Umweltindustrie : Im Aufwind

Deutschlands Umweltindustrie macht bald mehr Umsatz als der Fahrzeugbau. Die grüne Industrie ist der große Profiteur des Klimawandels.

Florian Willershausen
Windräder Foto: dpa
Früher mussten Windanlagenbauer noch mit Bürgerinitiativen kämpfen. Heute sind die Anlagen politische gewollt und gesetzlich...Foto: dpa

Ein US-Fallschirmjäger ist im Einsatz bis unter den Helm mit Elektronik voll gepackt. Auf der Nase sitzt ein Nachtsichtgerät, im Zielvisier steckt ein Laser, in der Brusttasche ein Mini-Laptop mit Navigationssystem. Mit so viel energiehungriger Hightech müsste der GI eigentlich alle paar Stunden an die Ladestation. Muss er aber nicht. Denn er trägt eine mobile Steckdose mit sich, auf der „made in Germany“ steht.

Die ersten US-Soldaten werden für Feldmanöver mit hochmodernen Brennstoffzellen ausgestattet, die der deutsche Technologie- und Marktführer Smart Fuel Cell (SFC) hergestellt hat. Sie sind umweltfreundlich, superleicht und laufen wochenlang zuverlässig. Nur ziemlich teuer sind sie, doch das stört die Generäle im Verteidigungsministerium in Washington nicht.

Für Vorstand Jens Müller, 35, war dieses Projekt wie ein Ritterschlag. „So einen Auftrag vergibt die US-Army auch ganz gern mal im eigenen Land“, sagt er lächelnd. „Dass wir den Zuschlag bekommen haben, zeigt uns, wie führend in diesem Feld deutsche Technologie ist.“ Nicht nur mit der lange totgesagten Brennstoffzelle mischen die Deutschen den Markt auf. Auch mit erneuerbaren Energien, bei der Herstellung verbrauchsarmer Haushaltsgeräte oder umweltfreundlicher Verfahrenstechnik sind deutsche Hersteller wie SFC oft Technologie- und sogar Weltmarktchampions.

Die meisten Firmen, die heute der Umweltindustrie zugeordnet werden, galten vor ein paar Jahren noch als chancenlose Startups, ihre Gründer wurden allenfalls müde belächelt und hatten aus Sicht gestandener Industrieller nichts als Flausen im Kopf. Inzwischen gibt es Prognosen, dass die Umweltindustrie in ein paar Jahren mehr Umsatz machen wird als der Fahrzeug- und Maschinenbau. Das hat Roland-Berger-Berater Torsten Henzelmann ausgerechnet: Auf 1000 Milliarden Euro Umsatz könnte die junge Branche im Jahr 2030 kommen; dem Fahrzeugbau wird für das gleiche Jahr nur ein Umsatz von 570 Milliarden Euro prognostiziert. Auch auf dem Arbeitsmarkt wird sich dieser Trend bemerkbar machen. Allein durch erneuerbare Energien sollen in 25 Jahren mehr als eine halbe Million Jobs entstehen. Henzelmann: „Die grüne Industrie ist ein Jobmotor, der allmählich auf Hochtouren läuft.“ Sie ist der große Profiteur des Klimawandels.

Zu den Gewinnern zählen Elektrotechnik-Unternehmen wie Miele, die ihre Waschmaschinen verbrauchsarm und langlebig bauen – und damit schon ewig Werbung machen. Möglich, dass den Kunden im Zeichen des Klimawandels auch ein paar Hundert Euro Mehrpreis, den sie für eine Miele-Maschine gegenüber Billigprodukten bezahlen müssen, egal sind. Profitieren werden auch Heizungsbauer, die alte Öl- und Gasheizungen vermehrt auf erneuerbare Energien umstellen können. Oder Bauunternehmen, die neue Bewässerungssysteme oder Kläranlagen hochziehen. Und natürlich die Hersteller erneuerbarer Energiesysteme.

Enercon hat lange auf eine frische Brise Aufschwung gewartet. Als Stefan Lütkemeyer 1996 bei dem Windenergieunternehmen einstieg, war er Vertriebsmitarbeiter Nummer zwei. Da gab es das Unternehmen schon zwölf Jahre. Damals gehörte es zum Job der Anlagenbauer, mit Bürgerinitiativen und Rechtsanwälten zu kämpfen, wenn Enercon auf einem Dorfhügel eine Windkraftanlage errichten wollte. Seit Ende der 90er Jahre ist Windkraft politisch gewollt – und gesetzlich gefördert. Das brachte Enercon Wind unter die Flügel. Heute ist Lütkemeyer, 41, Chef von 100 Vertriebsleuten, die rund um den Globus Windräder verkaufen. Die Ostfriesen haben mehr als 11 000 Anlagen aufgestellt, und das ist erst der Anfang: „Wir sind auf einem gigantischen Markt aktiv“, sagt Lütkemeyer, „die Nachfrage ist einfach viel größer als das Angebot.“ Und Windkrafttechnologie kommt heutzutage entweder aus Deutschland oder aus Dänemark.

Auch wenn sie heute nicht mehr belächelt werden – in der Umweltbranche findet sich oft derselbe Unternehmertyp: der idealistische Visionär mit Mut zum Risiko, voller Tatendrang, mit starkem Willen und oft auch einer Portion Idealismus. Bernhard Beck musste einmal zusehen, wie die Ernte des Bauernhofs seines Vaters vertrocknete. 1999 war das, ein heißer Sommer im Fränkischen. Beck war damals 21, studierte Medientechnologie und dachte nach, wie er seinem Vater helfen könnte. Irgendwie kam er auf das Thema Solarenergie – und legte los. Heute ist Bernhard Beck 29, Geschäftsführer von Beck Energy und baut in ganz Europa Solarkraftwerke. 22 Anlagen hat er hierzulande aufgestellt, allesamt im sonnenreichen Bayern und in Baden-Württemberg. Inzwischen wurde in Spanien das erste Werk eingeweiht, auch Italien, Portugal und Griechenland hat der Unternehmer im Visier. Das Studium hat er längst hingeworfen. Stattdessen beschäftigt er 85 Mitarbeiter, schon in ein paar Monaten sollen es mehr als hundert sein.

Solarkraftwerke bestehen aus modernen Solarzellen, die wie ein riesiger Teppich über freie Feldflächen verlegt werden – vor allem über jene, auf denen wegen hoher Sonneneinstrahlung sowieso nichts mehr wächst. Die süddeutschen Bauern, denen Beck Solarkraftwerke auf die Äcker gestellt hat, hätten früher nervös die Wettervorhersagen verfolgt. „Heute lehnen die sich ganz entspannt zurück“, sagt Beck, „die Einnahmen aus der Stromeinspeisung gleichen Ernteausfälle in trockenen Sommern allemal aus.“

Beck ist überzeugt: „Die Solartechnologie steckt noch ganz am Anfang, eines Tages wird sie einen großen Teil fossil erzeugten Stroms ersetzen.“ Rund zehn Prozent des gesamten Strombedarfs, meint der Unternehmer, könnten in 15 Jahren mit Hilfe der Sonne gedeckt werden. So viele Energiestunden können Solarkraftanlagen aber allein nicht schaffen, meint Beck. Das funktioniere nur, wenn sich Privatleute und Unternehmer Solarzellen aufs Dach montieren und ihren Strombedarf selbst erzeugen. „Ich glaube, das wird in wenigen Jahren bei jedem Hausbau zur Selbstverständlichkeit.“ Den Trend will der Franke natürlich nicht verschlafen: Längst mischt der Kraftwerksbauer in diesem Geschäft mit und baut Privatkunden Solarzellen in kleinerer Stückzahl aufs Dach.

Die deutsche Umwelttechnik zählt zu den innovativsten Branchen der Welt. Doch das nützt wenig, wenn auch Wirtschaftsmächte wie die USA oder Japan aufwachen und Milliarden in ihre grüne Industrie investieren. Im Zuge der weltweiten Debatte um den Klimawandel sorgen sich viele Unternehmen, dass sie ihre Technologieführerschaft in einem weltweiten Hype um Umwelttechnik verlieren könnten. Brennstoffzellenhersteller Jens Müller sieht das gelassen: „Wir sehen uns als Eisbrecher, der den Weg für eine neue Technologie frei räumt. Wenn ein paar weitere Eisbrecher im Einsatz wären, würde das viel schneller gehen.“

Auch Müller hatte Visionen, für die ihn vor 15 Jahren manch einer zum Psychologen geschickt hätte: Handys, Verkehrsschilder, Wohnmobile, Gehstühle, Rasenmäher, Kaffeemaschinen, Rasierapparate – das alles und noch viel mehr könnte eines Tages mit Brennstoffzellen betrieben werden. Umweltschädliche Energiequellen wie Batterien, Gas, Benzin oder Diesel hätten damit ausgedient. Aus manchen dieser Ideen ist Wirklichkeit geworden. In Bad Tölz testen zurzeit vier Postboten ein Fahrrad, dessen Antrieb mit Brennstoffzellen unterstützt wird. In Berlin fahren Velotaxis mit Brennstoffzelle. Bald kommen Shopping-Mobile für Senioren in den Handel, deren Brennstoffzellen bis zu 5000 Betriebsstunden schaffen. Und auf Europas Straßen fahren schon über 4000 Wohnmobile des Herstellers Hymer, deren Methanol-Brennstoffzelle den Strombedarf deckt. „In Deutschland sind vier Millionen Wohnmobile zugelassen. Mit Brennstoffzelle fahren aber erst 0,2 Prozent. Da sehen Sie, was das für ein gewaltiger Markt ist“, sagt der promovierteChemiker. Jens Müller und sein Vorstandskollege Peter Podesser suchen sich die Vehikel aus, in die sie Brennstoffzellen einbauen.

Nur von einer Entwicklung wollen die Taufkirchener die Finger lassen: vom Auto mit Brennstoffzellenantrieb. Eine solche Entwicklung auf den Listen der großen Autokonzerne zu platzieren, scheint heute noch unmöglich. Fast so unmöglich wie der Zuschlag für einen Entwicklungsauftrag des Pentagons für ein deutsches Technologieunternehmen.

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