Wirtschaft : Kauermann ist der Favorit bei den Genossen

BERLIN (dr).Die jüngsten Zahlen der Bankgesellschaft Berlin haben in der Politik und an der Börse ein sehr unterschiedliches Echo hervorgerufen.Während die Berliner Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Michaele Schreyer, von einer "Hiobsbotschaft" und "Nieten in Nadelstreifen" sprach, wurden die Meldungen aus dem Hause der neuntgrößten deutschen Bank an der Börse durchaus positiv aufgenommen.Über die Führung bei der künftigen Berliner Volksbank wird unterdessen nach dem Rücktritt von Ulrich Misgeld heftig spekuliert.

Beobachter gehen davon aus, daß der bisherige Vorstandsvorsitzende der Berliner Volksbank, Ulrich Misgeld, nicht allein wegen seiner Auseinandersetzungen mit der Justiz zurückgetreten ist.Vermutet werden als Grund eher die schlechten Geschäftszahlen für 1998.Zwar hat sich der Aufsichtsrat am Donnerstag nicht zu dem Ergebnis geäußert, doch dürfte mit Misgeld ein Opfer gebracht worden sein.

Sein Nachfolger Rudolf Prast, der nun gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Grundkreditbank-Köpenicker Bank, Karl Kauermann, die Fusion der Genossenschaftsbanken vorantreiben soll, wird nur als Interimsbesetzung gehandelt.Erwartet wird, daß der eloquente Kauermann nach der Vertreterversammlung Anfang Juni als alleiniger Vorstandsvorsitzender der neuen Berliner Volksbank berufen wird.Prast, der sich in der Öffentlichkeit bisher zurückhielt, wird hingegen als effektiver Mann nach innen beschrieben.Ein Wort mitzureden haben dürfte auch der Genossenschaftsverband, der Kauermann als Sanierer an die Spree geholt hat, und der diesen als alleinigen Vorstandsvorsitzenden bevorzugen soll.Kauermann wollte sich zu diesen Spekulationen nicht äußern.Offiziell hieß es nur, man bedauere den Rückzug Misgelds.

Schon im Herbst des vergangenen Jahres zeichnete sich das Unheil für die Berliner Volksbank ab.Damals mußte das Institut in einem Zwischenbericht über die ersten neun Monate ein Nettoergebnis von minus 7,7 Mill.DM aus Finanzgeschäften bekannt geben.Der Volksbank brach also, zusätzlich zu ihren Schwierigkeiten im Immobilien- und Firmenkundenbereich, ein Zweig weg, mit dem sich bisher noch gutes Geld verdienen ließ - und mit dem beispielsweise die Bankgesellschaft ihr jüngstes Ergebnis so stark aufbessern konnte.Verantwortlich für den Wertpapierbereich ist als Vorstand Peter Hanker, dem viele Beobachter nachsagten, er strebe an die Spitze der Genossenschaftsbank.

Bei der Bankgesellschaft hofft man hingegen, nun endlich über den Berg zu sein.Ähnlich sehen es zumindest gegenwärtig auch die Börsianer.Dort kletterte der Kurs der Aktie entgegen dem Trend bei den Finanztiteln am Freitag um 1,07 auf 13,30 Euro.Der Dividendenausfall bei der Bankgesellschaft - Konzerndach von Berlin Hyp, Landesbank mit Sparkasse sowie Berliner Bank - war nicht überraschend gekommen.Bekannt sind die Probleme der Institute im Immobilienbereich.Nun scheint es aber auch die mittelständische Kundschaft der Berliner Bank in West-Deutschland getroffen zu haben.Hinzu kamen wachsende Probleme der Sparkasse mit Krediten an Privatkunden angesichts der enorm hohen Arbeitslosigkeit in der Stadt.Vorstandssprecher Wolfgang Rupf, der sich noch im Herbst des vergangenen Jahres überzeugt gezeigt hatte, alle Risiken insbesondere bei der Berliner Bank seien berücksichtigt, mußte eine neue Rechnung aufmachen.Brutto 900 Mill.DM an Risikoaufwand sind nun bei dem Institut in der Hardenbergstraße notwendig.Hinzu kommt noch der Restrukturierungsaufwand, der sich vor allem mit dem geplanten Personalabbau und der Kostenstraffung erklärt.So sollen bis Ende 2001 rund 2000 der insgesamt 18 000 Stellen im Konzern abgebaut werden.Die Kosten sollen im gleichen Zeitraum um rund 800 Mill.DM verringert werden.Leitende Mitarbeiter müssen auf einen Teil ihres 14.Monatsgehaltes verzichten.

Auf diese einschneidenden Maßnahmen begründen die Börsianer aber auch die Hoffnungen für die Bankgesellschaft, und sie machen zugleich den Dividendenausfall verständlich.Insbesondere bei den Gewerkschaften wäre eine Ausschüttung an die Anteilseigner auf massives Unverständnis gestoßen.Betroffen von dem jetzt bekannt gegebenen Vorschlag ist Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD).Sie hatte bereits 135,8 Mill.DM als erwartete Dividende in den Haushalt eingestellt.

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