Thinktanks : Arbeiten im Politik-Labor

Berliner Forschungsinstitute analysieren die Welt – und bieten Nachwuchswissenschaftlern Jobchancen. Wie Berliner Thinktanks funktionieren.

Tina Hüttl

Schon während seines Politikstudiums hat Christoph Süß die großen Denkfabriken in Berlin von innen kennengelernt: Er war Praktikant bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und dem German Marshall Fund (GMF). „Mich fasziniert die Idee, die hinter einem Thinktank steckt“, sagt Süß. Er sieht in ihnen vor allem eine Plattform zum Austausch für Ideen und Argumente. „Für mich als Politikwissenschaftler ist das ein spannendes Arbeitsfeld.“Derzeit arbeitet der 27-jährige Student in der Marketingabteilung der ebenfalls in Berlin ansässigen Atlantischen Initiative, einer überparteilichen, unabhängigen Einrichtung, die junge Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien vernetzt und täglich Analysen zur internationalen Politik und Globalisierung auf ihrer Homepage veröffentlicht.

Nachwuchswissenschaftler wie der Politikstudent Süß haben gute Chancen, bei der Initiative einen Job zu finden: „Wir suchen gute Leute“, sagt Geschäftsführer Johannes Bohnen. Sie sollten im Onlinebereich fit sein, sehr gut englisch sprechen und sich mit internationalen politischen Themen auskennen. Dabei spiele es keine Rolle, ob sich die jungen Akademiker auf China spezialisiert haben oder den mittleren Osten. Voraussetzung ist allein, dass sie politisches Verständnis mitbringen und eine akademische Ausbildung. „Die Arbeit ist außergewöhnlich spannend“, sagt Bohnen. Dafür verdiene man allerdings nicht so viel – wie das auch in anderen Kommunikationsfeldern üblich sei.

Die vor drei Jahren gegründete Initiative ist nur eines von vielen Beispielen. Spätestens seit dem Siegeszug des Internets blüht die Thinktank-Landschaft in Deutschland, denn das Netz gehört zu den wichtigsten Kommunikationswegen der Einrichtungen. Über 130 der auch als Denkfabriken bezeichneten Thinktanks gibt es bundesweit, weltweit wird ihre Zahl auf etwa 4000 geschätzt. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff Thinktank?

Der Terminus entstand während des Zweiten Weltkrieges in den USA: Das Wort „tank“ bezeichnete einen abhörsicheren Ort, in dem Experten über neue Kriegsstrategien und Invasionspläne nachdachten („think“). In den achtziger Jahren eroberten Thinktanks dann die Welt. Längst haben sie ihr auf militärische Analysen beschränktes Terrain verlassen und mischen in allen wichtigen Politikbereichen wie der Außen-, Innen-, Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik mit.

Martin Thunert von der Universität Frankfurt erforscht seit Jahren das weite Feld der Denkfabriken: „Thinktanks sind privat oder öffentlich finanzierte Forschungsinstitute, die die Politik und Öffentlichkeit mit Argumenten und Studien begleiten und beeinflussen wollen“, erklärt er. Das Spektrum von Organisationen und Instituten, die sich dahinter verbergen, reicht in Deutschland von den etwa zwei Dutzend staatlich finanzierten akademischen Forschungsinstituten wie dem IFO-Institut in München über große außen-, friedens- und sicherheitspolitische Denkfabriken wie der Berliner SWP bis hin zu privat-, partei- oder mischfinanzierten Organisationen wie der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh.

„Die großen, staatlich finanzierten Institute alten Schlages, in denen viele renommierte Wissenschaftler Grundlagenforschung betreiben, sind in die Defensive geraten“, sagt Thunert. Immer wichtiger und medial präsenter seien seit einigen Jahren kleinere, spezialisierte Thinktanks, die für ein klares Paradigma und eine bestimmte politische Richtung eintreten. Er nennt sie den advokatischen Typus: „Sie verstehen sich als Wissens- und Ideenmakler, die stärker die Kampagne und die Kommunikation ihrer Ergebnisse im Auge haben.“ Deshalb haben sich seit dem Hauptstadtumzug eine Vielzahl dieser neuen Denkwerkstätten in Berlin angesiedelt. Denn: Hier finden sie die Nähe zu Abgeordneten, Ministerien, Medien und anderen Entscheidungsträgern. Äußerst erfolgreich kann sich etwa das im Jahr 2000 gegründete Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung behaupten, das die weltweiten demografischen Veränderungen erforscht und Konzepte für einen nachhaltigen Politikwandel erarbeitet. In Berlin präsent zu sein, ist dabei entscheidend für den Einfluss auf die Politik. „Praktiker schätzen gerade die direkten mündlichen Beratungen“, sagt Thinktank-Experte Thunert. Mitunter seien die Grenzen zu Lobbyismus und PR aber fließend. Seriöse Institute achteten auf Unabhängigkeit, indem sie sich aus verschiedenen Geldquellen finanzierten.

Wie erfolgreiche Arbeit eines Thinktanks aussehen kann, zeigte zum Beispiel die Denkfabrik Berlinpolis. Gründer und Vorsitzender Daniel Dettling wollte erreichen, dass endlich auch die Perspektiven der jungen Generation diskutiert werden. Mit verschiedenen Wissenschaftlern verfasste er Positionspapiere zum Thema Generationengerechtigkeit, mit denen er über Monate auf Tour durchs Parlament ging. Er versuchte vor allem junge Abgeordnete zu gewinnen, ein parteiübergreifendes „Memorandum für mehr Generationengerechtigkeit“ zu unterzeichnen. Das Konzept ging auf: „Wir haben das Thema auf die Agenda der Politik gesetzt“, sagt er. „Die Zeit war reif und auch die Medien waren dafür aufgeschlossen.“Agenda-Setting gehört neben dem Netzwerken zur Hauptarbeit von Thinktanks. Mittlerweile hat sich Berlinpolis Themen wie Bildung, Klimawandel und Integration zugewandt.

Zum richtigen Zeitpunkt mit Vorschlägen aufwarten – das ist eine wichtige Grundregel für den Erfolg von Think Tanks. „Denken auf Vorrat“ nennt das der Experte Thunert. Doch wie sehr lenken die Denkwerkstätten die öffentliche Meinung und Tagespolitik tatsächlich? Seit ein paar Jahren würden die kurzen, meinungsstarken Positionspapiere der Thinktanks gut ankommen und häufig zitiert, sagt Thunert. Statt von Einfluss spricht er aber lieber von Präsenz: „Keine Frage, auf dem Feld der Medienpräsenz haben die Thinktanks gegenüber reinen Universitätsforschern in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.“

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