Philosophie : Brotlose Kunst? Von wegen!

Sie prägen die Diskussion um aktuelle gesellschaftliche Fragen - und lösen Alltagsprobleme im Berufsleben: Warum Philosophen auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind.

Marion Hartig
Der Denker
Auguste Rodins "Der Denker". -Foto: dpa

Der Elfenbeinturm ist nur noch einer von vielen Orten, an denen man heute der Philosophie begegnet. Im Philosophischen Quartett im Fernsehen fragt Peter Sloterdijk, ob die Welt noch zu retten ist. In den Feuilletons der Zeitungen denkt Jürgen Habermas über den freien Willen und Europa nach. Der Ex-Kulturstaatsminister und Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin philosophiert im Radio über Demokratie und Wahrheit. Philosophen sind gefragt wie nie: Darf man, wie im Fall des Kindermörders Magnus Gäfgen, in einem Rechtsstaat Folter androhen, um Menschenleben zu retten? Sollte Sterbehilfe erlaubt werden? Wie gerecht ist unser Wirtschaftssystem? Die Nachfolger von Aristoteles, Kant und Heidegger sollen helfen, Lösungen für die drängenden Fragen der Gegenwart zu finden.

Das verschafft der Denkerbranche Aufwind. Vor allem die Elite der Philosophen ist da angesprochen. Doch auch die Nachwuchswissenschaftler, die nicht in Ethikkommissionen oder politischen Beratungsgremien arbeiten, haben heute gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

1700 Studenten sind an den drei großen Berliner Universitäten (Humboldt-Universität, Freie Universität und Technischen Universität) in Philosophie eingeschrieben. Das ist einer von 77. Etwa 130 schließen pro Jahr ihr Studium ab und suchen nach Arbeit – sofern sie sich nicht für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheiden. Sie bewerben sich in der Wirtschaft, bei Stiftungen oder Verbänden – und das offensichtlich mit viel Erfolg.

Dass Philosophie ein brotlose Kunst ist, erweist sich einmal mehr als Mär. „Die Anzahl arbeitsloser Philosophen ist verschwindend gering. Sie liegt in Berlin bei 0,06 Prozent“, sagt Erik Benkendorf von der Berliner Arbeitsagentur. Philosophen seien in den verschiedensten Berufen einsetzbar. Sie arbeiten als Journalisten oder Unternehmensberater, als Kaufmann oder EDV-Anwender. Auf den ersten Blick wenden sich zwar nur wenige Stellenanzeigen direkt an Philosophen. Die Qualifikationen aber, die sie im Studium erworben hätten, würden sie für viele Arbeitgeber attraktiv machen.

„Philosophen lernen im Studium, ihren kritischen Sachverstand zu schärfen“, erklärt die FU-Professorin Anne Eusterschulte, was die Absolventen auszeichnet. Sie befassen sich etwa mit Kants affirmativem Begriff der Totalität oder dem ontologischen Gottesbeweis und lernen daran, wie Begründungen funktionieren. Sie diskutieren Theorien und verfassen dazu in eigener Sprache ihre Position, erklärt die Philosophin. Der Sprecher der Arbeitsagentur fasst das so zusammen: „Philosophen sind oft in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und zu bewerten“, sagt Benkendorf. Sie besitzen ein gutes Sprachvermögen und verstehen es, Inhalte zu vermitteln. Diese Fähigkeiten seien auf dem Arbeitsmarkt gesucht.

„Philosophen passen gut in unsere Teams“, sagt etwa Per Breuer, Personalchef der Unternehmensberatung Roland Berger. Die Philosophen, die ihm im Vorstellungsgespräch gegenübersitzen, wirken auf ihn oft kantiger, individueller und weniger geschliffen als Wirtschaftswissenschaftler. Doch das findet Breuer durchaus sympathisch.

Wie bei Absolventen anderer Fachrichtungen sind Auslandserfahrungen ein Bonus und eine gute Allgemeinbildung. „Ein Bewerber sollte außerdem schon einmal ein BWL-Skript in die Hand genommen haben und wissen was ein ’Cashflow’ ist“, sagt er. Absolventen, die nach ihrem Abschluss ein paar Jahre verstreichen lassen, ohne sich beruflich weiterzuqualifizieren, hätten allerdings schlechte Karten – soweit sich in ihrem Lebenslauf kein gut erklärbarer roter Faden findet.

Philosophen, die es bis zum Vertrag schaffen, werden wie andere wirtschaftsfremde Einsteiger in speziellen Trainings in BWL, Rhetorik und Teamarbeit fit gemacht.

BWL und die so genannten Schlüsselqualifikationen können Philosophen heute auch schon an der Uni lernen. Mit dem Bologna-Prozess setzen die Hochschulen vermehrt auf Berufsorientierung. Die Karrierecenter und Fakultäten bieten Vorträge und Seminare an, die den Studenten den Berufseinstieg erleichtern sollen und raten zu Praktika. An der Humboldt-Uni (HU) kann man etwa Kurse wie „Journalistisches Arbeiten für Philosophen“ besuchen. „Solche Angebote sollte man unbedingt wahrnehmen“, empfiehlt die Leiterin des HU-Career Service, Rosemarie Schwartz-Jaroß.

So vorbereitet wird der Karriereeinstieg in Zukunft vielleicht weniger holprig. Bisher sind Praktika, befristete Stellen und Weiterbildungen die Regel, bevor Absolventen einen festen Job haben – und ein Einkommen, mit dem es sich gut leben lässt. Wer es zur Festanstellung bei Unternehmensberatungen wie Roland Berger schafft, kann sich hingegen laut Bundesverband Deutscher Unternehmensberater auf ein jährliches Einstiegsgehalt von 35 000 bis 48 000 Euro freuen, je nach Qualifikation und Arbeitgeber.

Frank Milschewsky ist den eher holprigen Weg gegangen. Vor 15 Jahren schloss er an der Freien Universität (FU) sein Philosophiestudium ab, heute ist er Marketingmanager beim Aufbau Verlag. Im Studium hat er sich wenig Gedanken über seine Karriere gemacht, erzählt er. Erst die Magisterarbeit, dann die Doktorarbeit, so hatte er es zunächst geplant – und dann sehen, wie es weitergeht. Doch als er in einem Doktorandenkolloquium über den Texten des Berliner Aufklärers Friedrich Nicolai saß, hat er sich plötzlich anders entschieden. „Ich habe befürchtet, dass ich mich immer weiter spezialisiere und für den Arbeitsmarkt immer unbrauchbarer werde“, erzählt er. Außerdem hat er eine Familie gegründet. Da war ein sicherer Job plötzlich wichtig.

Neben dem Studium hatte er in einer Buchhandlung gejobbt. Jetzt fand er über eine Bekannte eine Stelle als Vertriebsleiter eines kleinen Berliner Verlages. Um tiefer in die Materie einzusteigen, qualifizierte er sich in einer einjährigen Fortbildung zum Marketingassistenten für Buchhandel und Verlage. Das brachte ihn entscheidend voran. Im Rahmen der Ausbildung absolvierte er ein Praktikum beim Berlin Verlag. Mit dem Zeugnis bewarb er sich als Vertriebsassistent beim Aufbau Verlag. Vor dreieinhalb Jahren wechselte er ins Marketing. Dort arbeitet er nun an Vermarktungskonzepten und ist für die interne Kommunikation zuständig. Die Erfahrungen aus dem Studium sind ihm dabei nützlich: „Geistige Beweglichkeit ist für die kreative Arbeit im Marketing eine wichtige Voraussetzung“, sagt er. Sein Job macht ihm viel Spaß.

Damit geht es ihm wie vielen Kommilitonen. Nach einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) hangeln sich die meisten Geisteswissenschaftler von einer befristeten Stelle zur nächsten, bis es endlich mit der Festanstellung klappt. Mit den Arbeitsbedingungen und den Inhalten ihrer beruflichen Tätigkeit aber sind sie überwiegend zufrieden. Auch, wenn sie nicht, wie die Elitedenker, den gesellschaftlichen Fragen der Zeit auf den Grund gehen.

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