Förderung : Wirtschaftskrise: Mehr Zeit für Bildung

Die Rezession hat die Hauptstadtregion erreicht: Mehr als 30.000 Beschäftigte sind von Kurzarbeit betroffen. Der frühe Feierabend lässt sich sinnvoll nutzen – zum Beispiel für eine Weiterbildung. Die wird vom Staat gefördert.

Philipp Eins
280213_0_925f2751.jpg
Früher Schluss. Arbeitgeber erhalten einen Bonus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Seit wenigen Wochen beginnt für viele Angestellte in Berlin-Brandenburg der Feierabend früher als sonst. Grund ist die weltweite Wirtschaftskrise: Rund 31 000 Beschäftigte sind in der Region deswegen von Kurzarbeit betroffen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) kürzlich mitteilte. Produktionsmaschinen stehen öfter still, Dienstleister und Zulieferer erhalten keine Aufträge mehr. Damit es bei der monatlichen Gehaltsabrechnung nicht zu bösen Überraschungen kommt oder die Mitarbeiter gar ihren Job verlieren, zahlt die BA bis zu 24 Monate lang einen Teil der ausgefallenen Arbeitszeit: das Kurzarbeitergeld.

Nach Ansicht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sollen Betroffene die freie Zeit möglichst sinnvoll nutzen – zum Beispiel zur beruflichen Weiterbildung. Unternehmer, die ihre Mitarbeiter während der Kurzarbeit qualifizieren, erhalten daher einen Extra-Bonus. Die BA übernimmt in diesem Fall zusätzlich die Sozialversicherungsbeiträge für Kursteilnehmer – und zwar nicht nach einer üblichen siebenmonatigen Wartezeit, sondern sofort.

WIE WERDEN ARBEITER

GEFÖRDERT?

Für gering qualifizierte Mitarbeiter ohne Berufsabschluss übernimmt die Bundesagentur zudem sämtliche Kosten für Kurse, mit denen sich die Kurzarbeiter für einen Beruf qualifizieren können. „Einem Kraftfahrer könnte zum Beispiel ein Gabelstaplerschein erstattet werden, oder auch ein Sprachkurs, mit dem er seine Kompetenzen für internationale Fahrten ausbaut“, erklärt Alexander Hildebrandt, BA-Programmberater für Weiterbildung in der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Lagerarbeiter dagegen könnten in der Kurzarbeit ihre Kenntnisse in Lagersoftware und Wareneingangskontrolle erweitern.

Das Ziel des Bundesarbeitsministeriums, gering qualifizierten Beschäftigten in der Kurzarbeit zu einem anerkannten Berufsabschluss zu verhelfen, könnte jedoch unerreicht bleiben. So dauern beispielsweise am Forum Berufsbildung in Berlin kaufmännische Umschulungen, an denen auch Ungelernte teilnehmen dürfen, mindestens 21 Monate in Vollzeit. Nach Angaben des Ministeriums ist jedoch nicht geplant, die Förderung von Kurzarbeitern über das Jahr 2010 hinaus zu verlängern. Wer jetzt erst in Kurzarbeit geht, hat also schlechte Karten.

„Wenn sich in einem Unternehmen drei Monate Kurzarbeit abzeichnen, wird der Chef ohnehin nicht einer Weiterbildung zustimmen, die eineinhalb Jahre dauert“, meint auch BA-Berater Hildebrandt. In diesem Fall sei eine Förderung über das so genannte „Wegebau“-Programm für gering qualifizierte und ältere Arbeitnehmer sinnvoller. Über dieses Programm erhalten Arbeitgeber, die Ungelernte während der Arbeitszeit fortbilden, einen Lohnzuschuss einschließlich der darauf entfallenden Sozialversicherungsbeiträge – und zwar über das Jahr 2010 hinaus.

WELCHE CHANCEN HABEN HÖHER

QUALIFIZIERTE?

Unternehmer, die höher qualifizierte Mitarbeiter mit Berufsabschluss während der Kurzarbeit fortbilden, erhalten ebenfalls die Sozialversicherungsbeiträge bezahlt. Die BA erstattet zudem 25 bis 80 Prozent der Lehrgangskosten, je nach Art der Qualifizierung und der Betriebsgröße. Es werden allerdings nur Kurse gefördert, in denen die Teilnehmer Kenntnisse für den allgemeinen Arbeitsmarkt erwerben. „Damit wollen wir vermeiden, dass Unternehmen Lehrgänge von der Arbeitsagentur finanzieren lassen, die sie ohnehin leisten müssten – zum Beispiel Ersthelferschulungen“, erklärt Olaf Möller, BA-Sprecher in Berlin-Brandenburg.

Ansonsten ist die Auswahl für Interessenten groß: Von Soft Skills über Fremdsprachenkurse bis hin zu IT-Lehrgängen ist alles möglich. Erste Berliner Bildungsanbieter wie die Sprachschule Berlitz bekommen das bereits zu spüren: „Seit Ende März verzeichnen wir eine starke Nachfrage von Unternehmen, die im Rahmen der Kurzarbeit fortbilden möchten“, sagt Marketingdirektorin Rita Pauls. Kaufmännische Abteilungen größerer Industrieunternehmen interessieren sich besonders für das Angebot „Englisch für den Beruf“. Um die maximalen Zuschüsse zu erhalten, müssen die Kurse jedoch mindestens 50 Prozent der Ausfallzeit andauern.

Das heißt: Wie hoch die Förderung ist und wann sie überhaupt gezahlt wird, ist an viele Bedingungen geknüpft. „Unsere Mitarbeiter prüfen das im Einzelfall“, erklärt BA-Sprecher Möller. Dazu kommen Angestellte der Arbeitsagentur in die Betriebe und beraten vor Ort.

WIE ÜBERZEUGT MAN SEINEN CHEF?

Wer in Kurzarbeit ist, von seinem Chef aber noch kein Angebot für eine Weiterbildung erhalten hat, sollte ihn ruhig darauf ansprechen. „Der kann den Kontakt zur Arbeitsagentur nutzen, um in Erfahrung zu bringen, welche Möglichkeiten es gibt“, sagt Möller. Im Gespräch kann man außerdem auf Beispiele aus anderen Unternehmen verweisen – und die gibt es inzwischen auch in Berlin.

Am Mercedes-Benz Werk in Marienfelde sind beispielsweise rund 2000 Beschäftigte in Kurzarbeit, Angebote zur Qualifizierung werden derzeit ausgearbeitet. „Wir befinden uns noch in Abstimmung mit der Agentur für Arbeit“, erklärt Daimler-Mitarbeiterin Nicole Kicherer. In Frage kämen Kurse in Projektmanagement oder in CNC-Technik, einer Methode zur elektronischen Steuerung von Maschinen.

Auch im Berliner Werk des Autozulieferers Pierburg, wo sich derzeit zwei Drittel der 317 Mitarbeiter in Kurzarbeit befinden, werden Lehrgänge angeboten. „Dazu zählen unter anderem Pneumatik-Kurse und Schulungen in Schutzmaßnahmen vor elektrostatischen Entladungen in der Produktion“, erklärt Unternehmenssprecher Folke Heyer.

NIMMT DIE KURZARBEIT NOCH WEITER ZU?

Wie viele Unternehmen noch in den kommenden Monaten Kurzarbeit anmelden, ist ungewiss. „Wir wissen nicht, wie die Konjunkturpakete der Bundesregierung auf den Arbeitsmarkt wirken“, sagt BA-Sprecher Möller. Die Region sei gegenüber Bundesländern wie Baden-Württemberg jedoch im Vorteil: „Wir haben hier wenig exportabhängige Industrie.“ Stark sei Berlin vor allem in der Dienstleistungsbranche, zu der auch das Hotel- und Gastgewerbe zählt. Dies lege erfahrungsgemäß in den Sommermonaten zu. Klaus Abel von der IG Metall in Berlin dagegen sieht die nächste Zeit pessimistischer: „Kurzarbeit ist in Berlin bereits ein großes Thema – und das wird es in den Sommermonaten auch bleiben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben