Patienten“, erinnert sie sich.

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist für viele Angestellte im sozialen Bereich verlockend. „Ich wollte nach über 30 Berufsjahren endlich eigene Kriterien an die Qualität setzten, offener und ehrlicher mit den Patienten umgehen – und zwar ohne den immensen Zeitdruck, der bei privaten Trägern vorherrscht“, sagt Perplies. Eine Existenzgründung muss jedoch gut vorbereitet werden: „Ein fundierter Plan ist wichtig, und natürlich ausreichend Kapital“, sagt Thomas Müller. Er arbeitet für die Contec GmbH, einer Management- und Unternehmensberatung, die sich auf Betriebe im Gesundheits- und Sozialwesen spezialisiert hat. Er rät jedem Gründer, zunächst den Markt zu untersuchen und Mitbewerber kennen zu lernen.

In Berlin zum Beispiel können Patienten zwischen vielen Pflegediensten wählen. Im Speckgürtel dagegen gibt es noch eine größere Nachfrage. Doch auch im Umland gilt: Es muss genug Geld da sein, um Durststrecken zu überwinden. Um sich kaufmännisches Wissen anzueignen, kann man autodidaktisch lernen, wie etwa Gabi Perplies, aber auch Seminare besuchen und sich von Beratungsstellen unterstützen lassen. „Wichtige Anlaufstelle sind hier die Industrie- und Handelskammern“, sagt Müller. Wer sich um Finanzen nicht kümmern möchte, müsse sich mit einem Kaufmann zusammen tun.

Marktanalyse? Fördermittel? Perplies winkt ab. Existenzgründer haben es auch mit kaufmännischem Wissen schwer, das ist ihre Erfahrung. Keine Bank hat ihr für ihre Geschäftsidee Kredit gegeben – trotz ausgefeiltem Businessplan und kostspieligen Beratungsstunden. Letztendlich hat die Familie ihrer Geschäftspartnerin das Kapital zur Verfügung gestellt. Dass innerhalb von nur drei Jahren aus einem Zwei-Frau Betrieb ein kleines Unternehmen wurde, liegt an ihrem besonderen Angebot. Spezialisiert hat sich der ambulante Dienst auf Palliativpflege, also auf die Pflege von Schwer- und Sterbekranken zu Hause.

Innovative Konzepte sind wichtig. „Erfolgsaussichten haben Dienstleister, die ein sogenanntes Case-Management, also umfassende Hilfe aus einer Hand anbieten“, sagt Unternehmensberater Müller. Hilfe im Haushalt, die Versorgung mit warmen Essen, Unterstützung bei Anträgen für Ämter und Krankenkassen sind gefragte Serviceleistungen. „Suchen Sie sich Kooperationspartner, bilden Sie Netzwerke, arbeiten Sie mit Krankenhäusern, mit Hausärzten oder medizinischen Versorgungszentren zusammen“, rät Müller angehenden selbstständigen Kranken- und Altenpflegern. Die persönliche Empfehlung eines Hausarztes ist Gold wert.

Ämuna ist aus dem Gröbsten raus. Im Schnitt betreut der Pflegedienst 40 Patienten, das ist eine gute Zahl, sagt Perplies. „So können wir die Qualität der Pflege wahren, den Überblick behalten, Kontrollbesuche machen.“ Ihre 14 festangestellten Mitarbeiter, alles Profis mit mehrjähriger Berufserfahrung verdienen mehr als bei den freien Trägern. Und sie selbst? Perplies lacht: „Du willst im Pflegebusiness reich werden? Vergiss es!“ Einen Wunsch immerhin hat sie sich erfüllt: „Am Anfang habe ich bis in die Puppen geschuftet, jetzt gehe ich um 14 Uhr nach Hause“.Ulrike Schattenmann

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