Karrieremärchen : Der Mythos vom Erfolg – entzaubert

Etliche Standardsprüche rund um Karriere und Beruf sind blanker Unsinn. Wir räumen mit fünf Märchen auf.

Claudia Obmann

„Du musst Berater werden, um dir eine goldene Nase zu verdienen“ – „Heute läuft doch nichts ohne Vitamin B“ – „Brüche im Lebenslauf sind das Aus“: Es gibt etliche solcher Mythen rund um Job und Karriere. Sie sind alle falsch, halten sich aber dennoch hartnäckig. Wir räumen auf mit den fünf größten Märchen und verraten, wie es in Sachen Einstieg, Aufstieg und Gehalt wirklich läuft.

MYTHOS 1: KEINE KARRIERE

OHNE BEZIEHUNGEN

Karriere machst du nur mit Vitamin B. Weit gefehlt. Dass es auch ganz ohne Drahtzieher im Hintergrund und Papas Männerfreunde an die Spitze zu schaffen ist, beweist Rolf Elgeti: Der Bauernsohn stieg in Rekordzeit zum Chefstrategen bei der niederländischen Großbank ABN Amro in London auf.

Früher dran als alle anderen war der Sohn eines ostdeutschen Landwirts und LPG-Vorsitzenden aus dem mecklenburgischen Broderstorf schon sein Leben lang. Bereits in der Grundschule zeigt sich Elgetis Ehrgeiz – eine Zwei in Mathe ist dem Knirps nicht gut genug. In der Oberstufe belegt er freiwillig fünf Leistungskurse, besteht sein Abi mit 1,0. Im Dezember 1989 kommt der 13-jährige Ossi zum ersten Mal in den Westen – und fühlt sich gleich heimisch. Nach seinem Militärdienst bei den Fallschirmjägern schreibt er sich zum Wirtschaftsstudium an der Uni Mannheim ein. Das Diplom hält er nach fünf Semestern in den Händen, nach zwei weiteren an der Elite- Uni Essec in Paris hat er auch seinen MBA-Titel.

Danach geht der Shooting-Star nach London, arbeitet als Analyst bei UBS Warburg und wechselt als Aktienstratege zur Commerzbank. Vier Jahre später, er ist gerade mal 27 Jahre, unterschreibt er bei der größten niederländischen Bank, ABN Amro, als Chefstratege für den europäischen Aktienmarkt. Und stiehlt den etablierten Börsen-Gurus die Schau: Im Thomson Extel Survey, einer Rangliste der erfolgreichsten Analysten, landet Elgeti seit 2004 in der Kategorie Aktienstrategen zweimal auf dem ersten Platz – und einmal auf dem zweiten.

Mit 30 Jahren hat der Staranalyst alles erreicht, was zu erreichen ist, und bricht zu neuen Ufern auf. Vor ein paar Wochen hat er seinen Analysten-Job an den Nagel gehängt und sich mit einem Immobilienfonds selbstständig gemacht – um sich auch auf diesem Gebiet wieder als Bester zu beweisen. Claudia Obmann



MYTHOS 2: ERFOLGREICH KARRIERE

MACHT MAN NUR IN KONZERNEN

Absolventen träumen von der Superkarriere im großen Konzern. Warum nur? Wer international und erfolgreich sein will, muss nicht bei McKinsey, Porsche oder Siemens anfangen. Mittelständler bieten die meisten Jobs, Topmarken und die Chance, sich beruflich bestens aufzustellen.

Natürlich ist Thyssen Krupp ein internationaler Konzern mit vielen Möglichkeiten. Und auch das Freizeitangebot in Ludwigsburg bei Stuttgart ist nicht schlecht. Doch Marc Beckers, 32, wollte mehr. Mehr vom Job, mehr vom Leben. Er wechselte 2004 in die Provinz zu Falke. Ein Risiko? War er doch allein bei der Ludwigsburger Tochtergesellschaft von Thyssen Krupp für die Personalentwicklung von 1000 Leuten zuständig. Falke hat in ganz Deutschland gerade mal 1200 Mitarbeiter. Doch nicht nur die Marke des Strumpfherstellers lockte ihn ins Hochsauerland. Auch die inhaltliche Verbesserung. „Je größer ein Konzern ist, desto mehr muss man sich spezialisieren. Ich wollte breiter arbeiten“, sagt Beckers. Zu seinem Job gehören neben Personalentwicklung heute auch Personalstrategie, Recruiting und arbeitsrechtliche Beratung.

Kleinere Unternehmen bieten Vorteile, auf die man in Großkonzernen oft vergeblich wartet: frühe Verantwortung, kurze Wege, schnelle Umsetzung der Projekte. Mittelständler vergeben fast 70 Prozent aller Arbeitsplätze. Darunter 600 000 Positionen für Führungskräfte. Selbst Chef werden ist dort heute so einfach wie nie. Laut aktueller Mittelstandsstudie der DZ Bank planen 54 Prozent der Mittelständler in den nächsten zehn Jahren einen Führungswechsel – nur in jedem dritten Betrieb wird ein Familienmitglied die Leitung übernehmen.

Als Generalist im Personalwesen sieht sich Beckers gut für den Arbeitsmarkt gerüstet. Die Provinz hat er lieben gelernt: Zum Job braucht er nur fünf Minuten, die Miete ist halb so teuer wie in Stuttgart. Auch die Freizeitangebote können sich sehen lassen: Der Wanderer kommt im Hochsauerland ebenso auf seine Kosten wie der Wintersportler: Schmallenberg hat eigene Skilifte. Martin Roos



MYTHOS 3: ANWÄLTE UND BERATER

VERDIENEN SICH DUMM UND DÄMLICH

Schon komisch: Da spricht man hierzulande kaum öffentlich über Gehälter – und doch weiß alle Welt, dass Anwälte und Unternehmensberater so richtig fett Kohle scheffeln. Alles klar! Wirklich?

„Nur einmal so viel Geld haben“, denken sich wohl all die Juristen und Consultants, die zwar ständig den öffentlichen Neid abkriegen, deren Gehaltsabrechnung aber längst nicht so üppig ausfällt, wie alle Welt denkt. Die Einkommenspalette reicht in Wirklichkeit von „ausgesprochen üppig“ bis „gerade so über die Runden kommen“. Das untere Ende der Fahnenstange ist nur eben nicht so besonders sexy zum Weitertratschen.

Die Anwälte verdanken ihr Unverschämtverdiener-Image international tätigen Großkanzleien wie Freshfields, Clifford Chance oder Linklaters, die mit ihren sagenhaften Fangprämien für die besten zwei bis fünf Prozent eines Jahrgangs durch die Presse geistern: Hier steigen Jungjuristen mit 65 000 Euro aufwärts ein, die Elite kann mit bis zu 100 000 Euro Jahressalär rechnen. In mittelständischen Kanzleien sind dagegen „nur“ noch 40 000 bis 75 000 Euro für Einsteiger drin. Gemessen an anderen Absolventengehältern, wie etwa denen der Architekten, also auch noch ein Jammern auf hohem Niveau.

Das Gros der Juristen bestreitet seinen Job aber in noch kleineren Läden. Und da wird das Leben deutlich härter: Nach einer Studie der Bundesrechtsanwaltskammer verdiente ein angestellter Anwalt – über alle Berufserfahrungsklassen hinweg – im Jahr 2004 im Westen durchschnittlich 43 000 Euro, so viel wie derzeit jungen Ingenieuren schon beim Jobeinstieg geboten wird. Anwälte, die sich selbstständig machen, müssen in einer Einzelkanzlei im Schnitt mit einem Jahresüberschuss von 32 000 Euro zurechtkommen, also knapp 2700 Euro brutto monatlich.

Den Beratern geht es ähnlich: Die Mackies, BCG’ler oder Roland Bergers dieser Welt können sich über ihr Gehalt in der Tat nicht beklagen. Laut den Vergütungsexperten von Personalmarkt steigen Absolventen in Beratungshäusern mit mehr als 1000 Mitarbeitern mit durchschnittlich 50 000 Euro jährlich ein. Mit fünf Jahren Joberfahrung ist man dort gut 15 000, 20 000 Euro mehr wert.

Der Haken: Nur 0,4 Prozent aller Beratungen, ganze 55 Firmen, setzen mehr als 45 Millionen Euro pro Jahr um. Und nur ein Drittel der 73 000 deutschen Berater arbeitet dort. Bei den 12 300 Firmen, die weniger als eine Million Euro Umsatz machen, werden wesentlich kleinere Brötchen gebacken: Dort kann man laut Bundesverband Deutscher Unternehmensberater „nur“ noch mit durchschnittlich 35 000 Euro brutto rechnen. Ganz zu schweigen von den knapp 13 000 Ein- bis-zwei-Mann-Klitschen, die 60 Prozent des Marktes ausmachen.Ulrike Heitze

MYTHOS 4: BRÜCHE IM LEBENSLAUF

KOSTEN DIE KARRIERE

Jede Karriere kommt mal an einen toten Punkt. Kein Grund zur Panik! Wichtig ist nur, dass Sie souverän mit der Jobkrise umgehen. Dabei ist Karriere längst nicht mehr das, was unsere Eltern sich darunter vorstellten. Bis 67 auf der gleichen Stelle arbeiten wie mit 23 – heute unvorstellbar. Irgendwas kommt immer dazwischen: die betriebsbedingte Kündigung, die Pleite des eigenen Start-ups, der unausstehliche Chef.

Ist es möglich, ohne Brüche durchs Arbeitsleben zu kommen? „Auf gar keinen Fall“, so Karriereberater Uwe Schnierda. „Es gibt kaum noch Akademiker, die nicht einmal in ihrem Leben die Kündigung erhalten.“ Klingt furchtbar? Nicht unbedingt. Denn ob sich der Bruch im Lebenslauf als Sprungbrett nutzen lässt oder zum Karriereknick wird, hat jeder selbst in der Hand. Ganz wichtig: Bloß nicht in Rechtfertigungszwang verfallen. „Den neuen Arbeitgeber interessieren gar nicht so sehr die Details der Kündigung, sondern: Was macht der Bewerber aktuell?“, erklärt Uwe Schnierda. Wer während der Arbeitslosigkeit etwa ein neues Software-Programm lernt oder sich ehrenamtlich engagiert, zeigt Initiative und Leistungswillen.

Im Vorstellungsgespräch hilft dann kein Drumrumgerede. Da will der Arbeitgeber wissen, wie Sie mit der Krise umgegangen sind. „So lautet eine typische Frage: Woran sind Sie schon mal gescheitert, und was haben Sie daraus gelernt?“, weiß die Berliner Psychologin und Karriereberaterin Brigitte Scheidt. Wer hier klar antwortet, sich weder in Vorwürfen noch Entschuldigungen ergeht, kann den Malus sogar zum Bonus ummünzen. „Es gibt auch Personaler, die gar keine geradlinigen Karrieren wollen“, sagt Scheidt. „Die wünschen sich eher Leute, die schon bewiesen haben, dass sie Krisen bewältigen können.“ Britta Domke

MYTHOS 5: KEIN STUDIUM,

KEINE KARRIERE

Topmanager wie René Obermann strafen Titelversessene Lügen. Der Mann an der Spitze der Telekom hat weder Doktortitel noch Diplom. Damit gehört er zum illustren Kreis der Studienabbrecher, die sich im Hörsaal langweilen. Und in der Praxis durchstarten. Eigentlich plant Obermann den klassischen Weg: Nach der Lehre zum Industriekaufmann bei BMW schreibt er sich 1986 fürs VWL-Studium ein. Doch schon im ersten Semester hält es ihn nicht im Hörsaal: Er verkauft Anrufbeantworter und Autotelefone, gründet das Unternehmen ABC Telekom. Das Geschäft läuft bestens, Obermann bricht sein Studium ab.

Heute kräht kein Hahn mehr danach. Der 44-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Telekom und hat gezeigt, dass er Eigenschaften besitzt, die er für die schnelle Karriere beim rosa Riesen brauchte. Obermann ist längst nicht der einzige prominente Deutsche, der es ohne Diplom schnurstracks nach oben geschafft hat. Die Liste erfolgreicher Studienabbrecher ist lang. Günther Jauch, Barbara Schöneberger, Heike Makatsch oder Sönke Wortmann gehören dazu. Zahlreiche Topmanager großer Konzerne besitzen keine höheren akademischen Weihen, sondern eine bodenständige Berufsakademie-Ausbildung. Im Mittelstand, so zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum, hat nur ein Fünftel der Führungskräfte studiert. Machertypen wie Obermann begeistern sich eben nicht für die Theorie. Sondern für die Praxis. Liane Borghardt

Sämtliche Beiträge stammen aus dem „karriere“-Magazin 07/2007.

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