Onlinejournalismus : Die neuen Medienmacher

Das Publizieren im Netz birgt ganz neue Herausforderungen: Online-Redakteure müssen mit verschiedenen Medientypen arbeiten und crossmedial denken.

Harald Olkus

Wer heute das neueste aus aller Welt erfahren will, braucht im Grunde nur seinen Computer anzuwerfen und auf die Internetseiten seiner Tageszeitung zu gehen. Dort findet er – mehr oder weniger übersichtlich sortiert – alles, was ihm die Printversion ebenfalls mitteilen würde. Und sogar noch vieles mehr.

Nachdem die großen Zeitungs- und Medienhäuser ihre Onlineangebote in den letzten Jahren kräftig ausgebaut haben, müssen auch immer mehr Journalisten in der Lage sein, redaktionelle Inhalte für die Neuen Medien zu erstellen. Gebraucht werden einerseits Redakteure, die sich mit den crossmedialen Möglichkeiten des Internets auskennen, andererseits Autoren, die geeignete Beiträge für das Medium verfassen können.

"Schlagabtausch" zwischen Journalist und Leser

Bestandteil der Onlineauftritte sind neben Texten und Bildern, die für das Internet aufbereitet werden müssen, auch neue publizistische Formen. Dazu gehören zum Beispiel Blogs, also regelmäßig ins Netz gestellte Meinungsäußerungen, etwa von Redakteuren, die Reaktionen der „Blog-Community“ herausfordern sollen. Auf diese Weise entwickeln sich oft lebhafte, interaktive Debatten – die wiederum neue Chancen zur Leserbindung bieten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an den Journalisten, der den Blog betreut: Er muss nicht nur flott schreiben und topaktuell im Netz recherchieren können, sondern sich beim „Schlagabtausch“ zwischen den Lesern zusätzlich als eine Art Moderator bewähren.

Auch das Erstellen von Audio- und Videofiles, also Wort- und Filmbeiträgen für das Internet, dürfte für viele Print- Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln sein. Denn nicht jeder „Zeitungsmacher“ kann aus dem Stand mit einer Videokamera umgehen oder weiß, wie man Filmberichte schneidet und einen Text vom Blatt abliest.

Die Journalistenschulen und -akademien haben deshalb schon seit einigen Jahren Seminare und Weiterbildungskurse für Onlinejournalismus im Angebot. Spätestens seit dem Hype um das Web 2.0 – also das interaktive World Wide Web mit seinen Blogs, Tauschbörsen und Videoportalen – kann die Berliner Journalistenschule kaum genug Kurse für alle Interessenten anbieten. „Wir führen bereits Wartelisten“, sagt Schulleiter Manfred Volkmar. Neben Seminaren zum Onlinejournalismus bietet die Schule zum Beispiel Aus- und Weiterbildungen wie „PR im Internet“ oder „Texten für das Internet“ an. Auch ein dreiwöchiges Intensiv-Training zum Videojournalisten ist im Ausbildungsprogramm zu finden.

„Im Moment wird Online für sehr wichtig gehalten“, sagt Manfred Volkmar. „Man muss aber sehen, wie lange das tatsächlich anhält. Wir beobachten die Entwicklung deshalb genau.“

Die „One-Man-Teams“, die von verschiedenen Webredaktionen auf die Straße geschickt werden, sieht Volkmar allerdings eher kritisch. Selbst kleine Lokalzeitungen seien inzwischen dazu übergegangen, ihre Journalisten mit Camcordern zu bestücken, damit sie Videofiles „von draußen“ mitbringen. Ob diese teilweise recht dilettantischen Mitschnitte tatsächlich Sinn und den Internet-Leser glücklicher machen, bleibt abzuwarten.

Genaue Prüfung der Quellen

Für Matthias Spielkamp, der die Online-Lehrredaktion der Evangelischen Journalistenschule in Berlin betreut, beruhen die einschneidendsten Veränderungen auf der Menge an Quellen, auf die Journalisten nun zugreifen können – und daher auch müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben. „Zahlreiche renommierte Wissenschaftler schreiben Weblogs, außerdem Aktivisten und Spezialisten in allen denkbaren Wissensgebieten“, meint Spielkamp. Wer nicht lerne, dieses Wissen zu nutzen, gerate bei vielen Themen ins Hintertreffen. Dazu gehöre auch, die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit dieser Quellen einschätzen zu können. „Nur wer Erfahrung mit den neuen Publikationsmöglichkeiten sammelt, wird vor bösen Überraschungen sicher sein, etwa durch strategisch gestreute Fehlinformationen oder auch einfache ,Enten‘“, meint Spielkamp. Die Evangelische Medienakademie bietet deshalb unter anderem Kurse zum Recherchieren im Internet an.

„Was heute Onlinejournalismus heißt, wird bald das klassische Berufsbild sein“, ist Jan-Eric Peters von der Axel Springer Akademie in Berlin überzeugt. Dort lernen die Journalistenschüler über das klassische Handwerk hinaus wie man Geschichten in Wort, Ton und Bild erzählt und optimal miteinander verknüpft. Zwei Monate sind allein der Crossmedia-Ausbildung gewidmet. Hier unterrichten Dozenten, wie man für das Internet schreibt, Podcast – also Bild- und Tondateien fürs Netz – erstellt oder einen Videobeitrag dreht und schneidet.

„Uns geht es dabei nicht um den rasenden Reporter, der gleichzeitig schreibt, fotografiert, filmt und ins Mikro spricht, während er gedanklich schon einen Leitartikel verfasst“, sagt Peters. Aber eine Redaktion als Ganzes müsse alle Darstellungsformen beherrschen. „Und deshalb muss jeder einzelne Redakteur verstehen, wie man eine Geschichte crossmedial aufbereitet und wie das Zusammenspiel funktioniert.“

„PC und Internet“ lautet auch eine Seminarreihe der Schule für Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit „Klara“ in Berlin. Von Anfang September bis Mitte April geht es dabei in jeweils zweitägigen Workshops um den Umgang mit dem Web 2.0 und das gezielte Recherchieren in den Datenfluten des Internets.

Ebenfalls in der Hauptstadt ansässig ist die Deutsche Fachjournalistenschule, bei der man sich im Fernstudium zum Fachjournalisten ausbilden lassen kann. Onlinejournalismus steht hier ebenfalls auf dem Lehrplan. Dabei lernen die Teilnehmer zum Beispiel für Onlinemedien zu texten, eine eigene Internetseite einzurichten, Beiträge für das Web aufzubereiten und einen Blog für journalistische Zwecke zu nutzen.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben