Trotz Hauptschule : Der Weg nach oben ist offen

Hauptschüler haben es beim Einstieg in den Job oft schwer. Ist die Ausbildung aber gut gelaufen, dann stehen ihnen viele Türen offen.

Henning Zander

In dem kleinen Bahnhof von München Trudering fing 1975 die Karriere von Thomas Schmidergall an. Er lernte dort bei der Deutschen Bahn und wurde Rangierer, stieg dann zum Rangierleiter und später zum Chef der Rangierleiter auf. Nebenbei qualifizierte er sich zum Ausbilder und anschließend zum Trainer und wechselte schließlich zur Personalentwicklung der Güterverkehrssparte der Bahn nach Mainz. 2008 bekam er die Chance, als Teamleiter nach Frankfurt zu gehen. Er nahm sie war – und konzipiert heute in der Stadt am Main Trainingskonzepte für Fahrzeugführer.

Am Anfang seiner Ausbildung in Trudering hat wohl niemand damit gerechnet, dass er es beruflich weit bringen würde. Schmidergall hat nie studiert, nicht das Abitur gemacht. Er war Hauptschüler – und hat dennoch Karriere gemacht.

Auch wenn berufliche Aufstiege wie die von Schmidergall nicht die Regel sind. Es ist das erklärte Ziel des deutschen Bildungssystems, solche Karrieren zu fördern. Unternehmen sind aufgefordert dazu beizutragen, dass für Hauptschüler die Ausbildung nicht zu Sackgasse wird.

So setzt etwa die Deutsche Bahn auf differenzierte Mitarbeiterentwicklung. Je nach Vorerfahrung und Ausbildung wird dort, vom Gleisbauer bis zum Manager, jeder Mitarbeiter online über mögliche Entwicklungswege informiert und erfährt, welche Weiterbildungen, Lehrgänge und Studiengänge sich für ihn anbieten. „Die Durchlässigkeit des Systems steht an erster Stelle“, heißt es bei der Bahn. Jeder solle die Chance bekommen, sich nach seinen Fähigkeiten zu entwickeln.

Die Möglichkeiten sind vielfältig. So kann sich zum Beispiel ein Elektroniker zum Elektrotechniker weiterqualifizieren, ein Metallbauer zum Techniker mit der Fachrichtung Maschinentechnik. Bürokaufleute haben die Möglichkeit, sich zu staatlich geprüften Betriebswirten ausbilden zu lassen.

„Natürlich haben Hauptschüler gegenüber Abiturienten Defizite. Man muss daran arbeiten und immer offen für Neues sein“, sagt Schmidergall. Er selbst ist stetig dabei, sich weiterzubilden. Gerade bessert er für den Beruf sein Englisch auf.

Je tiefer man im Berufsleben steckt, desto weniger spielt der Schulabschluss noch eine Rolle. „Im Betrieb redet keiner mehr darüber, wer welche Schule besucht hat“, sagt Martin Stöckmann von Siemens in Berlin. „Wer es zum Facharbeiter gebracht hat, kann sich zum Industriemeister weiterbilden oder die Technikerschule besuchen.“

Solche Fortbildungen kosten. Nicht immer zahlt der Arbeitgeber. Absolventen, die ihre Ausbildung besonders erfolgreich abgeschlossen haben, sollten sich nach Fördermöglichkeiten erkundigen. So bietet etwa die Begabtenförderung des Bundes für Absolventen, die die Ausbildung mit der Note 1,9 oder besser bestanden haben, Stipendien für Weiterbildungen an. Gefördert werden fachbezogene berufliche Qualifikationen sowie Vorbereitungskurse für Aufstiegsfortbildungen, die zum Meister, Techniker oder Betriebswirt qualifizieren. Aber auch Kompetenzen wie Fremdsprachenkenntnisse, Rhetorik oder Mitarbeiterführung werden unterstützt.

Für Hauptschüler ist es schwer, neben Realschülern und Abiturienten zu bestehen. Die Anforderungen für Ausbildungsberufe steigen. Selbst bei Handwerksberufen müssen sie mit den besseren Abschlüssen konkurrieren. Doch wer erst einmal einen Ausbildungsplatz gefunden hat, kann zeigen, dass er mithalten kann.

Auch in den klassischen Handwerksberufen indes muss mit der Ausbildung nicht die Karriere enden. Als Maler, Lackierer, Maurer oder Frisör kann man sich in seinem Fach weiterentwickeln, bis hin zum Meister mit eigenem Betrieb.

Hauptschulabsolventen haben durchaus auch etwas zu bieten. Christian Schiller ist Malermeister in Zehlendorf und bildet Azubis aus. Er ist begeistert, wie sich gerade viele Hauptschüler für ihren Job engagieren. „Sie gehen mit ihren Chancen viel bewusster um“, sagt der 48-Jährige. Er kann sich gut einfühlen in seine Azubis. Er weiß wie das ist, stigmatisiert zu werden. Schiller selbst hat die Schule ohne Abschluss verlassen. Doch sein ehemaliger Chef gab ihm die Möglichkeit, bei ihm anzufangen. Die Lehre hat er mit „Sehr gut“ abgeschlossen, bei verkürzter Lehrzeit. Als Schiller 24 Jahre alt war, ging er auf die Meisterschule.

Er habe Sachverhalte immer schnell verstanden. „Aber ich konnte sie nicht gut zu Papier bringen“, sagt er. Tag und Nacht hat Schiller damals gelernt. „Ich wollte mir keine Blöße geben“, sagt er. Seit 22 Jahren führt er nun erfolgreich seinen Malerbetrieb. Immer wieder bildet er auch Schulabgänger ohne Abschluss aus.

„Entscheidend ist nicht das Label Hauptschule, sondern was jeder Einzelne für den Beruf mitbringt“, sagt der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Ulrich Wiegand.

Das sieht auch Schmidergall von der Deutschen Bahn so. Zu schnell werde man als Hauptschüler stigmatisiert. Auch er hatte damit zu kämpfen. „Die Selbstsicherheit kommt im Job“, sagt er.

Man müsse viel Einsatz zeigen, um mit einem Hauptschulabschluss auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Aber wichtig seien auch Vorgesetzte, die Potenziale erkennen und fördern, so Schmidergall. Er hatte das Glück, auf solche Förderer zu treffen.

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