Studium : Traumberuf Architekt?

Die niedrige Nachfrage, das Überangebot an Fachkräften, die harte Konkurrenz – all das prägt die Branche seit den 90er-Jahren. Für wen es sich trotzdem lohnt, das Fach zu studieren.

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Große Vorbilder. Stararchitekten machen vor, was möglich ist. Von Norman Foster stammt die Berliner Reichstagskuppel. -Foto: dpa

Ein hervorragender Abschluss an der renommierten RWTH Aachen war eigentlich die beste Voraussetzung für Anna Gepharts Berufsstart. Doch es kam ganz anders: „50 Bewerbungen musste ich schreiben, nach einem halben Jahr bin ich fast die Wände hochgegangen“, erinnert sich die 32-Jährige. 2003 war ein schlechter Zeitpunkt, um fertig zu werden. Schon vor ihrem Studium – sie war 19 –, hatten die Berater im Berufsinformationszentrum in Bonn ihr dringend von Architektur abgeraten – „da finden Sie nichts“. Aber sie hatte sich nicht beirren lassen: „Die Verbindung von Technik und Kreativität hat mich fasziniert“ , sagt sie.

Die niedrige Nachfrage, das Überangebot an Architekten, die harte Konkurrenz, all das prägt die Branche der Architekten seit den 90er-Jahren. Die Anzahl der Arbeitskräfte stieg seitdem trotzdem um 30 Prozent auf über 121 000. Pro Jahr verlassen 8000 Absolventen der Fächer Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung die Hochschulen – doppelt so viele wie gleichzeitig in den Ruhestand gehen.

Schon der harte Studienalltag bis zum Vordiplom ernüchtert viele, die mit großen Idealen gestartet sind. „Da wird ausgesiebt, man wird richtig getrimmt“, sagt Gephart: Sie entschloss sich, sieben Monate in einem Büro in London den Realitätscheck zu wagen. Sie musste dringend herausfinden, ob sie überhaupt weiter studieren wollte. Ein junges Team, tolle Projekte, die Wochenenden frei. Ihr war klar: „Das passt, das ist der richtige Beruf.“

Doch bei der ersten Stelle nach dem Abschluss in einem kleinen Büro in Hamburg sah es wieder ganz anders aus: „Da hab ich echt gelitten.“ Im Gegensatz zu Großbritannien sind die Bedingungen in Deutschland sehr hart: Sie arbeitete von frühmorgens bis spätabends, teilweise auch am Wochenende. Hinzu kam das Gefühl, viel zu langsam zu arbeiten: „Wenn man von der Uni kommt, kann man entwerfen.“ Aber es fehlt jede Menge Fachwissen, das man sich nur in der Praxis aneignen kann. Und sie musste damit leben, dass falsche Entscheidungen für das eigene Büro unglaublich teuer sein können. „Schon mit 27 können einem Millionenprojekte um die Ohren fliegen.“ Auch auf diese nervliche Belastung war sie nicht vorbereitet.

Die Konjunkturpakete haben neue Bauprojekte aus dem Boden schießen lassen, der Markt hat sich insgesamt erholt. 2008 waren aber noch mehr als 8000 Architekten und Bauingenieure arbeitslos – eine Quote von 6,7 Prozent. Überstunden sind selbstverständlich, die Chefs vieler Büros setzen Mehrarbeit einfach voraus. Es gilt das Motto: Je mehr jeder Einzelne leistet, desto weniger Mitarbeiter braucht ein Büro, desto günstiger werden die Projekte, desto mehr Kunden kann man anlocken.

Das trifft gerade die jüngsten und unerfahrensten Mitarbeiter am härtesten. In den ersten beiden Berufsjahren, in denen sie sich ihre Kammerzulassung erarbeiten, verdienen sie nur zwischen 1000 und 2000 Euro brutto – trotz der mindestens sechsjährigen Ausbildung. „Viele studieren sogar sieben bis acht Jahre, um währenddessen Berufserfahrung zu sammeln“, sagt Thomas Welter, Wirtschaftsreferent bei der Bundesarchitektenkammer. Ohne Praktikumserfahrung hätten Berufsanfänger auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance.

Viele Architekturstudenten, die während ihres Studiums aber in Büros arbeiten, finden dort auch ihre erste Stelle. Immer wieder gebe es auch Fälle in renommierten Büros, wo bis zu einem halben Jahr umsonst gearbeitet würde. „Für den Lebenslauf“, so Welter. Doch die große Diskrepanz zwischen Verdiensten erfahrener Architekten und Berufseinsteigern egalisiere sich in den ersten zehn Jahren. „Die Gehälter erhöhen sich im Schnitt um 50 Prozent.“

Anna Gephart wechselte 2007 in ein neues Büro, wo sie gleich eine Bauleitung übernehmen durfte. „Das ist sehr anstrengend, aber eine wirklich wichtige Erfahrung“, sagt die 32-Jährige. Seit anderthalb Jahren ist sie Projektleiterin. Man müsse sehr schnell lernen, ein Team zu leiten, Aufgaben zu delegieren, harte Verhandlungen mit Bauherren und Handwerkern zu führen. Erst bekam sie einen Hörsturz, dann einen Tinnitus. Fast alle Freunde, die auch als Architekten arbeiten, hätten Ähnliches erlebt: „Nur spricht niemand darüber, wie groß die gesundheitliche Belastung ist.“ Sie zwingt sich dazu, zweimal in der Woche zum Sport zu gehen, um einen Ausgleich zu haben.

Viele Studienanfänger stellen sich den Beruf vor wie ihr Studium, in dem viele Entwürfe entwickelt werden. „Der Berufsalltag besteht aber nur zu zehn Prozent aus Gestaltung“, schätzt Welter. Viele Disziplinen müssten vereint werden, von der Gestaltung über die Organisation der Finanzen bis zu rechtlichem Fachwissen. „Es ist wichtiger, dass man weiß, wie man ein Dach dichtet, als wie man ein Museum plant, sagt Welter. Recherche, Bürokratie und Organisation seien der größere Bestandteil der Arbeit.

Das Geschäft ist hart, doch Anna Gephart bereut ihre Berufswahl nicht. „Mit einer guten Ausbildung hat man tausend Möglichkeiten.“ (HB)

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