Weiterbildung : Die Trainings-Töchter

Viele Großunternehmen gliedern ihre Weiterbildungsabteilungen in eigene Gesellschaften aus. Die bieten ihre Kurse auch auf dem freien Markt an – und mischen damit kräftig den Wettbewerb auf.

Harald Olkus

Audi Akademie, Telekom Training, Volkswagen Coaching – schon die Namen verraten, wer hinter diesen Weiterbildungsträgern steckt. Viele große Konzerne wie Audi, Telekom, VW, aber auch Lufthansa oder Deutsche Bahn sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, ihre firmeneigenen Fortbildungsabteilungen in Tochtergesellschaften auszugliedern. Deren Angebot richtet sich dann nicht mehr nur an die Beschäftigten des Konzerns, sondern auch an externe Mitarbeiter. Auf dem hart umkämpften Weiterbildungsmarkt hat das deutliche Spuren hinterlassen.

„Für die Konzerne macht das Ausgliedern ihrer Trainings-Töchter durchaus Sinn, denn auf diese Weise können sie ihre Fixkosten reduzieren“, sagt Heinz Streicher, Marktforscher bei Lünendonk und Co-Autor der Studie „Status Quo und Perspektiven der beruflichen Weiterbildung in Deutschland 2007“. Das Tochterunternehmen müsse sich nun am Markt behaupten und daher seine Leistung steigern. Und der Konzern habe mehr Freiheiten bei der Wahl seiner Weiterbildungsanbieter.

Doch ändert sich durch das „Bildungs- Outsourcing“ auch etwas für die Mitarbeiter der betreffenden Unternehmen? Wird das Angebot besser oder schlechter, anspruchsvoller oder lascher? Weder noch, meint Heinz Streicher. „Für die Beschäftigten ändert sich eigentlich gar nichts“, sagt der Experte. „Denn wer bei einem großen Konzern beschäftigt ist, kann sich in der Regel ohnehin darauf verlassen, dass der Arbeitgeber ihm die bestmögliche Qualifizierung zukommen lässt.“ Außerdem sei ein Großteil der Mitarbeiter in den Weiterbildungsabteilungen auch früher schon damit beschäftigt gewesen zu „makeln“ – also für die eigenen Beschäftigten das beste Bildungsangebot am Markt zu finden. Denn weder eine firmeninterne Fortbildungsabteilung, noch eine externe Trainings-Tochter könne alle Fach- und Wissensbereiche abdecken.

Während die Beschäftigen den Outsourcing-Trend also gelassen verfolgen können, ändert sich für andere Mitspieler am Markt eine ganze Menge: Die alt eingesessenen, unabhängigen Weiterbildungsunternehmen haben durch diese Entwicklung enorme Konkurrenz bekommen. Konkurrenz durch Mitbewerber, die personell und technisch bestens ausgestattet sind, sich auf dem Markt gut auskennen – und darüber hinaus zumindest mittelfristig beim Konzern wohlwollende Prüfung bei der Auftragsvergabe erfahren. „Das Ausgliedern macht zwar wirtschaftlich nur Sinn, wenn die Tochter nach einer Übergangszeit von vielleicht zwei Jahren tatsächlich auf eigenen Füßen steht“, sagt Heinz Streicher. Bis es soweit sei, werde sie aber vermutlich oft bevorzugt behandelt, um sich auf die veränderten Bedingungen einstellen zu können.

Während dieser „Schonfrist“ werden die ausgegliederten Unternehmen zur doppelten Erschwernis für die freien Bildungsträger: Sie konkurrieren um externe Kunden und blockieren den Zugang zum Konzern. Die Trainings-Töchter dagegen können ihr Angebot nach der Ausgliederung verbreitern und ihre Leistungen auf dem gesamten Markt anbieten. Damit werden vorhandene Kapazitäten besser ausgelastet und die Unternehmen können wirtschaftlicher arbeiten.

Neu gewonnene Freiheiten, die man etwa bei Volkswagen Coaching kräftig nutzt. Das Unternehmen wurde vor zwölf Jahren in die Unabhängigkeit entlassen. Nach der Ausgliederung musste es nicht mehr ausschließlich den Bedarf des Konzerns im Blick haben, sondern konnte sich stattdessen darauf konzentrieren, was am Markt gefragt ist. Das hat dazu geführt, dass sich das Angebot von Volkswagen Coaching in den zwölf Jahren der Selbständigkeit enorm erweitert hat: Die Palette an Weiterbildungen ist groß – von der IT-Qualifizierung über die Schweißerprüfung bis hin zu Seminaren in Rhetorik, Führung oder Persönlichkeitsentwicklung. Außerdem hat der Bildungsträger Coaching und gezielte Karriereentwicklung für Führungskräfte im Angebot. Auch wirtschaftlich machte sich die neue Unabhängigkeit bemerkbar. Der jährliche Umsatz wuchs in diesem Zeitraum von rund 66 Millionen Euro im Jahr 1995 auf 132 Millionen Euro 2006, die Mitarbeiterzahl stieg von rund 540 auf etwa 730.

„Für die Volkswagen AG ist Volkswagen Coaching der Hauptdienstleister für Personal- und Organisationsentwicklung“, sagt Kathrin Marquardt, Pressesprecherin des Unternehmens. „Für den Konzern sind aber auch andere Anbieter tätig.“ Auf externe Dienstleister werde immer dann zurückgegriffen, wenn es zu speziell angeforderten Themen keine eigenen Experten gebe.

Unabhängige Weiterbildungsträger müssen auf die Konkurrenz nun ihrerseits mit einem verbesserten Angebot reagieren. Denn die personell und technisch bestens aufgestellten Töchter profitieren auch vom guten Ruf ihrer Konzerne, denen sie nach wie vor verbunden sind. „Das gilt aber nur, wenn die Firmen die Umstrukturierung geschafft haben und sich auf dem freien Markt gut zurechtfinden“, sagt Marktforscher Streicher. Lachende Dritte dürften in jedem Fall die Kunden sein. Denn sie profitieren davon, dass sich die Qualität der Kurse, Coachings und Seminare durch den verschärften Wettbewerb fast überall verbessert hat.

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