Karriere : Lauter coole Leute

Die Kreativschmiede der Musikbranche steht nicht in Berlin, sondern in Mannheim

Florian Willershausen

Verträumte Klavierklänge sind aus dem spiegelverglasten Raum neben dem Foyer zu hören. Eine leichte, sanfte Soul-Stimme begleitet den Takt, singt irgendetwas Romantisches. Die zwei Zuhörerinnen, beide Mitte 30, sehen nicht so aus, als wären sie auf der Suche nach der nächsten Bar. Sie versprühen wenig Interesse, sich mit einem Cocktail im nächstbesten Lobby-Sessel zu fläzen. Auch wenn diese Vorstellung noch so gut zur gelösten Soul-Musik passt. Aber der Gesang soll keine Unterhaltung sein. Sondern eine ernste Sache. Studienrelevant. Plötzlich fällt die schallgeschützte Tür des Spiegelraums zu. Schluss mit Gaffen. Die Vokalprüfung für das sechste Semester beginnt.

Wer an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim landet und einen Studienplatz in den Fächern Popmusikdesign oder Musikbusiness ergattert, für den ist Musik nicht länger Hobby, Traum oder sonst etwas Brotloses. Für die Studenten ist es ein Job, und zwar einer in einem knüppelharten Geschäft. Darauf bereiten die Dozenten ihre Musiker und Musikmanager im Mannheimer Hafenviertel Tag für Tag vor. Sie bringen ihnen nicht nur die richtigen Akkorde bei, sondern auch Skills in Sachen Selbstmarketing oder Unternehmensgründung. Oder wie man eine Steuererklärung schreibt. Vor allem aber ist die Popakademie ein riesiges Kontaktnetzwerk, über das die Studierenden flott an die Praxis weitergereicht werden können. Namhafte Plattenfirmen fördern die Popakademie mit viel Geld, damit die Talentfabrik auch mal Nachwuchs für die eigenen Labels liefert.

Wie eine Fabrik sieht die Musikerhochschule auch von innen aus. Unter der Decke schlängeln sich unverkleidete Heizrohre. Manche Wände sind mintgrün gehalten, steril und kreativ zugleich. Ein Streifzug durch die Flure des ersten Stocks ist anstrengend für die Ohren. Sie werden abwechselnd von Hip-Hop, Hard Rock und Jazzmusik beschallt – je nachdem, welche Band gerade welchen Proberaum belegt. Die Wände sind nackt, nur in der zweiten Etage präsentieren sie fast bescheiden die gerahmten Fotos aus vier Jahren Popakademie. Udo Lindenberg, Wir sind Helden, Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims waren schon als Gastdozenten hier. Letztere geben zugunsten der Akademie jedes Jahr ein Benefizkonzert – wohl wissend, dass ab und an auch ein paar Talente anklopfen. So wie Danny Fresh. Der 29-Jährige hatte Naidoo nach einem Workshop einfach mal angesprochen: „Sag mal, kannst du noch einen gebrauchen, der rappt?“ „Klar“, antwortete der Soul-Star, „komm einfach mal vorbei.“

Danny Fresh heißt eigentlich gar nicht Danny Fresh, sondern Daniel Ohler. Den Beinamen verpasste ihm der Chef eines Klamottenladens. Weil er immer so cool ist. Das könnte an seinem dichten Backen- und Kinnbart liegen, der sich in Höhe des Schädelansatzes im Nichts verläuft. Oder an der Bundeswehr-Erkennungsmarke, die als Kette an seinem Hals baumelt.

Die äußere Performance ist wichtig für den Rapper. Als solcher hat er den Durchbruch geschafft, seit ihn Xavier Naidoo mit aufs Album genommen hat. Danny Fresh rappt quer durch Deutschland, unterrichtet an der Popakademie seit seinem Bachelorabschluss und gibt Journalisten Interviews. Vorbei die Zeiten, als der Vollblutmusiker in Fabriken, Lagerhallen und Klamottenläden jobben musste, weil der Rap das Konto nicht füllte.

Über den Gang schlendert ein Typ, der einen schwarzen Schlips trägt. Das schwarze Hemd darunter hängt luftig aus der weiten Hose. Das kann nur ein Kreativer sein. Chris Buseck gibt Danny Fresh lässig die Fünf. Auch der 27-Jährige hat nach ein paar Semestern an der Popakademie den großen Wurf gemacht. Er hat eine Ausschreibung für die Hymne der neuen SAP-Arena gewonnen.

Auch den Song für die Springreiter-Europameisterschaft hat der Hesse komponiert. Und neben der Uni hat er als Co-Komponist für „Tante Thomas“ gearbeitet, wie er den amerikanischen R&B-Sänger Dante Thomas nennt.

Chris Buseck ist ein ziemlich extrovertierter Mensch. Man traut ihm zu, dass er die weitläufigen Netzwerke der Popakademie auch wirklich nutzt. Manchmal sitzt er an der Popakademie mit Starkomponisten im Seminar. Da lernen die Großen der Branche den Nachwuchs in Aktion kennen. Dabei kommen sie ins Gespräch. Manchmal passt es einfach und die Chemie stimmt. Aber es gehört Eigeninitiative dazu: „Wenn du deinen Hintern nicht hochkriegst und nicht mal jemanden ansprichst, passiert auch nix.“

Auch Buseck ist Vollblutmusiker. Zwar finanziert er sich zurzeit überwiegend durch Auftragskompositionen. Doch nebenbei spielt er Gitarre und singt. Mit seinen „Halogen-Poeten“ hat er es vor ein paar Jahren in viele Frankfurter Clubs geschafft, „bis zum Plattenvertrag fehlten nur ein paar Meter“, sagt er. Banderfahrung ist in Mannheim Aufnahmevoraussetzung, die Popmusikdesigner müssen mindestens zwei Jahre live gespielt haben. Die meisten hier sind daher schon Ende 30, viele von ihnen stehen schon zehn Jahre auf der Bühne. Sogar die Musikbusiness-Studenten können selbst Musik machen.

Nur Björn Meyer, 26, tanzt aus der Reihe: „Ich bin hier der Einzige, der kein Instrument spielt“, gesteht der Mann mit dem tätowierten Stern am Ellenbogen. „Und singen kann ich auch nicht. Sagt zumindest meine Mutter.“ Björn ist nur da, um ein paar Abschlussprüfungen zu schreiben. Einen Job hat er längst. In Berlin baut der Hamburger für eine kanadische Plattenfirma das Europageschäft auf. Lauter harte Sachen hat er im Portfolio. So hart, dass auf seinem iPod richtig softe Musik läuft, Jan Delay zum Beispiel. Als Produktmanager muss er mit allen Stilrichtungen klarkommen, auch wenn er nicht alle mag. „Nur Schlager kann ich mir nicht anhören“, sagt er, „nicht mal besoffen.“

Abschlussprüfungen sind für Musikbusiness-Studenten wie Björn Meyer ebenso wenig ein Spaziergang wie für die Popmusikdesigner. Bis zu 20 Prozent der Prüflinge rasseln durch und müssen wiederholen. Die einen tun sich schwer mit Klausuren zu Steuerrecht oder Unternehmensgründung. Andere hingegen verstehen in Musiktheorie nur Bahnhof. Neulich war Smudo von den Fantastischen Vier als Gastdozent für einen Tag an der Popakademie. Er sagte Sätze wie diesen: „Eine Band ist erst eine Band, wenn sie eine Band ist.“ Den haben sich die Studierenden behalten. Schade, dass Smudo keine Prüfungen abnimmt.

Beitrag aus dem Karriere-Magazin

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