Teamarbeit : Jeder an seinem Platz

Ob im Studium oder Beruf, es gibt kaum etwas, bei dem Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinanderliegen wie bei der Teamarbeit. Eine Typologie

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Immer im Rudel: An der Universität sind Studenten häufig in Gruppen unterwegs. -Foto: dpa

Karin hasst Frank. Frank hasst Karin. Beide können Hannah nicht leiden. Hannah wiederum hält sich für sehr beliebt. Deshalb lästert sie mit Karin über Frank und mit Frank über Karin. Dennoch hat er mit den anderen etwas gemeinsam: Sie alle müssen in derselben Gruppe zusammen eine Präsentation erarbeiten.

Ob Studium oder Beruf, es gibt kaum etwas, bei dem Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinanderliegen wie bei der Teamarbeit. Der Mythos vom Team sagt: Gemeinsam ist besser als einsam, denn je mehr kluge Köpfe mitarbeiten, desto mehr gute Ideen gibt es.

Die Wirklichkeit sieht häufig anders aus: Jeder kämpft für sich. Oder falls das gemeinsame Projekt aus dem Ruder läuft, sogar jeder gegen jeden. Ein Teil der Gruppe spekuliert von Anfang an darauf, dass sich ein oder zwei Blöde finden, die alle Aufgaben allein bewältigen – natürlich im Namen der gesamten Gruppe, welche die Ergebnisse vor der Präsentation großzügig absegnet (ohne an Kritik zu sparen). Im Lauf langwieriger und nervtötender Organisationstreffen drängt sich jedoch auch den Arbeitsscheuen in der Gruppe zunehmend der Eindruck auf, das Ganze hätte jeder allein vermutlich schneller und besser erledigt.

Und jetzt? Einfach alles hinschmeißen und sagen: „Mit diesen Menschen kann ich nicht arbeiten?“ Hätten viele nicht genau das bereits gern gemacht, als der Deutschlehrer damals die Gruppenarbeit erzwang? Das Problem ist: Wenn jemand nicht mit einer Gruppe zurechtkommt (auch wenn sie noch so ineffizient ist), fällt das nie auf die anderen, sondern immer auf ihn selbst zurück. Wer darauf drängt, allein arbeiten zu dürfen, gilt als überheblich, unsozial, untragbar. Als nicht teamfähig abgestempelt zu werden, kann die Karriere erheblich behindern.

Deshalb empfiehlt es sich, nach außen auch zum schlechten Teamspiel immer eine gute Miene zu machen. Die richtige Strategie nach innen: mitarbeiten und darauf achten, dass dies auch die anderen tun. Dafür ist es wichtig zu erkennen, wie die anderen Teammitglieder ticken. Denn im Wesentlichen finden sich in jedem Team ganz bestimmte Typen wieder: das Alpha-Tier, der Trittbrettfahrer, der Klassenclown, der Stänkerer, der Harmoniesüchtige und die Schlafmütze (in der Praxis gibt es natürlich auch Mischtypen, die sich je nach Tagesform unterschiedlich einbringen). Wenn erst einmal klar ist, um welchen Typen es sich bei einem Teammitglied handelt, gibt es passende Strategien, um die Person einzubinden. Hätten Karin, Frank und Hannah das doch bloß gewusst.

DAS ALPHA-TIER

Mangelndes Selbstbewusstsein kennt das Alpha-Tier nicht. Breitbeinigkeit ist seine Lebens- und Geisteshaltung: ob in der Disko oder in der Sauna, sogar beim Einkaufen im Supermarkt. Natürlich gilt das auch im Seminarraum oder im Unternehmen, wenn es um die Zusammenarbeit mit den Kollegen geht. Das Alpha-Tier kann alles, weiß alles – und das natürlich auch noch viel, viel besser als der lästige Rest um ihn herum. Davon ist es jedenfalls selbst fest überzeugt.

Die Realität ist anders. Das Alpha-Tier kann zweifellos viel, weiß einiges – und doch macht einer allein noch keine Gruppe. Allerdings hat diese Person eine überaus wichtige Begabung: Sie kann führen. Also angenommen, die Gruppe ist in der Krise und streitet sich sinn- und endlos etwa über ein Komma im Satz, dann kann das Alpha-Tier energisch auf den Tisch hauen. Und dafür sorgen, dass wieder der erfolgreiche Abschluss der Gruppenarbeit in den Mittelpunkt rückt. Das Problem ist nur: Um seinem Führungsanspruch gerecht zu werden, tritt das Alpha-Tier oft so dominant auf, dass andere Gruppenmitglieder eingeschüchtert werden und ihre Kreativität gar nicht erst abrufen. Allzu gern verlassen sich auch viele auf den Vorturner, der sich im Gegenzug beklagt, alles allein machen zu müssen. Sein Lieblingssatz könnte heißen: „So ein ähnliches Problem habe ich schon mal auf der Hochbegabten-Akademie gelöst.“

So wird er oder sie am besten in die Gruppenarbeit eingebunden: Das Alpha-Tier sollte mit seiner Durchsetzungskraft der Gruppe helfen, ohne dass die Veranstaltung zur „One Man Show“ wird. Das funktioniert am besten, wenn es viele organisatorische Aufgaben übernimmt wie Treffen ansetzen oder telefonisch den Zwischenstand der Arbeit abfragen.

DER KLASSENCLOWN

Lustig, lustig, tralalala, schon ist der Klassenclown da. Bereits seit er in der dritten Klasse die volle Aufmerksamkeit seiner Schüler dafür erhielt, dass er seinen Kakao durch die Nase getrunken hatte, hält er sich für den geborenen Entertainer. Er scheint sich tatsächlich sicher zu sein: Die anderen lachen nicht über ihn, sondern mit ihm. Deshalb reißt er ununterbrochen Witze – zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Mit übertriebenem Körpereinsatz spielt er die Auftritte von schlechten Comedians nach. Dann macht er schnell noch ein paar blöde Bemerkungen zu den Klamotten anderer Gruppenmitglieder. Dabei käme ihm nie in den Sinn, dass seine Lieblings-Donald-Duck-Socken mehr als nur lächerlich sind. Wenn in der Gruppe alles aus dem Ruder läuft, findet der Klassenclown das lustig und erfrischend. Wenn alles einigermaßen gut läuft, ist er erst recht gut drauf. Ein bisschen Spaß muss und darf ja auch sein. Und ist gut für die Stimmung. Aber an diesem Hanswurst mit Hang zum Zappelphilipp und seinen höchst albernen Wortwitzen („Guck mal, ein Schlepptop!“) ist wirklich ein Moderator für das Kinderfernsehen verloren gegangen. Für eine Gruppe normal beschaffener Erwachsener ist er auf Dauer wirklich zu anstrengend. Zu seinen Lieblingssätzen könnte der gehören: „Alles Chlor, Leute?“

So wird er oder sie am besten in die Gruppenarbeit eingebunden: Er hält sich für einen überaus begnadeten, bewundernswerten Komiker. Das Gegenteil lässt sich leicht beweisen: Keiner darf lachen. Sollte das noch nicht reichen, kann man erwägen, ob sich alle gleichzeitig mal eine Stunde lang wie der Klassenclown aufführen. Vielleicht merkt der Möchtegern-Clown es ja dann.

DER STÄNKERER

Probleme, Probleme, Probleme. Der Termin ist ungünstig. Das Vorhaben ist zu kompliziert und zu aufwändig. So wie geplant lässt sich bei der Präsentation auf gar keinen Fall etwas reißen. Am besten die Gruppe packt gleich wieder ein. Der Stänkerer ist der klassische Bedenkenträger: nur dass diese Bezeichnung viel zu nett und harmlos für ihn ist. Die bloße Teilnahme an dieser ach so unproduktiven Gruppenarbeit ist weit unter seiner Würde. Er wirkt wie ein militanter Vegetarier, der aufgefordert ist, eine Rinderroulade in Specksoße zuzubereiten und zu verspeisen.

Da aus seiner Perspektive grundsätzlich alle Ideen erst mal schlecht sind, hat er selbst sicherheitshalber natürlich keine. Dafür zerlegt er mit umso größerer Energie jeden Vorschlag der anderen so lange in Einzelteile, bis die völlige Untauglichkeit zweifelsfrei erwiesen ist. Der Stänkerer zieht so nicht nur die Stimmung in der Gruppe herunter, sondern kann im Extremfall auch den gesamten kreativen Prozess lahm legen.

Sein Lieblingssatz könnte lauten: „An einer ähnlichen Aufgabenstellung sind schon meine letzten drei Arbeitsgruppen gescheitert.“

So wird er oder sie am besten in die Gruppenarbeit eingebunden: Damit der Stänkerer möglichst wenig zu beklagen hat, sollte er von Anfang an offensiv in alle Entscheidungen einbezogen werden. Wenn das nichts nützt, hilft nur noch die Konfrontation: „Du machst alles mies und arbeitest nicht mit.“ Als Ultima Ratio kann der Rest der Gruppe den Klassenclown auf die Nervensäge hetzen – mal schauen, wie der Stänkerer es findet, wenn er in seiner destruktiven Art ununterbrochen nachgeäfft wird.

DER TRITTBRETTFAHRER

Während die anderen intensiv diskutieren, sitzt der Trittbrettfahrer ruhig und scheinbar teilnahmslos da. Doch er ist sehr aufmerksam. Wann immer – sei es auch nur in einem Nebensatz – eine gute Idee zur Sprache kommt, merkt er auf. Doch anstatt „großartig“ zu rufen und den Ideengeber zu beglückwünschen, wartet er noch einige Minuten. Dann schlägt seine Stunde: „Für mich ist die Sache völlig klar. Mein Vorschlag ist, dass...“ – wobei er mit anderen Worten die fremde Idee referiert. Kurzum: Der Trittbrettfahrer erkennt gute Ideen sofort und gibt sie als die eigenen aus.

Er verhält sich also genauso wie ein Schüler, der in der Mathearbeit die ganze Zeit beim Sitznachbarn abschreibt – und hinterher bei den Mitschülern penetrant mit seiner Eins minus angibt. Wenn es um die Umsetzung des Ganzen geht, hält er sich dann gern zurück. Schließlich kann er sich darauf berufen, die Diskussion entscheidend beeinflusst zu haben.

Sein Lieblingssatz: „Wichtige Ideen sind kein Zufall, sondern harte Arbeit.“

So wird er oder sie am besten in die Gruppenarbeit eingebunden: Am klügsten ist, den Trittbrettfahrer so oft wie möglich als Ersten zu einer Antwort aufzufordern – dann muss er selbst etwas beitragen. Wenn er eine Idee klaut, sollte der eigentliche Urheber freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen, so in der Art: „Ich finde es gut, dass du diesen Vorschlag von mir übernommen hast.“ Aber: Es spricht auch nichts dagegen, die Spürnase des Trittbrettfahrers zu nutzen. Ihm entgeht einfach keine gute Idee.

DER HARMONIESÜCHTIGE

Lieber Himmel, dieser Mensch ist ja so nett, handzahm und zuvorkommend: Sich mit dem Harmoniesüchtigen zu streiten, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Kaum entsteht auch nur der Ansatz der Möglichkeit einer kleinen Konfrontation, weicht er zurück. Der Harmoniesüchtige kämpft nicht für eigene Vorschläge, auch wenn sie brillant sind. Dafür gewinnt er fremden Vorschlägen nur das Beste ab, auch wenn sie unfassbar dämlich sind. Über den Harmoniesüchtigen darf jeder gemeine Witze reißen – er lacht dann schon aus Höflichkeit mit, ohne auf gleiche Weise zurückzuschießen. Im Studentenwohnheim oder einer x-beliebigen anderen WG ist er der perfekte Mitbewohner, weil er die ekligen Rückstände der anderen im Bad lieber still und leise selbst wegschrubbt, als das Hygiene-Drama zur Sprache zu bringen. Praktisch. Doch in der Gruppenarbeit ist Streit wie das Salz in der Suppe. Zu viel führt zu einem grässlichen Nachgeschmack. Aber zu wenig führt zu einem faden Ergebnis.

Sein Lieblingssatz: „Jetzt verhaltet euch doch bitte friedlich – womit ich eure Art zu diskutieren nicht kritisieren wollte, ehrlich nicht, das dürft ihr jetzt nicht falsch verstehen, bitte.“

So wird er oder sie am besten eingebunden: Der Harmoniesüchtige ist leicht zu überreden, auch die unbeliebtesten Aufgaben zu übernehmen (Archiv-Recherche, kopieren, Kuchen backen). Sollte ihm doch mal der Geduldsfaden reißen und er sich zu echtem menschlichen Widerstand hinreißen lassen: umso besser. Vielleicht bringt er sich dann auch mal ganz normal in die Gruppe ein.

DIE SCHLAFMÜTZE

Die Schlafmütze kommt oft zu spät und dann noch nicht mal mit. Eine Bequemlichkeit, die in jedem Menschen steckt, nur dass die meisten sie nicht so hemmungslos rauslassen. Ihren Namen hat die Schlafmütze, weil sie gern auch schon mal wegdöst. Oder zumindest lieber aus dem Fenster an die kahle Betonwand gegenüber starrt, als der Flip-Chart-Präsentation zu folgen oder sich an der Diskussion zu beteiligen. Seine Rechnung (die einzige, die er im Verlauf der Gruppenarbeit anstellt): Einen Totalausfall kann jede Gruppe gerade noch verkraften. Dass er mit dieser Nummer durchkommt, hat ja auch etwas Sympathisches. Schließlich würden es ihm viele gern gleichtun. Trotzdem ist er eine Belastung für die Gruppe, alle anderen müssen mehr arbeiten.

Sein Lieblingssatz: „Das ist ja alles so unglaublich anstrengend.“

So wird er oder sie am besten in die Gruppenarbeit eingebunden: Um seine Anwesenheit sicherzustellen, wäre es sinnvoll, die Treffen bei ihm im Büro oder am besten gleich bei ihm zu Hause abzuhalten. Sinnvoll ist, der Schlafmütze überschaubare, langsam größer werdende Aufgaben zu übertragen und sie dabei regelmäßig zu kontrollieren.

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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