Mobilität : Das Café als Büro

Vom mobilen Arbeitsplatz bis zur leistungsorientierten Bezahlung: Was heute noch Randerscheinung ist, wird morgen zur Normalität, sagen Experten.

Florian Kuhlmey
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Die Technik macht’s möglich. In vielen Jobs kann man schon heute so gut wie überall arbeiten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eine Revolution findet statt. Und kaum jemand merkt es. Denn, die gegenwärtige Umwälzung der Lebensverhältnisse kommt unscheinbar daher. Es gibt keine Volksmassen, die demonstrierend durch die Straßen ziehen, und keinen Diktator, der gestürzt werden müsste. Nein, der gegenwärtige Umbruch vollzieht sich eher still und schleichend, als langwieriger Prozess. Doch seine Auswirkungen sind nicht minder revolutionär.

Die Industrienation Deutschland wandelt sich zur Wissens- und Informationsgesellschaft. Spielten bisher Arbeit, Rohstoffe und Kapital eine zentrale Rolle, sind es heute immer mehr die Informations- und Kommunikationstechnologien, Wissen, Kopfarbeit und Dienstleistung, die die Wirtschaftskraft bestimmen. Dieser Wandel ist mindestens ebenso einschneidend wie die industrielle Revolution, die die Agrargesellschaft beendete. Der Mensch der Zukunft wird sich in einer völlig anderen Arbeitswelt bewegen als sein Pendant im 20. Jahrhundert.

DAS ENDE DES ANGESTELLTENDASEINS

Bisher war Deutschland geprägt durch „Normalarbeitsverhältnisse“: Die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung befand sich in einer abhängigen Beschäftigung, arbeitete mehr als 30 Wochenstunden für die Firma und war sozial abgesichert im Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Rente. So war es bisher die Regel – und so wünscht es sich noch immer die Mehrzahl der Deutschen. Doch die Realität sieht zunehmend anders aus.

Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung befinden sich bereits heute 42 Prozent aller Erwerbstätigen nicht mehr in einem Normalarbeitsverhältnis: 35,7 Prozent arbeiten in atypischen Verhältnissen wie Minijobs, Leiharbeit, Teilzeitarbeit und 6,3 Prozent in unbezahlten oder gering bezahlten Arbeitsverhältnissen wie Hausarbeit, Ausbildung, Wehr- oder Zivildienst.

Ist die Erwerbsarbeit damit ein Auslaufmodell? Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) meint Nein. Er sagt voraus: „Ein großer Teil der unbefristet Beschäftigten wird Elemente des Selbstständigendaseins übernehmen.“

DER ARBEITSPLATZ WIRD MOBIL

So wird etwa Mobilität ein prägendes Element der Arbeitswelt von morgen sein. „Früher ging man ins Büro. In Zukunft ist man selbst das Büro“, sagt Dieter Boch vom Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (IAFOB). Der Arbeiter der Zukunft ist mobil. Sucht er Abgeschiedenheit, zieht er sich in einen Ruheraum zurück. Für den ungezwungenen Austausch mit Kollegen verabredet er sich in der Lounge. Und will er die Seele baumeln lassen, setzt er sich mit einer Tasse Kaffee auf die Dachterrasse. Notebooks, Tablet-PCs, PDAs und Smartphones – die neue Technik ermöglicht das Arbeiten jederzeit und an jedem Ort.

Das Home-Office ist bereits in der Gegenwart angekommen. Im Jahr 2008 erledigten laut Statistischem Bundesamt 3,3 Millionen Deutsche ihre Arbeit entweder ganz oder teilweise von zu Hause aus. Die Grenzen zwischen Berufswelt und Privatsphäre verschwimmen zunehmend. „Connected Worlds“ nennen das Experten. Doch gerade in der klaren Abgrenzung liegt für viele Menschen ein entscheidender Erholungseffekt. In einer alles verbundenen Welt wird das „Abschalten können“ immer schwerer.

GELD FÜR LEISTUNG

Die geregelte Arbeitszeit galt bisher auch als Bemessungsgrundlage für das Gehalt. Wer 40 Stunden arbeitete, verdiente in der Regel mehr als der Kollege, der nur 30 Stunden anwesend war. Glaubt man Peter Felixberger, Autor des Buches „Deutschlands nächste Jahre“, so wird in der künftigen Ideenwirtschaft jedoch nicht mehr die Dauer der Tätigkeit bewertet, sondern deren Ergebnis. Eine Vergütung ist denkbar, wie sie heute bereits im Vertriebsbereich praktiziert wird: ein festes Grundgehalt plus Bonuszahlungen für erfolgreich abgeschlossene Projekte. Die Wissensgesellschaft von morgen ist eben auch eine Leistungsgesellschaft.

Damit ändert sich auch der Anspruch an den einzelnen Mitarbeiter. Nach den Soziologen Günter Voß und Hans Pongratz wird der Typ des „Arbeitskraftunternehmers“ gefragt sein, des Angestellten der ähnlich agiert wie ein Unternehmer. Er organisiert und beschränkt sich selbst. Und vor allem vermarktet er sich selbst. Bisher habe man vor allem im Vorstellungsgespräch überzeugen müssen, in Zukunft werde Überzeugungsarbeit in eigener Sache fester Bestandteil des Alltags sein. Der Arbeiter von morgen muss seinem Vorgesetzten immer wieder den Nutzen der eigenen Arbeit aufzeigen.

SPEZIALISTEN GEFRAGT

Dabei wird das Verhältnis der Vorgesetzten zu den Mitarbeitern lockerer werden. Der ehemalige IG Metall-Vordenker, Ulrich Klotz, meint, dass Hierarchien zunehmend abgebaut werden. An ihre Stelle trete die „Peer Produktion“: Eine Gruppe hoch spezialisierter Wissensarbeiter aus aller Welt trifft sich, um an einem Projekt zu arbeiten. Die Team-Mitglieder kommen nicht zwangsläufig aus einer Firma.

Die Unternehmen öffnen sich nach außen. Freie Fachkräfte oder auch Nutzer der Unternehmensangebote bringen mit Hilfe des Internets ihre Ideen ein. Wie das funktionieren kann, macht Google mit dem geplanten Betriebssystem Chrome OS vor. Durch Open Source kann jeder Programmierer der Welt dazu beitragen, es zu verbessern.

DIE POLARISIERTE GESELLSCHAFT

Doch was wird aus denen, die nicht hoch spezialisiert sind? Die nicht als Wissensarbeiter ihre Arbeitskraft anbieten können? Sie werden versuchen müssen, im Dienstleistungsbereich Fuß zu fassen, oder mithilfe von Fortbildungen, Anschluss an die moderne Wissensgesellschaft zu finden. So oder so werden sie es schwer haben. Denn, und darin sind sich die Zukunftsforscher weitgehend einig, die Wissensrevolution ist immer auch verbunden mit einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft in arm und reich.

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