MULTIKULTI In welchen Jobs interkulturelle Erfahrung zählt : Türken bevorzugt

Wer in zwei Welten aufgewachsen ist, hat auf dem Arbeitsmarkt einen Vorsprung: In vielen Branchen sind nicht nur Fremdsprachen gefragt, sondern auch das Einfühlen in andere Mentalitäten

Yvonne Holl

Seine Schullaufbahn verlief eher holperig. Soner Ipekcioglu ist Sohn türkischer Einwanderer und, von einigen Aufenthalten in der Türkei abgesehen, in Berlin aufgewachsen. Er blieb einmal sitzen, wechselte von der Real- auf die Hauptschule, begann eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Es ging ihm nicht schlecht, er hatte einen Job. Doch er fühlte sich im Berufsleben immer benachteiligt. Bis Ipekcioglu eines Tages beschloss, „nicht mehr der Türke zu sein, der keine Chance hat“. Immerhin beherrschte er zwei Sprachen in Wort und Schrift und war in zwei Kulturkreisen zu Hause.

Der 33-Jährige begann seine Herkunft als Verkaufsargument zu nutzen. Er gründete 2001 die Werbe-Agentur „Die Setzer“ und spezialisierte sich auf mehrsprachige Broschüren und Werbung für deutsche Unternehmen im Ausland. Neben deutschen Unternehmen bietet er gezielt auch ausländischen Gewerbetreibenden seine Dienste an. Und: Das Konzept funktioniert. Auch seine Schwester Ipek Ipekcioglu hat mit Hilfe ihrer Herkunft Karriere gemacht. „In den Augen anderer steht mein türkischer Hintergrund für Vielfalt“, sagt sie. Sie arbeitet in der Musikbranche und hat sich auf arabische Sounds spezialisiert. In der internationalen Szene ist sie unter DJ Ipek bekannt. Sie legt weltweit Musik auf, demnächst reist sie nach China.

Die Geschwister Ipekcioglu sind jedoch noch Exoten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. „Migranten stehen gemeinhin schlechter da als Deutsche“, sagt Elmar Hönekopp vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Es gebe deutlich weniger Migranten unter den Erwerbstätigen als es ihr Anteil an der Bevölkerung vermuten lasse. Dabei hängen ihre Job-Chancen nicht nur von der Ausbildung ab. „Auch bei höherer Qualifikation haben Migranten oft schlechtere Karten“, sagt Hönekopp. Dabei sind interkulturelle Fähigkeiten in vielen Branchen gefragt.

Gerade in Berlin kann man punkten, wenn man mehrere Sprachen beherrscht und sich in anderen Kulturkreisen aus kennt. Der Anteil an hier lebenden Migranten ist hoch – und jeder Einwanderer ist auch potenzieller Kunde, Patient und Klient. Überall wo internationale Kontakte oder mehrsprachige Kunden eine Rolle spielen, sind gut ausgebildete Mitarbeiter ausländischer Herkunft gesucht – und das auf allen Karrierestufen. Doch die Einwanderer müssen oft einige Hürden überwinden, um an einen Job zu kommen.

Bei gleicher Qualifikation haben Migranten bei Bewerbungen oft das Nachsehen, sagt Bernd Marinitsch vom Verband für Interkulturelle Arbeit (VIA). Er leitet ein Integrationsprojekt, das russischsprachige Migranten bei der Arbeitssuche unterstützt.„Bei der derzeitigen Arbeitsmarktsituation muss ein Migrant eigentlich besser sein, als ein einheimischer Bewerber, um Chancen zu haben“, sagt er. Neben Fachkenntnissen und fließendem Deutsch gilt es, seinen Pluspunkt zu nutzen: seine Sprache und Kultur.

Das Einstellungshindernis Nummer Eins seien mangelnde deutsche Sprachkenntnisse. Außerdem fehlten oft Zertifikate, die die Ausbildung bestätigen. Ohne Nachweise aber zögerten Arbeitgeber mit der Einstellung. Marinitsch rät, unbedingt alle Papiere, die die eigenen Fähigkeiten belegen, zu sammeln.

Sind die fachlichen und kulturellen Voraussetzungen erfüllt, gibt es eine Reihe von Berufen, in denen Migranten gebraucht werden. Die Berliner Zentrale der Commerzbank zum Beispiel beschäftigt einen Wertpapierstrategen türkischer Herkunft. Gerade türkische Unternehmer würden sich bevorzugt von ihm beraten lassen, sagt ein Sprecher der Bank. Um ihre ausländischen Kunden stärker an sich zu binden, plant das Geldinstitut für ihre Filialen in Bezirken mit hohem Ausländeranteil junge Ausländer auszubilden.

Den Ku’damm rauf und runter stellten Einzelhändler gezielt Verkäufer und Verkäuferinnen ein, die aus Osteuropa oder dem arabischen Raum kommen, sagt Eleonore Bausch von der Industrie- und Handelskammer Berlin. Diese Geschäfte haben anspruchsvolle Kundschaft aus arabischen Ländern oder Russland, die hier Mode oder Schmuck einkaufen – und sich gern von Mitarbeiter beraten lassen, die ihre Sprache sprechen und ihre Mentalität kennen. Im KaDeWe zum Beispiel arbeiten Menschen aus 26 Nationen. „Internationalität ist ein Markenzeichen unseres Hauses“, betont Sprecherin Petra Fladenhofer. Allererstes Einstellungskriterium sei aber die Fachkompetenz: „Wer bei uns arbeitet, muss ein Verkaufsgenie sein.“ Zweisprachigkeit und interkulturelle Erfahrungen sind also keineswegs Ersatz, sondern Zusatz für berufliche Kenntnisse.

Auch in ganz anderen Bereichen sind „Migrations-Kompetenzen“ gefragt. So stellen in Neukölln Ärzte gern türkische Sprechstundenhilfen ein, weil sie mit Patienten in ihrer Muttersprache reden und so leichter Vertrauen schaffen können.

Wie Agentur-Chef Soner Ipekcioglu ist auch Migrantenberater Marinitsch überzeugt, dass die Arbeit am Selbstwertgefühl ein entscheidender Schritt für den Wiedereinstieg ins Berufsleben ist. „Es ist wichtig, sich klar zu machen, was man alles kann.“ Um sicherer in der deutschen Sprache aber auch dem kulturellen Umfeld zu werden, empfiehlt er außerdem, sich in Vereinen zu engagieren, vielleicht ein Ehrenamt zu übernehmen. Eigeninitiative zahle sich irgendwann aus.

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